Da sich die Forscher im Klaren darüber waren, mittels Fragebögen nur sehr unzulängliche Schätzungen des Privatvermögens anstellen zu können, wurde die vermögensbasierte Schichtung der Gesellschaft auf Mikroebene unter Zuhilfenahme vorhandener makroökonomischer Daten analysiert. Weil diese makroökonomischen Daten international nach standardisierten Methoden erhoben werden, wollen wir zunächst einen Blick auf die globalen Daten werfen.

Die Credit Suisse setzte das Vermögen pro erwachsenen Ungarn im Jahre 2015 mit rund 31.000 Dollar an, was im internationalen Vergleich eine eher bescheidene Zahl darstellt. Denn für Österreich wies die gleiche Studie pro Erwachsenen 196.000 Dollar aus, und selbst im ärmsten Land Westeuropas, in Portugal, waren es noch 74.000 Dollar. Realistischer erscheint es, in der Region Mittelosteuropas zu verweilen, wo Slowenien mit 56.500 Dollar Vermögen pro Erwachsenen klarer Spitzenreiter ist. Allerdings liegen die Ungarn vor Polen und Slowakei (24.500 beziehungsweise 24.000 Dollar), sowie weniger überraschend vor Rumänien (13.500 Dollar) und Serbien (6.500 Dollar).

Tárki meint dazu, dass diese Erhebung global sehr gut den traditionell das Reichtum eines Landes abbildenden BIP-Daten folgt, gegenüber jenen jedoch eine „robustere“ Darstellung erlaubt. So sei im Falle Ungarns ersichtlich, dass die tiefere und bereits seit 2006 anhaltende Wirtschaftskrise das Land wirtschaftlich im BIP-Vergleich hinter Polen und die Slowakei zurückwarf, wohingegen das von den einzelnen Privathaushalten durchschnittlich verwaltete Vermögen hierzulande noch immer markant höher ausfällt.

Vor Osteuropa – aus einem guten Grund

Aufschlussreich an dieser Statistik ist des Weiteren die Quote jener Privathaushalte in den einzelnen Ländern, die über mehr als 100.000 Dollar Vermögen verfügen. Hier stehen die Österreicher mit knapp 40 Prozent für die Zukunft, die ein Utopist im Chefsessel der ungarischen Notenbank in 25 Jahren erreicht haben will. Die „armen“ Portugiesen verfügen immerhin noch über 14-15 Prozent solcher reichen Haushalte und damit genauso viel wie die Slowenen im wirtschaftlich stärksten Land des ehemaligen Ostblocks mittlerweile erreicht haben. Aber nur 5 Prozent der ungarischen Privathaushalte fallen unter diese Vermögenskategorie, etwas weniger, als es in Tschechien sind, aber wenigstens mehr als bei den Polen und Slowaken. Als Dollarmillionäre gelten in absoluten Zahlen 200.000 Österreicher, 42.000 Polen, 27.000 Tschechen und nur 10.000 Magyaren.

Reiche in Ungarn sind nicht so reich, wie Reiche in anderen Ländern.

Bei der Credit Suisse werden 44,4 Prozent der ungarischen Haushalte in die Kategorie eines Vermögens unter 10.000 Dollar eingestuft, 50,6 Prozent verfügen demnach über 10.000-100.000 Dollar, 4,9 Prozent über mehr als 100.000 Dollar, und nur 0,1 Prozent sind Dollarmillionäre. Als globale Mittelschicht bezeichnet diese Analyse Privathaushalte mit nach Kaufkraftparität gewichteten Vermögenswerten zwischen 50.000 und 500.000 Dollar. In Westeuropa gelten in diesem Sinne ungefähr zwei Drittel der Gesellschaft als Angehörige der Mittelschicht, in Ungarn sind es 39 Prozent, in den vier Visegrád-Staaten im Schnitt 25-35 Prozent. Dieser Vermögensvorteil der Ungarn erklärt sich aus dem hohen Anteil an Immobilienvermögen.

Deshalb erscheint wohl eine von der Allianz vorgenommene Analyse des Nettovermögens zweckmäßiger, weil darin die Verschuldung der Privathaushalte ebenfalls zum Ansatz gelangt. Nach dieser Methodik erreichte das durchschnittliche Vermögen im Jahre 2014 noch 9.200 Dollar pro Kopf der ungarischen Bevölkerung, während für Nordamerika 132.000 Dollar, für Japan 74.000 Dollar und für Westeuropa 54.000 Dollar ausgewiesen wurden. Slowenien, Estland und Tschechien stechen Ungarn in dieser Statistik im regionalen Feld aus, die anderen östlichen EU-Länder liegen mit 6.-8.000 Dollar hinter Ungarn.

