Herr Gergely, Sie erwähnten während der AUB-Podiumsdiskussion, dass nach der Einstellung der Népszabadság Ihre Kollegen und Sie gemeinsam an Plänen für die Zukunft arbeiten. Wie sehen diese aus? Können Sie zu diesem Zeitpunkt schon etwas mehr verraten?

Das ist schwierig zu beantworten, weil man zweierlei Dinge unterscheiden muss. Zum einen das, was wir als 88 Individuen tun wollen, die jetzt auf dem freien Arbeitsmarkt sind und zum anderen, was wir als ehemalige Mitarbeiter der Népszadadság vorhaben. Unsere jahrelange Arbeit ist vernichtet worden und alles was wir produziert haben, wird noch immer unter Verschluss gehalten. Ich glaube, als geschlossene Gruppe der ehemaligen Népszabadság-Redaktion können wir vor allem eines tun: unsere Hinterlassenschaft verwalten. Wir haben die Pflicht, unsere Geschichte zu erzählen. Und wir haben die Pflicht sicherzustellen, dass Herr Pecina nicht wiederholen kann, was er mit uns getan hat. Bevor wir von Herrn Pecina gekauft wurden, haben wir natürlich recherchiert und ihn gegoogelt, aber nichts über ihn finden können. Wir wollen nicht riskieren, dass es anderen Redaktionen und Zeitungen ähnlich ergeht. Es soll in Zukunft die Möglichkeit geben, alles über Herr Pecina zu erfahren. Zum Beispiel, dass er kriminelle Machenschaften zugegeben hat, in den Panama Papers vorkommt und in Österreich vor Gericht steht.

Sie wollen also für mehr Transparenz sorgen?

Ja, es wäre gut, wenn auf Google die ersten zehn Treffer zeigen würden, was Herr Pecina schon alles getan hat, auch in Zusammenhang mit uns. Das ist das eine, das wir wollen. Andererseits wollen wir unsere Geschichte über Ungarn erzählen, ein Land das immer illiberaler wird. Wir glauben, dass Orbán ein sehr zynisches Spiel spielt, da er zum Beispiel ein viel besserer Partner für die europäischen Großmächte ist, als er es in Ungarn vorgibt zu sein. Er tönt hier laut über den Kampf gegen Brüssel, gibt in Brüssel aber klein bei. Er unterschreibt Ceta, obwohl das allem widerspricht, wofür er steht. Er ist ein Angeber nach außen, nach innen geht er mit zynischen Mitteln und legalen Tricks sehr hart und rigoros gegen alle Freiheiten eines Rechtsstaates vor. Das alles bekommen wir zu spüren und wir müssen jetzt umso stärker ausländischen Medien und ausländischen Politikern erklären, dass der biegsame Orbán, der nach außen klein beigibt, in Ungarn systematisch sein Land abwirtschaftet und sich eine Wirtschaft, basierend auf einer Oligarchie aufbaut.

Außerdem haben wir ehemalige Népszabadság-Mitarbeiter die Pflicht, unser Archiv zu befreien und sicherzustellen, dass unser Fotoarchiv dem Nationalmuseum überstellt wird. Es handelt sich dabei um ein Archiv mit bis zu 70 Jahren alten und teils sehr wertvollen Bildern, von denen einige hinter den Kulissen entstanden sind. Dasselbe gilt für unsere Zeitungen und Online-Angebote, die weiterhin online erreicht werden müssen. Dafür müssen wir gemeinsam sorgen, das ist unser Zukunftsprojekt.

Über ein anderes konkretes Zukunftsprojekt ist es an dieser Stelle und zu dieser Zeit noch schwierig zu sprechen. Wenn es aus finanzieller Hinsicht noch sinnvoll wäre in Ungarn zu investieren, dann würde ich sagen, dass ich als Investor sofort eine leicht linksgerichtete ungarische Tageszeitung aufbauen würde. Schließlich ist es ja eine Tatsache, dass die Hälfte des Marktes auf diesem Feld nicht mehr beliefert wird. Hier ist ein enorm großer Umsatz einfach verloren gegangen. Dass wir Schwierigkeiten haben, uns ein passendes Projekt zu überlegen, zeigt, dass in Orbáns Ungarn schon lange nicht mehr die Prinzipien des Marktes funktionieren. Die Nachfrage ist schließlich da, Zehntausende Leser können derzeit aber nicht mehr bedient werden. Hier herrscht also eine Marktlücke, die gute Einnahmen verspricht. Aber mögliche Investoren haben Angst, uns zu übernehmen. Obwohl sie hinter vorgehaltener Hand sagen, dass, wenn unsere Einnahmen aus dem Zeitungsverkauf und von den Abos wieder fließen würden, es dann möglich wäre, eine Firma mit einem kleinen Profit zu führen und die Zeitung wieder herauszugeben.

