Seit wann sind Sie genau in dieser Position?

Im Mai 2014 wurde das Staatssekretariat für Familie und Jugend eingerichtet. Die Leitung wurde mir anvertraut. Seit diesem September 2016 bin ich zudem innerhalb unseres Ministeriums auch für die internationalen Angelegenheiten verantwortlich.

Zuvor waren Sie eher im diplomatischen Bereich tätig. Wie wurden Sie dann plötzlich praktisch „Familienministerin“?

Ja, gleich nach Abschluss der Corvinus-Universität (2001) im Bereich Diplomatie begann ich im Außenministerium zu arbeiten. Damals haben wir uns noch auf die EU-Mitgliedschaft vorbereitet. Auf diesem Gebiet war auch ich tätig. Im Jahr von Ungarns EU-Beitritt (2004) wurde dann mein erster Sohn geboren. Im Abstand von jeweils zwei Jahren bekam ich noch einen weiteren Sohn und schließlich noch eine Tochter. Dadurch war ich insgesamt sechs Jahre nicht berufstätig…

Aber Sie erwarben immerhin quasi nebenbei eine Befähigung für Ihre heutige Position.

Ich habe die sechs Jahre sehr genossen. Mich komplett meinen Kindern widmen zu können, war mir sehr wichtig. Natürlich habe ich mir, so wie andere Frauen auch, Gedanken darüber gemacht, ob ich dabei nicht meine Karriere aufs Spiel setze. Ich habe mein erstes Kind früh bekommen, genau zu der Zeit, in der man bei der Karriere so richtig durchstartet. Das bedeutet natürlich einen Einschnitt in die Karriereplanung. In meinem Fall muss ich sagen, dass ich Glück hatte. Genau in dem Jahr, als ich wieder beruflich tätig werden wollte, waren Wahlen und wurde János Martonyi wieder Außenminister. Er hat mich dann in sein Kabinett zurückgeholt. Im Rahmen der Vorbereitung und Abwicklung der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft war ich wieder voll mit dabei. Das war natürlich eine sehr spannende Aufgabe. Im Jahr 2012 wechselte ich dann ins Sozialministerium, wo ich unter Minister Zoltán Balog die Gelegenheit bekam, mich als Kabinettschefin zu beweisen. In dieser Funktion beschäftigte ich mich auch mit der Familienpolitik. Nach den Wahlen 2014 wurde entschieden, die Sozialpolitik von der Familienpolitik zu trennen, so wurde ich Staatssekretärin für Familien und Jugend.

Haben Sie lange gezögert?

Nein, ich hatte mich darauf verlassen, dass Minister Balog, mit dem ich ja schon zwei Jahre zusammengearbeitet hatte, mich gut einschätzen kann und weiß, ob ich in der Lage sein werde, dieses Amt zu bekleiden. Ich wusste natürlich, dass das eine große Herausforderung werden würde, weil die Familienpolitik in der Regierung Priorität genießt und die Demographie in Ungarn in keinem sehr guten Zustand ist. Nicht erst seit gestern, bereits seit 35 Jahren sinkt die Bevölkerungszahl in Ungarn. Das ist natürlich nicht ein Problem, das man in vier Jahren lösen kann. Das ist eine längerfristige Herausforderung. Persönliche Erfahrungen und das hautnahe Wissen um die Probleme von Eltern, aber auch mein wirtschaftswissenschaftliches Fachwissen helfen hier außerordentlich. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass das Elterndasein nicht nur ein harter Job ist, sondern dass die schönen Seiten überwiegen. Ich finde es sehr wichtig, dass verstärkt über die schönen Seiten des Familienlebens gesprochen und das Kinderkriegen nicht immer nur unter Kostenaspekten betrachtet wird. Kinder sind in erster Linie eine Glücksquelle, sowohl für einen selbst, als auch für die Gesellschaft. Wenn diese Grundeinstellung nicht vorhanden ist, dann helfen auch die besten Fördermaßnahmen nichts.

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„Es ist sehr wichtig, dass die traditionell guten deutsch-ungarischen Beziehungen permanent gepflegt werden. Dabei kommt es auch auf die jüngeren Generationen an.“

Als ob das Mammutprojekt „Reparatur der Demographie“ nicht genug wäre, wurde Ihnen im September noch eine zusätzliche Aufgabe übertragen.

