Am 10. November 2015 gegen 10 Uhr verschwanden drei Männer hinter der Tür der in Parlamentsnähe befindlichen, eleganten Aulich utca 3, die offiziell nichts miteinander zu schaffen haben konnten: Antal Rogán, Árpád Habony und eben jene blonde, bebrillte Gestalt, über die sich Fidesz- und Oppositionspolitiker dieselben Legenden berichten. Ein Mann, der alle Bilder von sich aus dem Netz entfernen ließ, mit dem man nicht in Kontakt treten kann, der quasi aufhörte zu existieren. (...) Laut unseren Quellen soll jedoch eben dieser Unbekannte (gemeint ist hier Balázs Kertész – Anm.) das fehlende Glied zum Verständnis der Geschehnisse und Geschäfte um Rogán sein. (...)

Ihre Verbindung reicht in die Zeit von Fidelitas (Jugendorganisation des Fidesz – Anm.) zurück. Kertész war 1996 Gründungsmitglied der Fidelitas und nahm auch an politischen Veranstaltungen teil. (...) Parteiinternen Quellen zufolge vertiefte sich dort das Verhältnis zwischen Antal Rogán und dem gleichaltrigen Vize-Vorsitzenden. Es entwickelte sich eine dauerhafte Interessengemeinschaft (...). 2002 zogen sie schließlich gemeinsam aus, um die Innenstadt zu erobern.

Jahrtausendwende: Geldwäsche und die Causa K&H

(...) Kertész wurde 1999 Referendar bei László Kelemen. Von 2000 bis 2001 arbeitete er als Rechtsberater für seinen einflussreichen Mentor bei der Ungarischen Nationalbank.

Wenig später, 2003, kam der erste Korruptionsfall ans Tageslicht, bei dem sowohl der Name von Kertész als auch von Rogán auftauchte: der Brokerskandal der K&H Bank. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde aufgestellt – und kam natürlich zu keiner Erkenntnis (...). Die Unterschlagung von 23 Milliarden Forint, die letztlich einen Schaden von acht Milliarden Forint verursachte, begann noch unter der ersten Orbán-Regierung – und obwohl die Sozialisten wesentlich mehr Dreck am Stecken zu haben schienen, steckte auch die Rechte bis zum Hals mit drin. (...) In einem Dokument mit dem Titel „Geldwirtschaftssystem“ häuften sich die Namen linker und rechter Politiker. Über Kertész war dort zu lesen, dass er „Antal Rogáns Geldwäschegeschäfte abwickelt“, konkret: „er erledigt Antal Rogáns Angelegenheiten in Sachen Schmiergeld“. (...)

Gegen Rogán und Kertész wurde jedoch nie strafrechtlich ermittelt. Letztlich blieb die Sache nur an László Kelemen hängen.

Nullerjahre: Die Fidelitas zieht in die Innenstadt ein

Wie es auch schon in den geheimnisvollen Aufzeichnungen des Brokerskandals steht, war Balázs Kertész damals bereits Abgeordneter in der Selbstverwaltung des V. Bezirks. Eine unserer Quellen aus dem V. Bezirk schilderte uns (index.hu – Anm.) die Landung von Rogán und den Seinen in der Innenstadt folgendermaßen: „Die Stimmung war, als wäre die Fidelitas hier eingezogen.“ Die Ankunft von Rogán und seinem Anhang missfiel den christdemokratischen KDNP-lern vom alten Schlag. Sie vermuteten, Rogán versuche so, sich eine von Orbán unabhängige politische Existenz aufzubauen und die Möglichkeit schien sich anzubieten, da die politische Rechte im V. Bezirk von innerparteilichen Streitigkeiten geschwächt war. Deswegen hatten sie im Herbst bereits den Bürgermeisterstuhl verloren.

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Kanzleramtsminister Antal Rogán holt seine Vergangenheit als Bürgermeister des V. Bezirks wieder ein. (Foto: MTI / Tamás Kovács)

„Sie erschienen zu dritt im Rudel. Man sah ihnen sofort an, dass sie zusammengehörten, und dass sie weniger persönliche, sondern vor allem parteiliche Stränge an die Altvorderen binden“, berichtet Tamás Ónody, damaliger Bezirksvorsitzender der SZDSZ und Abgeordneter im Stadtteil, über Rogán, Kertész und Puskás. (...)

Die hiesige politische Rechte ist um Jahrzehnte älter als sie: Rogán und die Seinen haben 2004 mit einem Teil abgerechnet und sich mit einem anderen Teil geeinigt. Das Verhältnis der Fidelitas-Clique wurde von anderen Politikern als vertrauensvoll, freundschaftlich, aber asymmetrisch wahrgenommen. Beobachter von damals sagen: „Rogán war das Alphamännchen, Kertész und Puskás sein Rudel“.

