An den beiden Produktionsstandorten von Siemens Ungarn – eine Fertigung für Turbinenschaufeln im 15. Bezirk sowie eine Transformatorenfabrik im Stadteil Csepel – habe man den Wunsch nach gut qualifizierten Fachkräften in den letzten Jahren immer lauter geäußert. Diesen beiden Produktionsstätten - „unseren Kunden“ so die Leiterin der Dualen Ausbildung bei Siemens dr. Anikó Gmoser, wollte man schließlich dabei helfen, den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften mit eigenen Azubis zu decken. 2012 unternahm Siemens die ersten Schritte für eine Anpassung der eigenen Ausbildung an das deutsche Modell. Im selben Jahr konnte Siemens die duale Ausbildung mit den ersten „Pionieren“, 15 Schweißer-Azubis, starten. Im darauffolgenden Jahr kamen dann die Auszubildenden der Industriemechanik dazu. In Ungarn ist der Beruf des Industriemechanikers noch sehr neu und zählt zu einem der Mangelberufe. Dabei handele es sich, so Frau Gmoser, um eine sehr spannende Tätigkeit, die viele Facetten der Mechanik vereint. Als dritte Ausbildung konnte Siemens dann den Zerspanungsmechaniker in das Ausbildungsprogramm aufnehmen.

Ausbildungen gelten in Ungarn zu Unrecht als unattraktiv

Heute lernen 92 Azubis in dem 2014 umgebauten Ausbildungszentrum, mit seinen modern ausgestatteten Lehr- und Praxisräumen, das berufsspezifische Fachwissen ihres Handwerks. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ab September 2017 sollen zwei weitere Berufe hinzukommen und das Angebot erweitern. Sowohl der CNC-Zerspanungsmechaniker, als auch der Mechatroniker zählen in Ungarn bislang zu den Mangelberufen.

Obwohl die ausgebildeten Berufe naturgemäß sehr „männerlastig“ sind, werden in der Siemens-Ausbildungsstätte derzeit auch Frauen ausgebildet: zwei Schweißerinnen und zwei Zerspanungsmechanikerinnen. Eine Quote, die zwar nur bei fünf Prozent liegt, aber es sei erklärtes Ziel, so Frau Gmoser, dass man in naher Zukunft zehn Prozent erreiche. Um die Attraktivität der dualen Ausbildung bei Siemens vor allem bei jungen Frauen zu steigern, möchte sich Siemens beim nächsten „Girls´ Day“ (ung.: Lányok napja) im April 2017 als Unternehmen vorstellen. Bei dieser jährlich stattfindenden Veranstaltung wird versucht, jungen Frauen die vielfältigen Ausbildungsberufe näher zu bringen und ihnen Karrieremöglichkeiten nach einer Ausbildung aufzuzeigen. Dies sei auch dringend nötig, so Gmoser. Denn zu Unrecht gelten Ausbildungen in Ungarn als unattraktiv und schlecht bezahlt. Gerade was das Thema Lohn betrifft, so stehe man bei Siemens sehr gut da: die Gehälter für Berufseinsteiger nach einer dualen Ausbildung bei Siemens seien relativ hoch. Denn schließlich handele es sich bei allen angebotenen Ausbildungen um Mangelberufe, nach denen die Nachfrage sehr hoch sei - viele Firmen seien glücklich über jeden Ausgelernten mit Praxiswissen.

Die Sucht nach Diplomen in Ungarn

Überhaupt bemerke Frau Gmoser in den letzten zehn Jahren eine regelrechte „Diplom-Sucht“ in Ungarn. Die Tendenz ginge dahin, dass viele jungen Menschen mindestens zwei Universitätsabschlüsse erwerben und im Anschluss nichts damit anzufangen wüssten. Probleme ähnlicher Art, nämlich in Bezug auf die „Qualität“ der Auszubildenden, muss sich die Leiterin der Dualen Ausbildung leider tagtäglich stellen. Grund dafür sei das schwache Bildungswesen in Ungarn, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften. Viele Schüler kämen aus der Schule, ohne die nötigen Grundkenntnisse in Fächern wie Mathe, Physik und Chemie zu beherrschen.