Im September habe ich innerhalb unseres Ministeriums den mir nahestehenden Bereich Internationale Beziehungen übernommen. Wir sind ein sehr großes Ministerium. Wir vereinen die Bereiche Familien, Jugend, Bildung, Kultur, Gesundheitswesen, Sport, gesellschaftliche und soziale Angelegenheiten. In Deutschland sind dafür fünf separate Ministerien verantwortlich. Es ist wichtig, dass wir uns in der Welt anschauen, was in diesen Bereichen passiert und welche Kooperationsmöglichkeiten es gibt. Und natürlich müssen wir unseren Partnern auch unsere Ergebnisse zeigen. Ich könnte Ihnen zahllose Beispiele nennen, in denen wir viel erreicht haben. Zum Beispiel bei der Familienförderung, im Gesundheitswesen und im Bildungswesen. Ebenso bei der Roma-Integration, in Ungarn leben ja etwa 700.000 Roma. Wir möchten nun, dass all diese positiven Ergebnisse weltweit bekannter werden. Zu diesem Zweck hat Minister Balog innerhalb unseres Ministeriums ein internationales Staatssekretariat ins Leben gerufen. So bin ich zu meiner zweiten Stelle gekommen, die mit überraschend viel Arbeit einhergeht.

Was konkret tun Sie in Ihrer neuen Funktion?

Zu meinem Aufgabenkreis gehört zum Beispiel das Kontakthalten mit multilateralen Organisationen wie UNO, EU, UNESCO und verschiedenen NGOs. Es ist uns wichtig, diesen Organisationen die ungarische Sichtweise nahe zu bringen. In der Hinsicht planen wir zum Beispiel mehrere internationale Veranstaltungen und Foren, um Raum für den Gedankenaustausch zu schaffen. Ende letztes Jahr hatten wir eine sehr erfolgreiche Veranstaltung, das Budapest Demographic Forum, dieses Jahr haben wir schon eine internationale Romakonferenz veranstaltet, ein Alumnitreffen und noch vieles mehr. Gerade kürzlich war ich in meiner neuen Funktion aber auch bei der 6. Jahrestagung des Jungen Deutsch-Ungarischen Forums an der Andrássy-Uni mit dabei. Außerdem bin ich beim deutsch-ungarischen Jugendwerk aktiv. Es ist sehr wichtig, dass die traditionell guten deutsch-ungarischen Beziehungen permanent gepflegt werden. Dabei kommt es auch auf die jüngeren Generationen an. Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir nach sechs Jahren sehr gut dastehen, wir haben schon viele Sachen in Ordnung gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, unsere Fenster weit zu öffnen, damit das Ausland von diesen Ergebnissen Notiz nimmt.

Dann sind Sie wohl zusätzlich viel im Ausland unterwegs?

Nein, das nicht. Jedes Fachgebiet hat seinen eigenen verantwortlichen Staatssekretär. Meine Aufgabe und Verantwortung ist es, Herrn Minister Balog und die anderen Staatssekretäre in ihrer internationalen Arbeit und bei ihren Kontakten zu unterstützen.

Zurück zu Ihrem primären Gebiet, den Familien. Worin besteht das Wesen der Familienpolitik des Fidesz?

Wir konzentrieren uns nicht auf das Glück des Individuums, bei uns steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Wir sind davon überzeugt, dass eine starke Gesellschaft, ein starkes Land nur auf starken Familien basieren kann. Deswegen wollen wir die Familien stärken und unterstützen. Und eben nicht in erster Linie das Glück des Individuums oder des Einzelnen in den Vordergrund stellen, sondern das Glück der Gemeinschaft. Die Wertschätzung der Familie ist ein wichtiger Wert.

Wie kann man diese Botschaft in die Gesellschaft transportieren?

Das ist gar nicht so schwierig. Man muss nur einfach über offensichtliche Dinge ehrlich sprechen und jedem, der über sein Leben nachdenkt, wird bewusst, welche wichtige Rolle die Familie darin spielt. Das ist eine natürliche Sache, aber trotzdem erscheint es im Alltag manchmal so, als hätte sie keine Priorität. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit klaren und ehrlichen Botschaften die Menschen erreichen können. Wir wollen über das natürlichste Gefühl des Menschen sprechen, und sind davon überzeugt, dass es wichtig ist, das offen zu kommunizieren, sich offen dafür auszusprechen und offen daran zu arbeiten.

Wie kann die Politik hier helfen?