Kertész' Rückzug aus der Öffentlichkeit

„Das erste Zeitalter des Fidesz war um und das Zweite begann gerade erst. Die Alten hatten noch eine Vorstellung von der Welt, aber bei den Neuen war nichts zu spüren, außer des Fehlens einer Weltsicht“, erklärt Ónody weiter, dem zufolge die neuen Jungs eine Selbstsicherheit an den Tag legten, als gehöre ihnen die Welt. Dabei hätten Kertész und Puskás sich einfach an Rogán gehängt. (...) Letztlich war es jedoch nicht dieser kleine Stadtteilputsch, sondern der Sturm auf das Fernsehgebäude 2006, der zu Pál Steiners (damaliger MSZP-Bürgermeister des Stadtteils) herben Absturz führte. Mit 1.000 Stimmen Vorsprung entschied Rogán, der die Boulevardmedien bewusst für sich nutzte, letztlich den Bezirk für sich, den er bis 2014 leitete. (...)

2004 wurde Puskás der örtliche Fraktionsvorsitzende, 2006 dann Rogáns stellvertretender Bürgermeister. Er nahm an den politischen Kompromissschlüssen teil und war in den Stadtteilmedien überpräsent. Kertész hingegen war schon zu Oppositionszeiten fast ausschließlich für Geld- und Immobilienangelegenheiten zuständig. Auch in der Stadtteilverwaltung besetzte er mit wirtschaftlichen Themen befasste Positionen. Nach Rogáns Sieg 2006 mied Kertész die Öffentlichkeit noch mehr. Sein Name tauchte immer weniger in den örtlichen Medien auf. (...) Als sich Kertész 2010 aus der Politik zurückzog, endete auch die Unvereinbarkeit und so wurde er letztlich der Vorsitzende des Direktorats der Belváros-Lipótváros Vagyonkezelő Zrt., die unter anderen für Bewirtschaftung des Immobilienvermögens des V. Bezirks verantwortlich war.

(...) Die Entstehung des umstrittenen Verkaufssystems für innerstädtische Immobilien geht laut verschiedenen Bezirksabgeordneten bereits auf die 90er-Jahre zurück, auf die Zeit, als Károly Karsai (unabhängig, aufgestellt von der Fidesz-KDNP – Anm.) Bürgermeister war. Nun wurde das System laut eines rechten Politikers des V. Bezirks „dank der Mithilfe von Balázs Kertész perfektioniert und damit juristisch unangreifbar“.

Firmengründung mit halber Million, Wohnung für Hunderte Millionen

Im Herbst 2010 gründete Kertész die Monavis Consulting Kft. und ließ diese auf seine Privatadresse registrieren. Mit der 245 Quadratmeter großen Fünfzimmerwohnung in der dritten Etage der Aulich utca 3 hatte Kertész damals noch nichts zu tun. Diese gehörte noch dem Bezirk. Laut der Bezirkswebseite hatte die Wohnung 2008 einen Wert von 52 Millionen Forint, war jedoch nur als „sonstige Räumlichkeit“, nicht als Wohnung gelistet.

Im Oktober 2010, einen Monat nach der Gründung der Monavis, wurde die „sonstige Räumlichkeit“ in der Aulich utca als Wohnung umgewidmet. Dies musste durch den Besitzer der Immobilie, die von Antal Rogán geleitete Bezirksverwaltung, initiiert werden. Gegenüber Index sagte ein Immobilienfachmann, dass sich in solchen Fällen der Wert einer Immobilie quasi sofort verdoppeln könne. Trotzdem: Ein Jahr später, im November 2011, wurde die umgewidmete Immobilie für noch weniger als den vormals avisierten Wert verkauft. Für 44 Millionen Forint ging sie an den Zahnarzt József Fürstner. Laut den von Index befragten Immobilienmaklern lag 2011 der Quadratmeterpreis in der Gegend bei 400 bis 500.000 Forint, was bei der Größe der Wohnung einen Marktpreis von 100 bis 120 Millionen Forint bedeutet hätte. Der Zahnarzt machte also ein Bombengeschäft.

(...) Doch auch Kertész profitierte: Nach der Geschäftsgründung mit einer halben Million Forint konnte er durch die Verkaufsabsicht des Bezirks, die Umwidmung und den als Einfaltspinsel erscheinenden Fürstner (der die Wohnung zu unglaublich günstigen Konditionen verkaufte – Anm.) an die Wohnung in der Aulich utca gelangen, die sich nahezu über die gesamte Etage des Gebäudes erstreckt. (...)

Kertész´ Verpuppung und Verwandlung

Seit 2010 zeigte sich Balázs Kertész kaum bis gar nicht mehr auf öffentlichen, offiziellen Veranstaltungen und auch politisch hatte er kein Amt mehr inne. Fremde können mit ihm nicht in Kontakt treten, auf E-Mails antwortet er nicht und auch ans Telefon geht er nicht. Doch Kertész wurde nicht nur unsichtbar, er wurde auch unerreichbar. (...) Der Rückzug von Rogáns innerstädtischer rechter Hand ist ein bizarrer Vorgang. Zu fürchten hat er nichts, schließlich regiert die Partei nicht nur den Bezirk, sondern seit 2010 das ganze Land. (...) Kertész wählte trotzdem das Inkognitodasein. Das Geheimnis wird nur noch dadurch undurchsichtiger, dass auch solche Personen die Geheimniskrämerei um Kertész unterstützen, die mit ihm nachweislich oder vermeintlich durch gemeinsame Interessen verbunden sind.

