Im Zusammenhang mit dem Staatsdoping der russischen Athleten vor den Olympischen Spielen in Rio war das Thema Doping erneut hochbrisant geworden. In einem BZ-Interview mit Ines Geipel wollten wir erfahren, wie eine der bekanntesten Dopingkritikerinnen Deutschlands und Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe über den aktuellen Spitzensport und das Phänomen Doping denkt.

Frau Geipel, denken Sie, dass es eine Parallele gibt zwischen dem Staatsdoping in der DDR und dem aktuellen Doping-Skandal in Russland?

Ja, natürlich gibt es die. Staatsdoping ist Staatsdoping. Ein Staat entscheidet sich dafür, seine Sportler zu dopen, und das ist ein Verbrechen. In der DDR waren es ja vor allem Minderjährige, Kinder ab acht Jahren, die dieses Gift bekommen haben, ohne dass sie wussten, dass es sich dabei etwa um männliche Sexualhormone handelte. Sie hatten nicht die Freiheit zu entscheiden und zu sagen: Das nehme ich nicht. Die Tabletten wurden ihnen auf die Zunge gelegt und ihr Mund zugedrückt. Was hätte ein Kind da machen können? Für eine olympische Goldmedaille der DDR, das wissen wir mittlerweile, wurden annähernd 500 Athleten chemisch verbrannt. Das war hochgradig kriminell und läuft in Russland in weiten Teilen genauso.

Gibt es so etwas wie die Sportmanie der ehemaligen DDR heute in Russland?

Die Sportgeschichte der DDR war ja vor allem auch eine Identitätsgeschichte. Es war der Bereich, wo die kleine DDR enorm erfolgreich war. Deshalb war es auch nach 1989 ein unwahrscheinlich harter Kampf, das Staatsdoping der DDR aufzuklären. Diese alten Strukturen sind im Osten noch immer nicht aufgebrochen, vor allem das brutale Effizienzdenken nicht. Und die Schadensbilanz bei den Athleten wird eben erst 30 Jahre später sichtbar. Die Wunde blüht heute erst auf. Als Doping-Opfer-Hilfe betreuen wir aktuell an die Tausend Athleten mit schlimmen Schäden: Krebs, behinderten Kindern, schweren Organschäden und schweren Psychosen. Auch die Todesliste ist lang. Die Bundesregierung hat im Juli 2016 einen Entschädigungsfonds über 10,5 Millionen Euro für etwa tausend DDR-Sportopfer aufgelegt. Die Menschen, die sich bei uns in der Beratungsstelle melden, berichten von Doping als physischer und psychischer Vergewaltigung. Neben Doping gab es im DDR-Spitzensport aber auch viel Gewalt, Sadismus, sexuellen Missbrauch und auch politische Verfolgung.

Es ist ja schon ein Erfolg, dass die Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit in der ehemaligen DDR begonnen hat. In diesem Fall sehe ich eine Parallele zwischen Ostdeutschland und Ungarn. In diesem Frühjahr wurde öffentlich, dass der Trainer von Krisztina Egerszegi, Lászlo Kiss, in den 60er Jahren eine Frau vergewaltigt hat. Damals wurde darüber nicht gesprochen, aber dieses Jahr brach das auf und seit diesem Skandal wurde viel darüber diskutiert. Das war ein Moment, wo die dunkle Seite der ungarischen Sportgeschichte in den Vordergrund getreten ist, natürlich von einem anderen Gesichtspunkt her. Es scheint also, in Ungarn könnte dieser Prozess jetzt beginnen. Wie ist es in Deutschland?

Das Bild ist hochambivalent. Einerseits könnte man sagen, da ist ja nach 1989 doch Einiges passiert. Die Doping-Prozesse zum DDR-Staatsdoping im Jahr 2000, die Verurteilung des ehemaligen DDR-Sportministers Manfred Ewald und etlicher Trainer, die Entschädigungen für die Opfer und eine lange öffentliche Diskussion über den illegalen Staatsplan 14.25, der 1974 beschlossen worden war. Immerhin ging es um rund 15.000 staatsgedopte Athleten, viele davon enorm geschädigt. Nach dem großen Berliner Dopingprozess, wo ich selbst Nebenklägerin war, hatte der Bundesgerichtshof Doping als mittelschwere Kriminalität anerkannt. Wir als Geschädigte gingen natürlich davon aus, dass sich Sport und Politik den historischen Hypotheken ernsthaft stellen würden. Aber genau das ist ausgeblieben. Noch immer gibt es viele doping- und stasibelastete Trainer und Funktionäre im deutschen Sport. Sie sind nach dem Ende der juristischen Aufarbeitung im Jahr 2000 still und leise in die Strukturen zurückgekehrt. Und auch das alte DDR-Denken, das ja vor allem auf Hybris und Gewalt gesetzt hat, ist zurück. Viele wollen wieder die Zentralisation im Sport. Es geht um Effizienz und ein Maximum an Medaillen. Voilà, da ist sie wieder, die nicht sterben könnende DDR. Auffällig ist, dass der organisierte Sport in unserem Land jegliche Verantwortung gegenüber den Opfern weiterhin verweigert. Von da kommt nichts, Null, nur Verweigerung. Diese Härte gegenüber den eigenen Opfern sagt ja auch etwas über die Mentalität im heutigen Spitzensport. Die Deutschen sind gern die Guten. Sportdeutschland will Modell für die Welt sein. Es behauptet, dass Doping seit 1989 genau an seinen Landesgrenzen Halt gemacht hat. Das ist natürlich völliger Unfug. Man konnte jetzt im Umfeld von Rio schon ein ziemlich mulmiges Gefühl haben, mit welcher Selbstvergessenheit sich insbesondere deutsche Sportfunktionäre dargestellt haben. Das war etwas zum Fremdschämen.