Es ist uns wichtig, Ungarn auf allen Gebieten als familienfreundliches Land zu zeigen. Als ein Land, in dem Kinder einfach dazugehören…Übrigens nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Großeltern.

Deswegen wohl auch die kleine Kinderecke mit Spielsachen und Kinderbüchern in Ihrem Vorzimmer. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so etwas in einem Ministerium gesehen zu haben…

Ja, auch das gehört dazu. Bei mir war auch schon eine junge Mutter zu Besuch, die in meinem Arbeitszimmer ihr Baby gestillt hat, weil sie gerade keine andere Möglichkeit hatte, als es mitzubringen. Aber so etwas ist doch ganz normal und natürlich! Auch dass Kinder einen anderen Geräuschpegel als Erwachsene haben. So etwas sollte aber nicht böse, sondern freundliche Blicke auf sich ziehen. Immerhin geht es hier um die Zukunft unserer Gesellschaft. Eine gute Familienpolitik zu machen, heißt auch, die Gesellschaft so kinderfreundlich wie möglich zu gestalten. So sollten etwa kinderfreundliche Restaurants die Regel sein und nicht die Ausnahme. In Sachen Kinderfreundlichkeit kooperieren wir mit vielen Zivilorganisationen. Derzeit arbeiten wir an einem Bewertungssystem für Restaurants, Hotels und Pensionen in Sachen Familienfreundlichkeit. Dabei wird unter anderem in Betracht gezogen, dass Familien mit vielen Kindern größere Parkplätze benötigen oder auch einen Wickelraum. Generell setzen wir aber nicht auf die Sanktionierung von Defiziten, sondern die Prämierung von gelungenen Beispielen. So prämieren wir das familienfreundlichste Unternehmen, den familienfreundlichsten Arbeitsplatz, die familienfreundlichste Wohnanlage und so weiter. Es gibt schon viele gute Beispiele. Auf diese möchten wir die Aufmerksamkeit noch stärker lenken.

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„Wir wollen Ungarn auf allen Gebieten als familienfreundliches Land zeigen.“

Auch die Regierungsmitglieder sind beispielhaft für die neue Familienpolitik. Haben Sie hier genaue Zahlen?

Innerhalb der Regierung liegt der Kinderdurchschnitt bei über drei Kindern pro Elternpaar. Unser Ministerpräsident ist stolzer Vater von fünf Kindern. Genauso viele hat auch mein Minister, also Herr Balog. Insgesamt haben die elf Regierungsmitglieder 37 Kinder. Staatspräsident János Áder ist Vater von vier Kindern. Allein schon diese persönlichen Vorbilder bestärken natürlich die Glaubwürdigkeit unserer Mission.

Viele glückliche Väter! Aber was ist in Ihrer Regierung eigentlich mit den Frauen? Warum gibt es in Ungarn generell in höheren Staatsfunktionen so wenige Frauen?

Ich finde auch, dass es in Ungarn im öffentlichen Leben zu wenige Frauen gibt. Was der Grund dafür ist, ob es für Frauen nicht attraktiv genug ist oder sie denken, sie hätten hier nichts verloren, weiß ich nicht. Generell finde ich es aber wichtig, dass auch Frauen in Regierungen vertreten sind. Auf anderen Gebieten bietet Ungarn übrigens kein so schlechtes Bild. In der gesamten Verwaltung sind 40 Prozent der Führungskräfte weiblich. Aber es stimmt auch, dass der Frauenanteil, je weiter man nach oben geht, umso niedriger wird. Das ist aber auch historisch bedingt, die Politik war noch nie wirklich eine Domäne der Frauen.

In den MSZP-Regierungen gab es aber mehr Frauen.

Ja, aber unsere Regierung ist auch nur noch etwa halb so groß wie zuvor. Auf Ebene der Minister gibt es zwar keine Frauen, auf der Staatssekretärsebene gibt es aber immer mehr. Ich unterstütze Frauen gerne dabei, in diesen Bereichen erfolgreich zu sein. Ich denke aber auch, dass sich das natürlich entwickeln wird. Zum Beispiel gibt es unter den Hochschulabsolventen in Ungarn mehr Frauen als Männer. Diese Frauen werden es irgendwann auch in höhere Positionen schaffen, das ist ein organischer Prozess.

Die geringe Zahl an Frauen in Führungspositionen wird gelegentlich mit dem rauen Wind erklärt, der in Ungarn umso stärker weht, je höher man kommt. Merken Sie etwas davon?