Das, was Sie berichten, widerspricht dem Argument, dass wirtschaftliche Gründe zur Einstellung der Népszabadság geführt haben.

Natürlich, wirtschaftliche Gründe gab es sicher nicht. Herrn Pecina hat die Népszabadság keinen einzigen Cent gekostet. Er hat sie kreditfinanziert gekauft. Während den beiden Jahren, die er Eigentümer von Mediaworks war, haben seine zwei Firmen einen Profit erwirtschaftet. Das heißt, die Verluste der Népszabadság blieben innerhalb der Firma. Wir bezweifeln die interne Verrechnung der Kosten ohnehin, denn die Druckerei gehörte ebenfalls der Firma Mediaworks. Die Népszabadság hat die Druckkosten direkt an die eigene Druckerei überwiesen. Es war das Management, das entscheiden konnte, wo der Profit erwirtschaftet wird. Wenn günstiger gedruckt wird, dann ist die Zeitung profitabel. Wenn die Druckerei teuer druckt, dann ist zwar die Zeitung in den roten Zahlen, aber die Druckerei profitabel. Das Geld fließt also von der einen Tasche in die andere. Es ist alles sehr kompliziert, aber es zeigt auch, dass hier viel unternommen worden ist, die Népszabadság finanziell und rechtlich auszuliefern und das Vermögen der Zeitung nach Wien zu transferieren. Wenn Herr Pecina von finanziellen Gründen spricht, dann kann das nur bedeuten, dass er sehr viel Geld für unsere Schließung erhalten hat. Und Herr Orbán kann getrost von sich behaupten, er habe damit nichts zu tun und das seien nur miese Tricks eines österreichischen Investors gewesen.

Während der Podiumsdiskussion sagten Sie, dass im Sommer jemand „Undercover“ in die Redaktion eingeschleust worden sei und sich auch die Gerüchte um die Schließung immer mehr häuften. So überraschend kam die Schließung für Sie also nicht, oder?

Ja und nein. Im Sommer mehrten sich die Gerüchte, dass etwas mit unserer Zeitung geschehen würde. Damals gab es viele Spekulationen und es wurde getuschelt, aber nichts ließ sich wirklich verifizieren. Wir wissen aber noch immer nicht, wann der Entschluss dann endgültig gefallen ist. Konkret wurden diese Informationen erst wenige Tage vor der Schließung. Als die Firma mediaworks im Sommer vier weitere Regionalblätter zu ihren acht bisherigen gekauft hat, war das für uns alarmierend. Vor allem, weil der Fidesz sehr große Anstalten gemacht hat, dass die Verträge schnell abgewickelt werden. Es ist auffällig, dass die Medienbehörde und die Wettbewerbshüter dem Geschäft binnen Tagen zugestimmt hatten. Und das, obwohl Mediaworks damit ein ziemliches Monopol aufbaute. Eine Firma ist im Besitz von zwölf Regionalzeitungen und die Wettbewerbshüter behaupten trotzdem, das sei kein Monopol, weil die Blätter nicht auf demselben Markt erscheinen und gegeneinander konkurrieren. Das Netzwerk der Regionalzeitungen macht Sinn, weil Regionalzeitungen sehr viel mehr Menschen erreichen als überregionale Zeitungen. Das sind Leser, die regional sehr verwurzelt sind und für die das ein Massenmedium darstellt. Wie die Monopolbehörde trotzdem behaupten kann, das sei kein Monopol, ist mir unbegreiflich. Wir wussten aber, mit diesem Deal würden für uns schwere Zeiten anbrechen. Es ist so, als ob ich eine Wohnung besitzen würde und ein Käufer zu mir kommt, der mir sagt, er kaufe meine Wohnung – aber er würde auch gerne die Wohnung über mir mit Dachterrasse haben. Weil ich gut mit dem Nachbarn befreundet bin, solle ich erst die Wohnung mit Dachterrasse kaufen, dann würde mir der Käufer beide Wohnungen abkaufen. Wir wissen, dass Herr Pecina die Dachterrasse gekauft hat, danach konnte er nicht mehr sagen, er wolle die Wohnung jetzt doch behalten. Wir wussten also, der Fidesz steht schon vor der Haustür. Aber mit dem Szenario, wie schließlich alles abgelaufen ist, hat niemand gerechnet. Es gab auch Kollegen auf dem Markt, die offen darüber gesprochen und uns gefragt haben, was mit uns passieren würde – ob man uns möglicherweise regierungstreu machen wolle und wir als eines der Mészáros-Blätter enden würden.