200 Familien bilden die Creme

Wenn man das Nettofinanzvermögen aus der Statistik der Ungarischen Nationalbank (MNB) zugrunde legt, das Ende 2015 rund 32.500 Mrd. Forint erreichte, entspricht dies pro Kopf gut drei Millionen oder pro Erwachsenen vier Millionen Forint. Dabei darf man nicht vergessen, dass die aufgenommenen Kredite und anderen Schuldscheine noch immer ein Viertel des Vermögens ausmachen. Außerdem stehen allein Aktien und Geschäftsanteile, die überwiegend unternehmerisches und nur zu einem geringeren Teil das Vermögen privater Anleger darstellen, für die Hälfte des Gesamtvermögens. Nur hinter einem Drittel des Nettofinanzvermögens stehen Bargeld und Bankeinlagen, jeweils ein gutes Zehntel bilden Wertpapiere und versicherungstechnische Rücklagen, ein Sechstel sind Darlehen und andere Forderungen. Im groben Ansatz ist somit nur die Hälfte des Nettofinanzvermögens auch tatsächlich als Vermögen der Privathaushalte auszuweisen, was sich mit der Schätzung von Deloitte deckt, wonach im Jahre 2016 immer noch 56-58 Prozent sämtlicher ungarischen Haushalte keinen Cent auf die hohe Kante legen können.

Tárki kommt unter Berücksichtigung all dieser Erhebungen und Studien zu dem Schluss, dass die Hälfte der Privathaushalte im Lande gewissermaßen als „vermögenslos“ zu betrachten ist. In ihrem Fall sprechen wir von geringfügigen Bargeldvorräten und Bankguthaben sowie kleinen Wohnungen, die als Vermögen nicht mobilisiert werden können. Für weitere 45 Prozent trifft die Definition der globalen Mittelschicht zu, die nach dem Ansatz des Forschungsinstituts über Immobilien, Ersparnisse und eventuell auch Unternehmensbeteiligungen im Wert von 7-70 Mio. Forint (ca. 25.000-250.000 Dollar) verfügen. Als wirklich vermögend gelten nach dieser Logik bestenfalls fünf Prozent der Gesellschaft, unter denen aber nur ein Bruchteil Dollarmillionäre sind. Tárki schätzt die Zahl der Familien mit Vermögen von 10 Mio. Dollar und mehr auf gerade einmal 150-250, die somit die Creme der ungarischen Gesellschaft bilden.

Statistisch im Private Banking erfasst ist das Vermögen von insgesamt rund 50.000 Kunden (darunter 1.500 im Ausland) in der Höhe von rund 4.000 Mrd. Forint. Mit statistischen Methoden wie der Pareto-Verteilung kalkulierend dürfte das Gesamtvermögen von 25.000 Reichen unter 150 Mio. Forint landen, bei jedem Vierten dieser Kunden aber mehr als 300 Mio. Forint ausmachen. Die Zahl der wenigstens in der heimischen Währung als Multimilliardäre etablierten Familien (mit mehr als 3 Mrd. Forint oder 10 Mio. Dollar Vermögen) wird durch die vielfältigen Toplisten der reichsten Ungarn untermauert, wobei Tárki die Zahl 250 als absolute Obergrenze sehen will.

Wohnimmobilie ist Eigentum

Mit der genauen Befragung von annähernd 2.800 ungarischen Haushalten konnte das Forschungsinstitut aber noch viel detailliertere Angaben zu den hiesigen Verhältnissen gewinnen. So erweist sich als eine Kernaussage, dass 95 Prozent der befragten Familien die betreffende Wohnimmobilie als Eigentum nutzen. Es ist eine ungarische Besonderheit im internationalen Maßstab, dass Wohnungen im Eigenbesitz einen recht hohen Anteil innerhalb der Vermögenswerte ausmachen. Abgesehen von den Immobilien verfügen die Haushalte jedoch nur über sehr geringfügige liquide Vermögenswerte.

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Einkaufszentren haben es auf das Geld der Mittelschicht abgesehen.