Nein, um uns muss sich keiner Sorgen machen. Ich verstehe zwar jeden, der einen großen Bogen um die Politik macht. Das ist ein Feld, das nicht für jeden gemacht ist. Aber das trifft ebenso auf die Männer zu. Dies ist ein Bereich, der zwar sehr schön, aber auch mit harten Kämpfen verbunden ist. Ich werde häufig gefragt, wie es als Frau in dieser Position ist, und die meisten sind von meiner Antwort enttäuscht, weil ich sagen muss, dass ich noch nie mit dummen oder anzüglichen Bemerkungen bedacht wurde, weil ich eine Frau bin. Auf der anderen Seite muss ich auch ganz ehrlich sagen, dass ich es sehr schätze, und auch erwarte, dass meine männlichen Kollegen mich als Frau wahrnehmen. Das sie mir etwa höflich die Tür aufhalten und auch sonst zeigen, dass sie wissen, wie man einer Dame gegenüber auftritt.

In Ihrer täglichen operativen Arbeit, etwa, wenn Sie unterstellte Männer anleiten müssen, spüren Sie also keinen Nachteil?

Als Frau hat man hier durchaus ein gewisses Handicap. Das gibt es aber auch, wenn man jung ist. Natürlich gibt es bestimmte Bereiche, in denen eine Frau mehr leisten und besser argumentieren muss, um genauso ernst genommen zu werden wie ein Mann. Aber es gibt wiederum Bereiche, in denen ein Mann mehr leisten muss als eine Frau. Das wird sich alles mit der Zeit ändern. Wichtig ist, dass man jede Arbeit auf einem möglichst hohen Niveau und nach bestem Wissen und Gewissen ausübt. Deswegen bin ich auch kein Anhänger von Quoten. Man soll nicht deswegen für einen bestimmten Job ausgewählt werden, weil man eine Frau oder ein Mann ist, sondern weil man die nötigen Kompetenzen mitbringt. Wenn man dann erst einmal bewiesen hat, dass man etwas gut kann, ist das Geschlecht egal. Ganz wichtig finde ich, dass man nie sein Geschlecht verleugnet und nicht etwa als Frau anfängt, sich wie ein Mann zu benehmen, nur um ernst genommen zu werden.

Wäre die gegenwärtige ungarische Politik konsensorientierter und harmonischer, wenn hier mehr Frauen das Sagen hätten?

Es gibt weibliche Ansichten und weibliche Denkweisen, und natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Mann und Frau, auch im Diskussionsverhalten und in der Konfliktaustragung. Mehr Frauen in Spitzenpositionen von Politik und Verwaltung wären sicher kein schlechter Beitrag für eine friedlichere Gesellschaft. Es gibt in dieser Hinsicht in Ungarn definitiv noch Entwicklungsmöglichkeiten.

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„Im Endeffekt möchten wir, dass wir unsere demographischen Probleme aus eigener Kraft und nicht mittels Migration lösen, wie einige westeuropäische Länder.“

Was sind die wichtigsten Errungenschaften von über sechs Jahren Fidesz-Familienpolitik?

Unter anderem die verschiedenen Steuervergünstigungen für Familien. Wir möchten den Menschen ermöglichen, ihre Zukunft mittels einer guten Arbeit aufzubauen und ihr Einkommen in ihre Familie zu investieren. Das war der größte Paradigmenwechsel. Wir unterstützen die Familien nicht durch soziale Beihilfen, sondern vor allem mittels der Schaffung von Arbeitsplätzen und dadurch, dass von dem erarbeiteten Geld möglichst viel bei den Familien bleibt. Die Steuervergünstigungen können sowohl die Mütter als auch die Väter in Anspruch nehmen. Auf diese Weise lassen wir den Familien inzwischen jährlich über 200 Milliarden Forint zukommen. Das sind etwa vier Prozent unseres Staatshaushaltes, der OECD-Durchschnitt liegt bei 2,4 Prozent. Innerhalb der EU tut nur Frankreich noch mehr für seine Familien.

Was wurde noch erreicht?

Wir haben ein neues System des Kinderbetreuungsgeldes eingeführt. Es ist jetzt zum Beispiel möglich, dass man neben der Kindererziehung arbeiten kann und dennoch weiterhin die Familienunterstützung bekommt. Der Mutterschutz gilt bei uns drei Jahre lang, man ist also drei Jahre lang finanziell abgesichert. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das ein sehr langer Zeitraum. Früher verlor man die Familienförderung, wenn man vorzeitig wieder arbeiten ging. Mit dieser Änderung wollen wir Frauen unterstützen, die zurück in die Arbeitswelt wollen. Sie können sich aber auch weiterhin zuhause um ihre Kinder kümmern. Die Wahl liegt bei ihnen.

