Anders herum könnte man auch feststellen: Seit Wochen hat es ein Jäger auf den Kabinettschef abgesehen, der immer noch als einer der beiden Kronprinzen von Orbán gehandelt wird. Die Vermutung, dass es sich bei dem „Jäger“ um eifrige investigative Journalisten handelt, klingt zwar ehrend für unseren Berufsstand, allein die Umstände, das Trefferbild und die hohe Trefferfrequenz lassen eher eine andere Lesart zu. Darin kommen zwar immer noch Journalisten vor, aber nur als Bearbeiter von lancierten Informationen und nicht als Protagonisten.

Es ist schon eigenartig, wie lustvoll sich Opposition und Teile der Öffentlichkeit an der Treibjagd auf Rogán ergötzen, ohne die entscheidenden Fragen zu stellen: Woher hatte die Népszabadság plötzlich die Fotos vom helikopterfliegenden Rogán? Von wem bekam zumindest ein Népszabadság-Fotograf den Tipp, wann und wo man Rogán und Frau mit Helikopter ablichten kann? Die gleiche Frage könnte man auch bezüglich der Umstände der Videoaufnahme bei der ominösen Anwaltskanzlei im V. Bezirk stellen. Ausgerechnet als Rogán und einige weitere hochkarätige Gestalten das Haus von der Straße aus betreten, ist ein Index-Reporter mit einer Kamera zur Stelle. Zufälle gibt’s!

Ebenso merkwürdig ist, dass der riesige Artikel ausgerechnet auf index.hu erschien, das sich bisher noch keinen großen Namen als Enthüllungsportal gemacht hat. Eine Antwort könnte lauten: „…weil es die massenwirksame Népszabadság nicht mehr gibt!“. Gut, aber angeblich gibt es sie ja deshalb nicht mehr, weil sie sich zu bereitwillig an der Verbreitung von Storys wie der über Rogáns Helikopterflug beteiligt hat. Ob es einen Zusammenhang zwischen der Lust der Népszabadság an investigativem Journalismus und ihrem plötzlichen Tod gibt, darüber mag man geteilter Ansicht sein. Fest steht, dass man sich als Journalist und erst recht als Herausgeber sehr genau überlegt, wie intensiv man über gewisse Dinge schreibt.

Index.hu scheint sich jedoch nicht groß mit möglichen Risiken und Nebenwirkungen einer Veröffentlichung des Anti-Rogán-Aufsatzes herumgeschlagen zu haben. Zumindest lassen die Deutlichkeit und die Länge des Aufsatzes nicht gerade auf ein vorsichtiges Vorgehen schließen. Der Verdacht drängt sich auf, dass sich – ebenso wie Premier Orbán seine schützende Hand über Rogán hält – auch das plötzlich investigativ tätige Portal index.hu eines gewissen Schutzes „von oben“ erfreuen kann.

Suspekt ist zudem die Themenwahl. Warum sollten die politischen Gegner von Rogán ihm ausgerechnet aus der Verschleuderung von kommunalen Wohnungen einen Strick drehen wollen? Es ist ein offenes Geheimnis, dass seit der Wende keine Partei, die es in eine der Budapester Bezirksverwaltungen schaffte, der Versuchung widerstehen konnte, kommunale Immobilien gegen eine gewisse „Provision“ deutlich unter ihrem Marktwert zu privatisieren. Ganz eifrig war auch die MSZP mit dabei. Kaum vorstellbar, dass gerade sie oder einer ihrer potenziellen Verbündeten in einer potenziellen linksliberalen Anti-Orbán-Koalition den Fidesz ausgerechnet mit diesem Thema zur Strecke bringen möchte.

Merkwürdig ist weiterhin, dass sich die seit Wochen hinziehenden Attacken immer nur gegen Rogán richten. Der Verdacht drängt sich auf, das es hier nicht um den Kampf gegen eine Partei, sondern eine Person geht. Damit wird aber mit einem Mal die Urheberschaft sämtlicher Parteien fraglich. Wenngleich der Fidesz durchaus unter den Angriffen gegen einen seiner Spitzenpolitiker leidet, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Angriffe gezielt gegen Rogán und nicht gegen seine Partei richten. Vielleicht sind die Medien, die den „Rogán-Skandalen“ willig Publicity geben, nur Statisten, und die laut tobenden Oppositionsparteien nur die Verstärker von Machtkämpfen innerhalb des Fidesz.
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