Binnen weniger Stunden eskalierte am 23. Oktober 1956 die von Studenten der Technischen Universität Budapest initiierte Solidaritätsbekundung für den Arbeiteraufstand in Polen zu einem bewaffneten Volksaufstand. Die Demonstranten teilten sich nach der Kundgebung auf – ein Teil zog mit ihren Plakaten durch die Budapester Innenstadt. Nachdem ein anderer Teil zum Rundfunk weiterzog, um Forderungen nach demokratischen Veränderungen im staatlichen Radio zu verlesen, fielen die ersten Schüsse aus dem Rundfunkgebäude. Mit Unterstützung zahlreicher Soldaten, die sich spontan mit den Demonstranten solidarisierten, gelang es ihnen, sich zu bewaffnen und das Gebäude im Morgengrauen zu stürmen. Noch heute erinnert die jährliche Kranzniederlegung vor dem Rundfunkgebäude neben dem Nationalmuseum in der Bródy Sándor utca an die Geschehnisse jener Oktobernacht.

Ausbruch der Revolution

Am Nachmittag war es einem anderen Teil der Demonstranten gelungen, das überdimensionale und 65 Tonnen schwere Stalin-Denkmal am Stadtwäldchen vom Sockel zu reißen und mithilfe eines Traktors bis vor das Parlament zu ziehen. Dort forderten die nunmehr 200.000 Demonstranten am Abend freie Wahlen, ein Mehrparteien-System, die Rückkehr des Ministerpräsidenten Imre Nagy (Anm.: Von 1953-1955 sowie 1956 Ministerpräsident Ungarns und Symbolfigur der Revolution) an die Regierung sowie den Abzug der Sowjettruppen aus Ungarn. Ihre Banner trugen Aufschriften wie „Ruszkik haza!“ (dt.: Russen nach Hause!), „Vesszen az önkény, éljen a törvény!“ (dt.: Möge die Tyrannei verlieren und das Recht gewinnen) und „Függetlenség, szabadság!“ (Unabhängigkeit, Freiheit!).

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Tote vor der KP-Zentrale am damaligen Köztársaság tér. (Fotos: Fortepan)

Ihre Forderungen wurden von der Regierung unter Parteichef Ernő Gerő (Anm.: 1956 kurzzeitig Parteichef der ungarischen kommunistischen „Partei der Ungarischen Werktätigen“) am 25. Oktober ebenfalls vor dem Parlament mit Schüssen in die Menge beantwortet, durch die nach UNO-Angaben 61 Demonstranten starben und etwa 300 verletzt wurden. Die Revolution breitete sich wie ein Lauffeuer von Budapest auf andere Städte in Ungarn aus. „Ein politisches Naturereignis ohne Zentrum, ohne Konzept und ohne koordinierte Führung“, wie der Ungarnkenner Paul Lendvai schreibt.

Politische Veränderungen im Eiltempo

In atemberaubendem Tempo gingen die Dinge ihren Gang: Die neugebildete Regierung unter Imre Nagy machte aus der stalinistischen Diktatur binnen Tagen eine Mehrparteien-Demokratie, kündigte freie Wahlen an, trat aus dem Warschauer Pakt aus, erklärte die Unabhängigkeit Ungarns und forderte die sowjetische Armee zum Verlassen des Landes auf. Die Antwort aus Moskau ließ nicht lange auf sich warten: 13 Tage nach Beginn der Aufstände, am 4. November, wurde die Revolution blutig niedergeschlagen.

Um 5:20 Morgens dieses Tages übertrug der Freie Ungarische Rundfunk folgende Meldung: „Hier spricht Imre Nagy. Heute Morgen haben sowjetische Truppen gegen unsere Hauptstadt eine Offensive gestartet, mit der offensichtlichen Absicht, die legale ungarische demokratische Regierung zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf! Die Regierung erfüllt weiterhin ihre Aufgaben.“

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Straßenkämpfe in der Budapester Innenstadt. (Fotos: Fortepan)

Bewaffnete Frauen und Männer jeden Alters stellten sich dem aussichtslosen Kampf gegen etwa 2.500 russische Panzer und 100.000 Soldaten. Am Ende konnten sie wenig ausrichten. Die von „Radio Free Europe“ angedeutete militärische Hilfe des Westens erwies sich nur als Worthülse. Die NATO zog es vor, sich aus diesem Konflikt im Ostblock herauszuhalten und an dem in Jalta beschlossenen Status Quo nicht zu rütteln.

Folgen der Revolution

Direkt bei den Kampfhandlungen starben auf ungarischer Seite rund 2.600 Menschen, weitere 20.000 wurden verwundet. Über die sowjetischen Verluste liegen keine offiziellen und verlässlichen Angaben vor. Nach eigenen Darstellungen verloren die Sowjets 720 Mann. Nach dem sowjetischen Einmarsch wurden rund 20.000 Ungarn inhaftiert, 350 von ihnen später hingerichtet. Aus mehr als 200.000 Ungarn wurden Flüchtlinge, die über Österreich in den Westen kamen und sich sodann über die westlichen Länder verstreuten. Die Symbolfigur der Revolution, Imre Nagy, wurde nach einem zweijährigen Geheimprozess in Rumänien, hingerichtet. Aus dem Aufstand ging János Kádár mit Unterstützung Moskaus als neuer Machthaber Ungarns hervor – und sollte es mehr als 30 Jahre bleiben. Er starb wenige Tage nach der Rehabilitierung und feierlichen Beisetzung von Imre Nagy. Einer der Redner bei der Trauerfeier am 16. Juni 1989 auf dem Heldenplatz vor mehreren zehntausend Teilnehmern war der spätere Ministerpräsident Viktor Orbán.

Leben mit der Vergangenheit

Der Geist der Revolution und der Freiheit konnte trotz Repressalien gegenüber der Bevölkerung danach nie mehr völlig erstickt werden. Wie zur Verhöhnung der Freiheitskämpfer wurde die zentrale KP-Zeitung nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes in Népszabadság (dt.: Volksfreiheit) umgetauft. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus 1989 wurde die ungarische Oktoberrevolution als „Konterrevolution“ diffamiert. Heute ist der Tag des Ausbruchs der Revolution, der 23. Oktober, einer der drei Nationalfeiertage Ungarn. Vor zehn Jahren kam es an diesem Tag zu schweren Polizeiausschreitungen gegenüber Demonstranten, die an diesem Tag gegen die sozialistische Gyurcsány-Regierung in Budapest auf die Straße gegangen waren.

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