Landesweit erreicht der durchschnittliche Verkehrswert der Wohnimmobilien im Kreis der Eigentümer nach Tárki-Berechnungen 12,3 Mio. Forint. Das Gesamtvermögen an Wohnimmobilien der Bevölkerung wird mit 48.000 Mrd. Forint veranschlagt, zuzüglich 4.-5.000 Mrd. Forint für weitere Immobilien im Privatbesitz. Letzteres Vermögen konzentriert sich auf weniger als 350.000 Haushalte.

Ein weiteres bedeutendes Vermögen ergibt sich aus dem Ackerland, von dem landesweit 7,4 Mio. Hektar zur Verfügung stehen. Knapp 500.000 Landwirte und 8.500 Genossenschaften oder Agrarfirmen bewirtschaften dieses Land, das einen kumulierten Wert von 6.500 Mrd. Forint darstellen dürfte.

Für westliche Verhältnisse extrem bescheiden muten die Vermögenszahlen in Hinsicht auf private Kraftfahrzeuge an. Gerade einmal 54 Prozent der ungarischen Haushalte nutzen überhaupt einen oder mehrere Pkws, deren durchschnittlicher Verkehrswert schlappe 480.000 Forint erreicht, was aus dem hohen Lebensalter von im Schnitt 13,7 Jahren der für Ungarns Straßen zugelassenen Autos abgeleitet werden kann. Kumuliert ergibt das aber immerhin einen Vermögenswert von rund 2.000 Mrd. Forint.

Weil die befragten Personen ihr Finanz- und ihr unternehmerisches Vermögen am wenigsten bereitwillig offenlegten, griff die Monitor-Untersuchung zu Techniken wie einer Bewertungsskala unter Zuordnung einzelner Vermögenselemente. Der geschätzte Wert des Finanzvermögens erreichte dabei 8.600 Mrd. Forint, der (selbst von Seiten Tárki als deutlich unterschätzt eingestufte) Wert des unternehmerischen Vermögens nur 1.400 Mrd. Forint.

Aussagekräftig nur für die Mittelschichten

Unter dem Strich ergibt sich mit allen Einschränkungen ein Bruttovermögen der Bevölkerung von 72.000 Mrd. Forint. Auf jeden Fall soll hier der Hinweis nicht fehlen, dass repräsentative Erhebungen Erfahrungswerten folgend von vornherein die reichsten 3-4 Prozent und die ärmsten 2-3 Prozent der Gesellschaft nicht erfassen – Erstere verfügen aber bekanntlich über einen außerordentlich überproportionalen Anteil an den Finanzmitteln. So brauchen Schätzungen anderer Forscherteams nicht zu verwundern, die das Gesamtvermögen der ungarischen Bevölkerung (einschließlich ca. 10.000 Mrd. Forint an „Schwarzgeldern“) auf 100.000 Mrd. Forint ansetzen. Diesen Wert findet Tárki aber schon wieder übertrieben. Wirklich aussagekräftig sind die Daten ohnehin nur für die Mittelschicht.

Als Angehöriger der Mittelschicht nach dem Vermögen konnte sich im Ungarn des Jahres 2015 betrachten, wer über gut 20 Mio. Forint an Vermögenswerten verfügte. Darunter bildet die Wohnimmobilie mit 16,5 Mio. Forint den mit Abstand größten Wert, das Finanzvermögen bewegt sich um 2 Mio. Forint, der eigene Pkw und sonstige Immobilien bringen jeweils ca. 700.000 Forint auf die Waage. Diese Mittelschicht ist besonders in der Hauptstadt ausgeprägt, wo lediglich ein Zehntel der Menschen als unvermögend anzusehen ist – im Armenhaus Nordungarn sind es gleich 70 Prozent, in Süd-Transdanubien und in der Nördlichen Tiefebene (Nordostungarn) rund 60 Prozent. Auf dem Lande gelten zwei Drittel der Privathaushalte als arm, in den Städten außerhalb von Budapest ist immerhin nahezu jeder zweite Haushalt besitzlos. Singlehaushalten droht am ehesten Mittellosigkeit (51 Prozent), Dreipersonenhaushalte sind im statistischen Mittel die optimale Konstellation, um Reichtum anzuhäufen, nachdem nur 36 Prozent von diesen als unvermögend eingestuft werden.

