Die Fachkonferenz, die an die Persönlichkeit und das politische Lebenswerk Adenauers erinnerte, fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Europa der Werte“ statt. Diese versucht in der Rückbesinnung auf diejenigen, die einst die Grundsteine des heutigen Europas legten, neue Lösungswege aufzuzeigen. Zuvor wurden bereits Charles de Gaulle und Margaret Thatcher gewürdigt.

Als großen Deutschen, Europäer und Christ, der „die Achtung der Menschenwürde auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zum Leitbild seines politischen Handelns machte“, würdigte Frank Spengler, Leiter des Auslandsbüros Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Altkanzler. Und auch der Vorsitzende der ungarischen Christdemokraten und stellvertretende Ministerpräsident Zsolt Semjén stimmte in seiner Festrede in den Tenor ein. Doch während Spengler sowie seine Nachredner der Rektor der Andrássy Universität, András Masát, und der Gesandte der deutschen Botschaft in Ungarn, Manfred Emmes, Adenauers Bemühungen um Einheit und Konsens innerhalb Europas in den Vordergrund rückten, bemühte Semjén vor allem jene Motive der Adenauerschen Politik, vor deren Hintergrund sich, wenn man denn so wollte, von Sonntagsschließung über den ungarischen Sonderweg bis zum Zaunbau zumindest theoretisch auch die ungarische Politik der letzten Jahre erklären ließe.

„Europa ist per Definition christlich“

„Nach meiner Überzeugung ist Europa per Definition ein christliches Europa im zivilisatorischen Sinne“, betonte der ungarische Vizepremier. Um darüber hinaus, wie er sagte, „ein bisschen Pepp in die Debatte zu bringen“, erklärte er zugleich, dass diese Europa-Definition zwar Elemente der griechischen, römischen und jüdischen Kultur als Grundbausteine Europas mit einschließe, nicht jedoch den Islam. Besonders aus ungarischer Sicht, so Semjén, sei die Debatte um den Islam kontrovers, denn ein fundamentaler Aspekt der ungarischen Identität bestehe schon historisch bedingt in der Verteidigung der christlichen Identität Europas gegenüber muslimischen Eroberungen.

Weiterhin warnte Semjén vor aktuellen Entwicklungen, die die christlich-demokratische Politik immer mehr ihrer ursprünglichen Werte entleere. Schließlich sieht er gerade das große Verdienst Konrad Adenauers darin, dass er im philosophischen Sinne gezeigt habe, dass „die Christdemokratie auf dem Fundament des Christentums aufbaut, und nicht auf politischen Techniken und Strategien.“ Christliche Werte seien universell und gelten geografisch wie zeitlich uneingeschränkt. Die Aufgabe des christlich geprägten Politikers bestehe nun darin, „diese Werte praktisch in bare Münze zu tauschen“.

Als dritten Punkt in seinen Überlegungen zum geistigen Erbe Adenauers sprach Semjén die Frage der Nation an. Der Bundeskanzler habe Deutschland in der schwierigen Situation übernommen, als der Begriff der Nation durch das Dritte Reich kompromittiert war. Doch trotzdem habe er immer das präzise Maß getroffen, dass „die Balance bot zwischen nationalem Engagement und europäischer Einheit“.

Dass man als europäischer und christlich-demokratischer Politiker für viele aktuelle Überlegungen, wenn man nur sucht, Bestärkung im geistigen Vermächtnis Adenauers finden kann, zeigt sich auch beim erneut heiß diskutierten Thema der EU-Armee. Denn wie an mehreren Stellen der Konferenz erwähnt wurde, sprach sich bereits der Altkanzler – wie auch heute Viktor Orbán – in den 1950er-Jahren für eine Bündelung der Streitkräfte unter Aufsicht einer gemeinsamen europäischen Institution aus.

Im kommenden Jahr wird der 50. Todestag des ersten deutschen Bundeskanzlers und Gründervater Europas, Konrad Adenauer, begangen und so wie es viele unterschiedliche Programme in seinem Namen geben wird, so wird es sicherlich auch viele geben, die sein geistiges Vermächtnis in ihrem Sinne interpretieren werden.

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Von Wittenberg nach Budapest

Der lange Weg des Luther-Testaments

Geschrieben von Péter Dugár

Was haben der Reformator Philipp Melanchton, ein ungarischer Raritätensammler aus dem 19.…

Plakatgesetz kommt erneut vors Parlament

Fidesz kritisiert Korruption – der anderen

Geschrieben von Elisabeth Katalin Grabow

Es gibt für oppositionelle Parteien eine sichere Methode, ihren Erfolg zu messen. Können sie dem…

Globales OECD-Forum

Kaum Produktivitätssteigerungen bei KMU

Geschrieben von BZ heute

OECD-Generalsekretär Angel Gurría (M.) eröffnete am Montag das 3. Globale Produktivitätsforum der…