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Einer von aktuell 92 Azubis, die im Siemens Ausbildungszentrum ihre duale Ausbildung absolvieren.

Um diesen Problemen entgegenzuwirken, das Image von Ausbildungen zu verbessern und Lösungsansätze zu erarbeiten, kooperiert Siemens sehr eng mit der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK). Im Rahmen von vierteljährlich stattfindenden Treffen, diskutiert ein Komitee (zu dessen Mitgliedern auch Audi, Bosch und Mercedes zählen) die Unterschiede zwischen der deutschen und ungarischen dualen Ausbildung und erarbeitet Strategien einer effizienten Rekruitierung von Auszubildenen. Die DUIHK engagiert sich schon seit Jahren für die praxisorientierte Berufsbildung in Ungarn. Dazu gehört sowohl die Mitwirkung an der Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen als auch die Beratung von Unternehmen beim Aufbau eigener Systeme. Seit dem 1. Juli 2015 unterstehen die rund 300 Berufsschulen Ungarns dem Wirtschaftsministerium, und wurden zu 44 „Berufsbildungszentren“ zusammengefasst. Ziel der Regierung ist, die Zahl der Jugendlichen mit Ausbildungsvertrag bis 2018 von aktuell rund 50.000 auf 70.000 zu erhöhen.

Sommerpraktika in Deutschland helfen die Sprachkenntnisse und das Praxiswissen einzusetzen

Im Anschluss an die duale Ausbildung bei Siemens, werden derzeit nur 50 Prozent der Absolventen in einem der beiden Werke angestellt. „Natürlich kann man sie nicht zwingen, nach der Ausbildung bei uns zu bleiben, aber man kann sie dazu motivieren“, bemerkt Frau Gmoser. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Gehälter in Verbindung mit den sozialen Faktoren. Die Auszubildenden lernten im Unternehmen ein multikulturelles Umfeld kennen, das eine Bereicherung für ihre persönliche und professionelle Entwicklung darstellt. Außerdem bietet Siemens seinen Azubis auch kostenlosen Deutsch- oder Englischunterricht an. Ein Angebot, das auch zu Frau Gmosers Überraschung fast alle Azubis annehmen, obwohl „der Sprachunterricht außerhalb ihres regulären Stundenplans, am späten Nachmittag stattfindet.“

Um den Austausch der ungarischen Azubis zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu bieten, die Fremdsprachen- und Praxiskenntnisse im Ausland anzuwenden, vergibt Siemens jedes Jahr ein Sommerpraktikum an die 18 besten Azubis. Dafür hat man eine Partnerschaft mit der deutschen Siemens-Niederlassung in Mülheim gegründet. Dieser Erfahrungsaustausch bietet den ungarischen Azubis jeden Sommer praktische Einblicke in die Arbeit der deutschen Kollegen in einem Turbinenwerk. Der Austausch sei sehr wichtig, so Frau Gmoser, damit die hiesigen Azubis eine andere Mentalität kennenlernen und das hohe Niveau der deutschen Produktion hautnah miterleben können.

Ordnung und Zuverlässigkeit sind ein Muss in dem Ausbildungszentrum

Das achtköpfige Team des Ausbildungszentrums bei Siemens, davon sechs Ausbilder in Vollzeit, eine Kollegin in der Administration sowie Frau Gmoser als Leiterin, sieht es als seine Aufgabe an, die jungen Menschen bei ihrer Ausbildung – ein „Durchgang zwischen Bildung und Arbeitsleben“ – zu begleiten. Das Konzept der dualen Ausbildung sieht vor, dass 30 Prozent über Theorie und 70 Prozent über Praxis vermittelt werden.

Dabei sei es nicht nur wichtig, dass die Azubis den Beruf „ordentlich erlernen“. Ordnung im wahrsten Sinne, müssen sie auch in ihrer täglichen Arbeit erlernen. Oberstes Ziel dieses pädagogischen Anspruches ist es, die Auszubildenden zu verantwortungsvollen und zuverlässigen Menschen zu erziehen. Dazu gehöre es auch, dass man ihnen beibringe, ihren Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen. Dies sei ein immer wiederkehrendes Thema, dessen Notwendigkeit sich allein schon aus Sicherheitsgründen ergebe.