Die Aussichten auf ein unbeschwertes Leben werden durch Bildung und Arbeit ganz gewiss nicht getrübt: Gut drei Viertel aller Akademiker und zwei Drittel der Personen mit mittlerer Reife gehören zur vermögenden Mittelschicht, mit maximal acht Klassen im Gepäck gelingt das nur jedem Dritten. Wer einen Beruf erlernt, kann ähnlich wie die Rentner die Chancen paritätisch halten, der globalen Mittelschicht anzugehören. Während bei 60 Prozent aller Arbeitnehmer eine Vermögensbildung einsetzt, trifft dies für vier von fünf Unternehmern zu. Statistisch gesehen wird jeder zehnte Angestellte, der den Mut zur Selbständigkeit aufbringt, so richtig reich.

Wichtig ist noch anzumerken, dass die Einkommenslage nur eine relativ schwache Korrelation mit der Vermögenslage zeigt. Die soziale Ungleichverteilung schlägt sich in Hinsicht auf Vermögen weitaus krasser nieder als hinsichtlich der Einkommen. Ergibt sich bei den Einkommen ein 7-facher Unterschied zwischen den oberen und den unteren Dezilen, ist es bei den Vermögen ein 27-facher Unterschied. Eine extreme Ungleichverteilung erlebt die ungarische Gesellschaft deshalb aber noch nicht: Der sogenannte Gini-Koeffizient zur Messung dieser Ungleichheiten beträgt hierzulande 66, in den Vereinigten Staaten derweil 85 (wobei 0 für Gleichverteilung stehen würde).

Wenn der Kühlschrank den Geist aufgibt

Zusammenfassend zeigt die Tárki-Studie, dass die Reichen in Ungarn nicht so reich wie die Reichen in anderen Ländern sind, dass die Mittelschicht nicht jene Breite und Stärke aufweist, wie sie gerade in Westeuropa so typisch ist, aber auch manche frühere Ostblockstaaten von Slowenien über Tschechien bis zum Baltikum prägt, und dass es in Ungarn sehr viele absolut arme Menschen gibt. Weil die Privathaushalte abgesehen von ihren Wohnimmobilien kaum über Vermögenswerte verfügen, stellen unverhoffte Ausgaben – und sei es nur ein Kühlschrank, der plötzlich den Geist aufgibt – 44 Prozent der Menschen vor große Probleme, da sie über keine Reserven verfügen, sozusagen nicht „liquide“ sind.

Die Regierung hat mit ihrer Sozial- und Familienpolitik, ihrer Steuer- und Arbeitsmarktpolitik mehrere Problemfelder in Angriff genommen. Die häufig und wegen ihrer mangelnden Effizienz zurecht kritisierten öffentlichen Arbeitsprogramme richteten sich an jene überrepräsentierten Privathaushalte, in denen bereits vor der Weltwirtschaftskrise eine niedrige Arbeitsintensität typisch war. Die Krise tat ihr Übriges, um diese Menschen ohne Berufs- und Schulbildung vom Arbeitsmarkt auszusperren. Seit 2012 nimmt der Anteil von Haushalten, deren Angehörige einer Arbeit nachgehen, jedoch ebenso zu, wie die Nettoersparnisse der Haushalte. Die Maßnahmen zur Ablösung der Fremdwährungskredite minderten außerordentlich intensiv den Anteil der mit Zahlungsschwierigkeiten kämpfenden Privathaushalte. Soeben hat die EBRD Ungarn den 1. Platz in der Region bescheinigt, was die Dynamik beim Rückgang notleidender Kredite binnen eines Jahres anbelangt, denn der Bestand solcher „faulen“ Kredite wurde im Vorjahr gegenüber 2014 um sage und schreibe ein Drittel gesenkt!

Bei so vielen guten Nachrichten erscheint es nur eine Frage der Zeit, wann auch Eurostat in diesen Jubelchor einstimmen kann. Dort wurde gerade dieser Tage die Lebenserwartung für die 276 statistischen NUTS-II-Regionen Europas brandaktuell mit 80,9 Jahren angegeben, hinter denen die ungarischen Regionen mit 74,5-77 Jahren somit um 4-6 Jahre hinterherhinken. In diesem Falle sollten wir uns ein Beispiel für Langlebigkeit mal ausnahmsweise nicht an den Deutschen und Österreichern nehmen, sondern nach Frankreich, Spanien und Italien schauen, wo die Menschen 6-10 Jahre länger leben – genau so, wie es die ungarischen Frauen ihren Männern schon jetzt vormachen. Aber das ist bereits eine andere Geschichte…

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