Gab es denn seitens der Regierung jemals Versuche, Sie gefügig zu machen? Haben Sie Eingriffe in ihre Arbeit oder gar Zensur erlebt?

Nein, niemals. Deswegen ist es ja so gelaufen, wie es gelaufen ist. Die Verantwortlichen haben gewusst, dass man das mit uns nicht wird machen können und wir nie gehorsam sein werden. Sie haben nicht einmal versucht, uns auf Regierungslinie zu bringen. Weil sie wussten, dass bei der Népszabadság stolze und unabhängige Menschen arbeiten. Also war es für Sie einfacher, uns zu schließen. Bei diesem Deal war Ihnen nicht nur unsere Zeitung wichtig, sondern auch die zwölf regionalen Blätter. Stellen Sie sich einmal vor, eine Regierung dominiert die größten Tageszeitungen, die Lokalblätter, die einzigen Wirtschaftsmagazine des Landes und sogar die Sportmagazine. Vor diesem Hintergrund waren wir eigentlich nur das Sahnehäubchen auf der Torte.

Was halten Sie vom Timing der Einstellung? Schließlich gab es drei Wochen zuvor das Referendum und zwei Wochen später sollte die 60-Jahrfeier des Freiheitskampfes von 1956 stattfinden. Warum ist die Regierung so unsensibel und taktisch unklug vorgegangen?

Ich glaube, die Verantwortlichen wollten das Referendum abwarten. Ein deutscher Journalist hat mir mal gesagt, wir werden hier dafür bestraft, dass das Referendum nicht gelungen ist und wie peinlich das für Orbán sei. Frau Merkel würde sich über dieses Missgeschick totlachen. Aber das ist nicht die Geschichte, wie ich sie verstehe. Ich glaube, Orbán hat dieses Referendum für seine eigenen Zwecke gewonnen. Das was er veranstaltet hat, war eine Sonntagsfrage unter realen Bedingungen. Er hat ausprobieren können, ob die Mobilisierung seiner Wählerschaft trotz all der Korruptionsfälle noch funktioniert. Orbán konnte genau heausbekommen, wie viele Wähler ihm folgen, indem er feststellte, wie viele von ihnen auf eine unsinnige Frage eine unsinnige Antwort geben. Für ihn waren die 3,3 Millionen Wähler ein großer Erfolg. Und das, obwohl das Referendum letztlich an der, für seine Gültigkeit nicht ausreichenden Teilnehmerzahl scheiterte.

Offiziell ging es bei dem Referendum um die Brüsseler Quotenregelung…

Um die Quote ging es Orbán nie. Es ging ihm vielmehr darum, Vorreiter in Europa zu sein, Herrn Seehofer zu zeigen, wie man so etwas richtig macht und darum, den Rechten zu demonstrieren, wie man einen unsinnigen Volksentscheid für sich instrumentalisieren kann. Heute Morgen hat er sich als einziger Regierungschef Europas über Facebook gefreut, dass Trump zum amerikanischen Präsident gewählt wurde. Es ging ihm persönlich darum, zu gewinnen und Europa zu zeigen, dass er mit seiner Migrationspolitik recht hat. Dabei wären wir beide genauso effektiv gegen die Migration, wie Herr Orbán, weil ja in Wahrheit niemand nach Ungarn einwandern möchte. Wenn wir uns beide jetzt einen Plan ausdenken würden, um die Migration nach Ungarn zu stoppen, dann wären wir damit genauso erfolgreich wie Orbán. Er führt einen fiktiven Kampf gegen eine fiktive Gefahr, ein Kampf der nur gewonnen werden kann. Und langsam wird es ihm selbst ungemütlich, weil er sagt, wenn das Referendum nicht gewonnen wird, dann kommen die Migranten in Strömen – wenn die Verfassungsänderung nicht durchkommt, dann kommen sie auch in Strömen. Obwohl nun beide Abstimmungen gescheitert sind, kommen die Migranten noch immer nicht in Strömen noch Ungarn. Der wahre Sinn hinter dem Referendum war es meiner Auffassung nach – wie gesagt – wirklich nur, eine Sonntagsfrage unter realen Bedingungen durchzuführen. Dadurch, dass es in diesem Sinne für ihn geklappt hat, hat er auch gesehen, was er mit den Menschen alles machen kann.

