Wir müssen einsehen: Wir konnten in die Aufgabe einfach nicht hineinwachsen. Wir verdienen es gar nicht, so ausgezeichnete Anführer zu haben.

Wir waren nicht einmal imstande, in entsprechender Zahl in den Großen Heimatkrieg zu ziehen, an der Großen Volksabstimmung für die Heimat teilzunehmen. Es ist jetzt also kein Wunder, dass sie böse auf uns sind. Wir müssen jetzt nachsitzen und kriegen einen auf den Deckel.

Der Lieblingsanalyst des Regierungschefs schrieb, die Niederlage wäre mit dem „politischen Unwissen, das uns noch aus der Kádár-Ära geblieben ist, und dem Daseinsverständnis eines kleinbürgerlichen Untertanengeistes“ zu erklären. Ein bisschen unklar ist dabei, warum gerade diejenigen ein untertäniges Daseinsverständnis hätten, die sich den Erwartungen des Chefs nicht unterwarfen, aber Hauptsache, Kádár ist schuld. Nicht einmal mehr Gyurcsány. Das zeigt schon die Ausmaße des Desasters.

Keine Plakate, keine Népszabadság!

Das Nachsitzen ist nur allzu berechtigt. Die ganze Klasse bleibt nach dem Unterricht im Klassenzimmer und schreibt hundertmal: „Nein“. Wenn wir schon nicht imstande waren, das auf den Referendumsbögen anzukreuzen. Es ist vorbei mit den Schmierereien und dem Herumgekritzel, mit dem Zeichnen von lustigen Plakaten und Memes. Das neue Gesetz wird schon vorbereitet: Es wird auch keine Plakatflächen mehr geben. Wir haben einfach zu viel wegen der blauen Massenplakate gejammert, das haben wir nun davon. Wir können nicht einmal mehr einen Zettel irgendwo anbringen, egal, ob wir nun unsere Wohnung zum Verkauf/zur Miete anbieten oder einfach nur Nachhilfeunterricht geben möchten. Es sei denn, wir erhalten eine Konzession und schreiben mit dem dicksten Filzstift aus der Truhe auf einen Riesenzettel der Größe von zwei Quadratmetern, denn ein Inserat kann nur auf einer „Zettelgröße“ von zwei mal neun Quadratmetern angebracht werden. (...)

Und beim Nachsitzen gibt es kein Zeitschriftenblättern mehr unter der Bank, ihr bösen Kinder! Passt nur auf, was der Herr Lehrer sagt! Wenn jemand unbedingt lesen möchte, dann bediene er sich der Pflichtlektüre. Pornos und Horror haben einen schlechten Einfluss auf die kindliche Seele, wir müssen sie vor ihnen wegsperren. Die Népszabadság ist reinste politische Pornografie, lauter Schweinereien waren darin zu lesen, vor allem Gruselgeschichten vom Zentralbank-Gouverneur und dem Propagandaminister. Es fehlt uns noch, dass die Kinder unter der Decke einen solchen Schmutz lesen. Die Volksabstimmung habt ihr nicht gewollt. Aber die Volksfreiheit ... Tja, Pech gehabt. [Anm. d. Red. Népszabadság = Volksfreiheit] Was denn noch alles?

Auch den Journalisten muss man eine Lektion erteilen. Es gibt Lernfähige, so auch den Eigentümer Mediaworks, der die Schlange Népszabadság bisher zwar am Busen nährte, aber nun folgsam war. Er zertrampelte die Schlange. Auch seine 13 Komitatsblätter zogen die Lehre daraus und kommentieren die Ereignisse kaum. Im TV2 von Vajna wird seit zehn Tagen das Wort „Hubschrauber“ nicht einmal in den Mund genommen, wogegen am Kossuth tér vor dem Parlament viele Tausende Menschen demonstrierten. Es scheint, diese schauen nicht TV2.

Ihr kriegt schon, was ihr verdient!

Es kann doch nicht so schwer sein, sich anständig zu benehmen. Der Zweischwänzige Hund [Anm. d. Red.: Ulkpartei] macht vor, wie die neue Népszabadság den Erwartungen entsprechen könnte. Die Hauptmeldungen: „Migranten essen eine Bibel im Flüchtlingslager von Bicske.“ „Luxus-Opposition! Oppositionsvertreter reisten mit dem Flugzeug nach Washington!“ Und natürlich Berichtigungen: „Das war kein echter Hubschrauber. Rogán reiste mit dem Leiterwagen zur Hochzeit!“

Aber bis wir uns nicht an die Ordnung gewöhnen, können wir uns auch nicht in den Unterrichtspausen auf dem Gang treffen, um in Gruppen zu tuscheln. Wir kämen noch unter schlechten Einfluss. Szilárd Németh, der strenge Pedell, droht den „tuschelnden“ Zivilorganisationen mit einer Prüfung im Auftrag der nationalen Sicherheit.

Die Strenge ist angebracht, es braucht ein paar Ohrfeigen, natürlich nur pädagogische. Das Referendum zeigte klar: Das Regierungslager ist noch vorhanden, es reicht für einen Parlamentssieg, aber mehr können sie nicht einmal mehr mit den Migranten-Schauergeschichten gewinnen. Wozu dann noch großartige Umwerbungen, wenn das Gegenüber schon resistent ist? So ist es auch schon mit den Konsolidierungsversprechen vorbei, der Wolf kann das Häubchen der Großmutter endlich abnehmen. Ab jetzt kann er schon getrost die Zähne fletschen und uns sein wahres Gesicht zeigen. Wer sich außerhalb des Lagers befindet, wer den Zeichen nach sowieso nicht irregeführt werden kann, der wird jetzt endlich aufgefressen, mit Haut und Haaren, mit Presse und Plakaten, mit den Zivilorganisationen. Sie müssen nachsitzen. Und die, die bei der Herde geblieben sind, müssen besser behütet werden: Man muss sie von schlechten Einflüssen und störenden Pressemeldungen fernhalten.

Die Autorin ist ehemalige MSZP-Parlamentsabgeordnete.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 15. Oktober auf dem Onlineportal der linksliberalen Tageszeitung Népszava.

Aus dem Ungarischen

von Dávid Huszti

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