Im Zentrum des Anwaltsnetzes um Rogán

2011 schließlich reanimierte Kertész seine Anwaltskarriere, und zwar eben dort, wo er sie ein Jahrzehnt zuvor begann: im Anwaltsbüro von László Kelemen (...). (...) Wir wissen nicht, warum, aber Kertész verließ – wohl um 2013 – das Büro Kelemen und (...) wählte ein kleineres, wenig bekanntes Büro: Die Anwaltskanzlei Kosik. Im Oktober 2012 reichte Antal Rogán einen Gesetzesentwurf ein, der die Ansiedlungsanleihen und somit auch das milliardenschwere Geschäft mit ihrem Verkauf begründete – einer der späterer Nutznießer: die Kanzlei Kosik. (...) Auch in den Medien bekam die Kanzlei schnell das Attribut „Rogán-Habony-nah“, aber niemand konnte eine Antwort darauf geben, warum gerade sie die auserwählte Kanzlei war und wie gerade sie ein Teil des Systems wurde. In einer Alumnidatenbank fanden wir die bis dahin einzige nachweisbare Verbindung: Balázs Kertész und Kristóf Kosik waren Kommilitonen und haben beide im Jahr 2000 an der Pázmány-Universität ihr Jura-Diplom erhalten. (....)

Aber Kristóf Kosik war nicht der einzige Jahrgangskollege von Kertész, der später auf Umwegen ins Rogán-Universum gelangte. Durch das Alumniverzeichnis der Pázmány-Universität wurde schnell offensichtlich, dass für die Erfüllung von Aufgaben in oberflächlich zu Rogán gehörigen Instituten mehrfach Leute aus dem Kreis der Balázs-Kertész-Kommilitonen eingestellt wurden.

Leugnen, Schweigen und ein verschwundenes Foto

Antal Rogán leugnete alles – ohne zu wissen, dass wir im Besitz von Aufnahmen sind. Nicht nur zum mutmaßlichen Treffen in der Aulich utca, sondern auch zu seinem Vertrauensverhältnis zu Balázs Kertész. Auf unsere konkreten Fragen erhielten wir vom Kabinettsbüro der Ministerpräsidenten nur die einsilbige Antwort, dass alle unsere Behauptungen jedweder Grundlage entbehren. Man würde uns verklagen, sollten wir diese trotzdem veröffentlichen. Deswegen baten wir den Minister um ein Hintergrundgespräch, vielleicht erhalten wir dort gehaltvollere Antworten. Vielleicht kann uns Rogán überzeugen, dass es hier keinerlei Angelegenheit gibt. Der Minister ließ die Gelegenheit bisher aber ungenutzt, seit dem 7. September sind zwei Monate vergangen, noch kam keine Reaktion.

Der hier in Auszügen erschienene Text erschien am 11. November auf dem Nachrichtenportal index.hu.

Aus dem Ungarischen von EKG


Premier Orbán stellt sich vor Kabinettsminister Rogán

„Angriffe stärken nur seine Position“

In der Parlamentssitzung am Montag sah sich Premier Viktor Orbán gleich mit mehreren Fragen von Oppositionsseite zu seinem Kabinettsminister Antal Rogán konfrontiert. Neben den erneuten Anspielungen auf den Helikopterflug Rogáns seitens der MSZP versuchte die Abgeordnete der grünen LMP, Bernadett Szél, Premier Orbán in die Enge zu treiben. Antal Rogán habe nachweislich gelogen, so Szél. „Wie lange kann er so noch Minister bleiben?“ Die Frage ging an die richtige Adresse, schließlich ist Regierungsoberhaupt Orbán für die Besetzung der Ministerposten zuständig. Orbáns Antwort: „Ich beschäftige mich nicht mit politischen Bluffs, politischem Boulevard und politischen Scheinangriffen.“ Der Premier weiter: „Jeder Angriff stärkt nur die Position des Herrn Minister Rogán.“

Auch seitens der Jobbik gab es Fragen zum Kabinettsminister. György Szilágyi formulierte scharf, als er sagte: „Indem Rogán lügen darf, nehmen Sie (Premier Viktor Orbán – Anm.) hin, dass die Regierung lügt.“ Der Premier wiegelte jedoch auch dies in der altbekannten Methode ab, er befasse sich nicht mit Angriffen gegen seine Person, und hier ginge es ja ganz eindeutig nicht um Antal Rogán. An Szilágyi gerichtet sagte Orbán weiter: „Glauben Sie nur nicht, dass diese Nachrichten uns bewegen, oder auch nur zum Nachdenken anregen.“ Es scheint also, als genieße „Kronprinz“ Antal Rogán unverändert das Vertrauen seines Arbeitgebers Viktor Orbán.

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