Zumindest, wenn es ausreichend Krippen- und Kindergartenplätze gibt…

Auch auf diesem Gebiet waren wir sehr aktiv, schließlich ist das ein integraler Teil unserer familienfreundlichen Politik. Im Endeffekt möchten wir, dass wir unsere demographischen Probleme aus eigener Kraft und nicht mittels Migration lösen, wie einige westeuropäische Länder. Deswegen schauen wir uns auch sehr genau an, warum Ungarn oft mehr Kinder haben wollen, als sie schlussendlich bekommen. Warum möchte ein junges Paar mindestens zwei Kinder und bekommt letztlich nur eins? Die Fertilitätsrate liegt heute in Ungarn bei 1,44, was sehr gering ist, denn bekanntlich brauchen wir eine Rate von rund 2,1, damit die Bevölkerung nicht schrumpft. Immerhin konnten wir uns hier deutlich verbessern: 2011 lag die Rate noch bei 1,24. Wir sind also auf dem richtigen Weg, die Tendenz ist gut.

Warum wollen ungarische Paare mehr Kinder, als sie letztlich bekommen?

Einer der wichtigsten Gründe ist das Fehlen von stabilen Partnerschaften. Dagegen können wir als Regierung aber leider nichts machen. Für die Schaffung von stabilen und berechenbaren sonstigen Rahmenbedingungen allerdings sehr wohl. Damit Familien ihren Kinderwunsch realisieren, brauchen sie stabile soziale und finanzielle Verhältnisse. Eine große Rolle spielt auch die Wohnraumsituation. Da haben wir eine Lösung ins Leben gerufen, die international einzigartig ist. Wenn in Ungarn ein junges Paar zum Beispiel drei Kinder bekommen möchte, oder schon drei Kinder erzieht, und ein Haus bauen möchte, dann erhält es im Rahmen unseres Programms CSOK umgerechnet 33.000 Euro an staatlicher Förderung, die nicht zurückgezahlt werden muss. Weiterhin haben wir die Möglichkeit von zinsgünstigen Krediten für Familien geschaffen. Das ist eine riesige Hilfe für junge Familien, um sich ein schönes Zuhause leisten zu können. Auch auf vielen anderen Gebieten haben wir dazu beigetragen, die Haushaltskasse junger Familien zu entlasten. So etwa mittels kostenloser Schulbücher und kostenlosem Schulessen.

Wie ist der Zuspruch von CSOK?

Wir wissen von mindestens 30.000 Personen, die bereits einen Antrag gestellt haben. Dabei geht es um fast 67 Milliarden Forint, die wir bereits für diesen Zweck ausgegeben haben. Der Bedarf ist noch immer riesig, für nächstes Jahr haben wir hierfür ein Budget von 211 Milliarden Forint eingeplant. Übrigens können sich auch Alleinerziehende im Rahmen des CSOK-Programms bewerben.

Sind Sie mit Blick auf die Grundsätze Ihrer Politik mit dem gegenwärtigen Arbeitsrecht zufrieden?

Hier gibt es noch viel zu tun. So sollten wir uns etwa bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Teilzeitbeschäftigung an Deutschland orientieren. Würde es den Frauen über die Teilzeitarbeit besser ermöglicht, den Weg zurück in den Beruf zu finden, so könnte auch das zur Realisierung des Kinderwunsches beitragen. Immerhin sind wir hier, etwa beim Schutz des Arbeitsplatzes, schon etwas vorangekommen.

Bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf arbeiten wir übrigens eng mit dem Finanzministerium zusammen und versuchen die Lohnnebenkosten zu senken. Außerdem unterstützen wir Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen möchten, etwa bei Weiterbildungsmaßnahmen, was ihnen später den Wiedereinstieg erleichtert.

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„Eine gute Familienpolitik zu machen, heißt auch, die Gesellschaft so kinderfreundlich wie möglich zu gestalten.“

Gibt es in Sachen Arbeitsgesetzbuch keine Zielkonflikte? Schließlich geht ein familienfreundlicherer Inhalt auf Kosten der von den Investoren sehr gepriesenen Unternehmensfreundlichkeit?