Probleme gäbe es laut Frau Gmoser auch mit der Pünktlichkeit. Zwar sei es nicht die Regel, aber Verspätungen von bis zu einer Stunde kämen immer wieder mal vor. Hier sei die enge Zusammenarbeit mit der zuständigen Berufsschule in Gödöllö besonders wichtig, damit man Verhaltensprobleme und Schwierigkeiten gemeinsam angehen könne. Frau Gmoser betont in diesem Zusammenhang, dass es sehr wichtig sei, immer zuerst das Gespräch mit dem Auszubildenden zu suchen und ihm Chancen zur Verbesserung zu bieten.

Eltern entscheiden häufig noch über die Ausbildungen der Kinder

Auf die sogenannten „social skills“ bei den neuen Auszubildenden werde schon im Bewerbungsverfahren geachtet. Neben den eigenen Firmenwerten von Siemens, zählen dazu vor allem Teamfähigkeit und Zuverlässigkeit. Aber auch die fachliche Eignung wird anhand eines dreistufigen Verfahrens getestet, das zum Beispiel die Fähigkeiten des Bewerbers zur Lösung analytischer Aufgaben testen soll.

Um auf die Möglichkeit der dualen Ausbildung bei Siemens aufmerksam zu machen, hat das Team schon einige Anstrengungen unternommen. Um die 50 freien Ausbildungsplätze in diesem Jahr zu bewerben, wurde dafür eine eigene Kommunikationsstrategie entwickelt. Über Online-Medien, Tageszeitungen, Google Add-Ons, der Teilnahme an Karrieremessen bis hin zum Tag der offenen Tür im Ausbildungszentrum, an dem Interessierte unter Anleitung sogar die Geräte ausprobieren konnten: nichts blieb unversucht.

Nach Frau Gmosers Erfahrung sind jedoch die Eltern die Multiplikatoren und damit diejenigen, die man erreichen müsse. Sie seien es, die häufig noch immer über die Ausbildung der Kinder entscheiden. Auch seien sie es, welche die Chance auf einen festen Arbeitsvertrag unter guten Konditionen realistisch einschätzen könnten. „Junge Leute, im Alter zwischen 14 und 18 wissen einfach noch nicht, wie der Arbeitsmarkt funktioniert und welche Perspektiven sie haben“. Umso wichtiger sei es, dass man mit den Eltern als Vermittler an einem Strang zieht.

Absolvent der Dualen Ausbildung bei Siemens gewinnt 2. Platz als „bester Industriemechaniker“

Zu den Herausforderungen der Zukunft zählt die Leiterin des Ausbildungszentrums vor allem vermehrte Anstrengungen, um gut qualifizierte Auszubildende zu finden und an der Verbesserung ihrer Qualität zu arbeiten. Hier wird auch schon viel von Seiten der ungarischen Bildungsstrategie unternommen. Die Aufnahmeprüfung soll an ungarischen Gymnasien künftig zum Beispiel verpflichtend sein. Damit könnte schon ein Zeichen in Richtung Bildungsstandard und Qualität der Bewerber gesetzt werden.

Auf eine Erfolgsgeschichte ist die Leiterin persönlich sehr stolz: Der Absolvent der dualen Ausbildung bei Siemens, Attila Markus-Lenk, hat dieses Jahr in einem nationalen Wettwerb in Ungarn den 2. Platz in der Kategorie „Bester Industriemechaniker“ gewonnen. Der junge Mann kam praktisch „über Umwege“ zu Siemens. Ursprünglich wollte er studieren, hat die Aufnahmeprüfung an der Universität jedoch nicht bestanden und bewarb sich anschließend bei Siemens. Nach seiner erfolgreich bestandenen Ausbildung, nahm er eine Stelle bei der Produktionsstätte im 15. Bezirk an und arbeitet heute als Industriemechaniker an komplexen CNC-Maschinen.
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