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Wie sieht es heutzutage aus? Gibt es ein wachsendes Interesse am Spitzensport, oder ist die Tendenz eher sinkend?

Auch hier ist das Bild zwiespältig. Einerseits hatten wir mit München und Hamburg zwei erfolglose Olympiabewerbungen. Zwei sehr politische und klare Entscheidungen darüber, dass die Bürger all die Korruption und die Verwerfungen des Glanzsports nicht mehr einfach hinnehmen. Das Spiel ist tot, mausetot. Und das weiß das Publikum mittlerweile. Andererseits ist der Sport nun mal die moderne globale Ersatzreligion. Die Gesellschaften brauchen ihn im Sinne von Brot und Spielen. Insofern wird es jetzt einen permanenten Aushandlungsmodus geben: Wie viel Dreck ist für die Fans noch erträglich, und wann steigen sie aus? Der Trend geht eher in Richtung mehr Entgrenzung, mehr Korruption und mehr Dreck, auch, weil es zu wenige ernstzunehmende Korrektive gibt.

Sport spielt in allen Ländern, vor allem aber in den ehemaligen sozialistischen Ländern noch immer eine enorme Rolle. Es scheint, als wäre Sport weiter der Austragungsort für einen stillen Kampf der Systeme. Es gibt diese Aussage: „Unter Belastung wächst die Palme“. Denkt man wirklich immer noch, dass das Erfolg bringt?

Das alles hat eine historische Folie, von der wir uns nicht emanzipiert haben. Im Gegenteil, die Tendenz ist eindeutig: Wir rudern ins Autoritäre und in die alten Modelle zurück. In Deutschland war es die Kriegskind-Generation, die im Kern den verlorenen Krieg der Väter im Sport nachgeholt hat und ihn um jeden Preis in einen Sieg ummünzen wollte. Tausende Mädchen und Jungen, 6, 8, 10 Jahre alt, die von ihren Eltern, Trainern, Ärzten oder von den Funktionären auf den Opfertisch gelegt wurden, die nie ein echtes Ich ausbilden konnten, die heute mit ihren malträtierten Körpern und Seelen allein gelassen werden oder schon tot sind. Das sind keine schönen Geschichten, ich weiß. Zu uns kommen Frauen, die heute 40 bis 45 Jahre alt sind und zu DDR-Zeiten Turnerinnen waren oder Rhythmische Sportgymnastinnen. Als sie aktiv waren, erhielten sie als Kinder männliche Sexualhormone, damit sich die Wachstumsfugen schlossen und ihre Körper klein und leicht blieben. Brachten sie die Leistung nicht mehr, erhielten sie Wachstumshormone, und ihre Körper wuchsen in einem halben Jahr um 15 Zentimeter. Zuerst wurde der Körper demnach künstlich klein gehalten, dann wurde er wiederum künstlich aus sich herausgerissen. Diese Frauen sagen, dass es in ihren Leben keinen Tag ohne Schmerzen gibt. Der gesamte DDR-Sport war ein klassischer Großfeldversuch, mit viel krimineller Energie und Forschung.

Die ungarische Schwimmerin Katinka Hosszú hat mit ihrem Mann vor einigen Monaten eine neue Schwimmschule eröffnet. Ihr Ziel sei es, eine Schule zu etablieren, in der man gern Sport treibt, in der man gern schwimmt, ohne physische und psychische Gewalt.

Das ist eine wirklich großartige Idee. Alles andere macht keinen Sinn. Wenn es Talente gibt, sollen sie gefördert werden. Sie sollen schöne Hallen, Stadien und Plätze haben. Aber die Eltern und der Staat sollen sich von ihnen fern halten und sie in Ruhe in Sport treiben lassen. Sport war immer ein Teil der Kultur. Und dahin sollten wir zurück, zur wirklichen Idee von Bewegung, zum Spiel, zur Freude, auch Umwege machen zu dürfen, sich zu entdecken, die eigene Grenze zu entdecken, aber ohne diesen Pferdestall-Sport.

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Wir haben auch paralympische Sportler, aber es scheint, dass die Paralympics in den Hintergrund gedrängt werden.

In den westlichen Ländern spielen die Paralympics mittlerweile eine große Rolle. Die Idee war, dass nach dem kaputten Industriesport die Paralympics die schöne, zivilere Idee sind. Nun haben wir den McLaren Report, und es stellt sich heraus, dass die Russen auch in den paralympischen Sportarten ungeahnt viel dopen. Also sind auch die Paralympics bekanntermaßen hochanfällig. Psychologisch nachvollziehbar, aber ist es nicht das noch größere Verbrechen?

Denken Sie, dass wenn diese Traumata im Sport aufgearbeitet sind, die originäre Idee des Sports wiederbelebt werden kann?

Der Industriesport steckt in seiner bislang größten Krise, und wir tun gut daran, diese Krise so sichtbar wie möglich zu machen. Nichts wäre unheilvoller, als jetzt das schöne Märchen von der großen Sportidee zu singen. Nein, es ist nicht Zeit, zu träumen, es ist die Zeit der scharfen Analyse. Das Traurige ist, dass der Sport selbst keine Persönlichkeiten hat, um ernsthafte Reformen durchzusetzen und dass Politik und Gesellschaft den Sport nach wie vor in seiner Dimension nicht ernst nehmen. Er ist etwas für die Wochenendcouch und nichts für ernsthafte Kritik. The show must go on.
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