Zum Glück kann ich sagen, dass familienpolitische Themen innerhalb der Regierung einen großen Konsens genießen. Es wird aber keine Veränderungen geben, die keine Anerkennung auf breiter Basis finden. Es liegt nicht in unserem Interesse, Regelungen zu finden, die sich auf die Unternehmen negativ auswirken könnten. Man kann gute Kompromisse finden. Schließlich könnte etwa durch eine stärkere Beschäftigung von Frauen zugleich dem Facharbeitermangel begegnet werden. Dafür müssten aber noch gewisse Veränderungen im Arbeitsgesetzbuch vorgenommen werden. Wir brauchen flexiblere Arbeitszeitmodelle und Arbeitszeiten. Auf jeden Fall ist der Anteil von Müttern im erwerbsfähigen Alter mit 57,8 Prozent noch deutlich zu gering. Die Halbzeitbeschäftigung von Frauen liegt bei lediglich 7,7 Prozent. Auf der anderen Seite dürfen Mütter, insbesondere von drei, vier oder gar fünf Kindern nicht geringgeschätzt werden, wenn sie sich komplett für ihre Familie entscheiden. Das ist eine gesellschaftlich ebenso wichtige Arbeit wie die Produktionsarbeit in einem Unternehmen.

Gibt es neben der bereits angesprochenen Fertilitätsrate weitere Parameter, die für den Erfolg Ihrer Familienpolitik sprechen?

Auch bei der Zahl der Eheschließungen gab es einen enormen Anstieg. Zwischen 2002 und 2010 ist diese Zahl zunächst um 23 Prozent gesunken, von 2010 bis 2015 jedoch um beachtliche 30 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl von Abtreibungen durchschnittlich um 23 Prozent gesunken, während die Fertilitätsrate – wie gesagt – einen 17-prozentigen Anstieg erlebte. Ebenso gibt es einen Anstieg bei der Frauenbeschäftigung. Gleichzeitig ist die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen deutlich gesunken, wir bewegen uns diesbezüglich unter dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Diese positiven Veränderungen konnten wir bewerkstelligen, weil die Wirtschaft stetig wächst. Dadurch hat sich insgesamt der Wohlstand erhöht und ist das Risiko, durch Kinder in die Armut abzurutschen, deutlich gesunken. Dazu haben auch verschiedene Maßnahmen und Programme beigetragen, wie etwa kostenlose Schulspeisung, kostenlose Schulbücher und die Erhöhung der Familiensteuerbegünstigung. Die Bedingungen für Familien sind heute in jeder Hinsicht viel besser als sie es 2010 waren. Sämtliche Zahlen sprechen für den Erfolg unserer Politik. Die positiven Tendenzen der entscheidenden Indikatoren sind stabil und nachhaltig.

Was möchten Sie in der zweiten Hälfte Ihrer Amtszeit noch umsetzen?

An erster Stelle müssen wir die Arbeitszeiten für Frauen flexibilisieren. Auch bei der Jugendförderung gibt es noch viel zu tun. Es ist wichtig, dass die jungen Menschen merken, dass es für sie gute Perspektiven in Ungarn gibt. Obwohl wir es natürlich begrüßen, dass junge Menschen die Welt bereisen und andere Länder kennenlernen, müssen sie stets die Gewissheit einer sicheren und guten Zukunft in Ungarn haben. Junge Menschen sind uns sehr wichtig, alles, was wir tun, tun wir, um ihnen eine gute Zukunft zu garantieren. Wir möchten, dass sie sich einbringen und ihre Meinung zu unserer Politik äußern. Die Kommunikation mit ihnen muss aber noch besser werden. Wir müssen mit der Schaffung von Krippen- und Kindergartenplätzen weitermachen. Egal, wo man lebt – ob in der Stadt oder auf dem Land –, nirgendwo dürfen fehlende Kinderbetreuungsplätze ein Hindernis für die Integration in den Arbeitsmarkt sein. Akzente möchte ich schließlich auch noch beim Thema Adoption setzen. In Ungarn gibt es viele Kinder, die zur Adoption stehen, und viele Eltern, die gerne adoptieren möchten. Leider decken sich hier Bedarf und Möglichkeiten noch nicht. Daran müssen wir noch arbeiten.

Unser Ziel ist es, dass Ungarn ein noch familienfreundlicheres Land wird. Wir haben schon sehr viel dafür getan, können uns aber bei Weitem noch nicht zurücklehnen.

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