Gehört dazu auch die Einstellung der Népszabadság?

Ja, Orbán hat auch hier gemerkt, dass nichts an ihm hängen bleibt und er alles tun kann, sogar eine Traditionszeitung schließen. Dabei wurde er von einigen sogar noch beklatscht, die mit der Népszabadság noch immer eine kommunistische Zeitung assoziieren. Es ist für mich schwer begreiflich, dass ich, der zwölf Jahre alt war, als Imre Nagy umgebettet wurde – ein Ereignis, das mir ein solches Gefühl der Freiheit gegeben hat, das noch bis heute nachhängt – dass ausgerechnet ich mir anhören muss, ich hätte für eine kommunistische Zeitung gearbeitet. Wenn Sie mich persönlich fragen, glaube ich, dass Orbán die Zeitung zugemacht hat, weil er von den bei uns erschienenen Artikeln über seine Korruptionsgeschichten genug hatte. Er wollte, dass wir unsere Recherchen beenden, er wollte die Freiräume für freie und investigative Journalisten weiter einengen, er wollte auch, dass wir andere Blätter nicht weiter mit Informationen beliefern können. Er wollte also allen zeigen, was er alles tun kann.

Als die Einstellung der Népszabadság bekannt wurde, war das Entsetzen in der Bevölkerung groß. Ich habe mich aber häufig gefragt, warum sich nur ein paar wenige auf die Straße begeben haben. Warum nicht Zehntausende demonstrieren gegangen sind, so wie damals vor drei Jahren, als die Internetsteuer eingeführt werden sollte. Was glauben Sie, ist der Grund dafür?

Ich glaube, wir Ungarn schneiden im Allgemeinen nicht allzu gut ab, wenn wir unsere Freiheitsrechte verteidigen sollen und das trotz 1956. Wir waren nicht stark genug, als Orbán gegen Flüchtlinge gehetzt hat. Leider ist es so, dass es bei der Internetsteuer um unsere Portemonnaies ging – bei der Népszabadság ging es für die Menschen aber nicht um Geld. Das ist aber eine Illusion, denn wenn die Regierung permanent ihre Machenschaften verschleiern kann, dann kostet das uns schlussendlich viel mehr als 400 Forint monatlich wie bei der damals erwogenen Internetsteuer. Es gibt sogar Stimmen aus den Reihen des Fidesz, die die Korruption offen zugeben und sagen, das, was Herr Mészáros macht, das ist keine Korruption – das ist das System. So weit sind wir schon!

Doch zurück zu Ihrer Frage. Es ist leider so, dass die Bevölkerung immer gleichgültiger wird gegenüber vielem, was falsch läuft. Auch gegenüber den Politikern. Sie erwarten nichts mehr von der Regierung und von ihrem Ministerpräsidenten Orbán. Die Menschen haben es längst in Kauf genommen, dass sie die Elite, auf gut Deutsch gesagt „verarscht“. Leider glaube ich auch, dass sich die Medien immer mehr auf die Seite der Elite schlagen, so bekommen wir Medienschaffenden nicht die nötige Sympathie. Obwohl ein Aufschrei durch die Bevölkerung ging, konnten einfach nicht genug Menschen mobilisiert werden.

Schlussendlich glaube ich, dass die Regierung nach allem, was sie sich erlaubt hat, irgendwann auf einer Bananenschale ausrutschen wird. Ich habe das Gefühl, dass diese Regierungen und diese Macht nicht langsam, nach und nach, untergehen werden, wie im Falle von Ferenc Gyurcsány, der sich nach seiner Lügenrede noch mehr als zwei Jahre lang halten konnte. Ich glaube, dem Fidesz werden seine Machenschaften irgendwann zum Verhängnis und dann wird alles sehr schnell gehen. Ich weiß zwar nicht, wann der Punkt erreicht sein wird, an dem die Menschen sagen, dass es nun genug sei, aber dann wird es für die Regierung sehr ungemütlich – leider auch für uns.
Konversation

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