„Geschichte eines Revolutionärs” ist Ihr dritter Dokumentarfilm, der sich mit Ungarndeutschen beschäftigt. Woher kommt Ihr Interesse an dem Thema?

Da meine Großmutter mütterlicherseits und mein Großvater väterlicherseits Deutsche waren, betrachte ich mich als Halbdeutscher. Die Urgroßeltern meiner Großmutter stammten aus Merklingen bei Ulm und übersiedelten wie viele andere deutsche Bauern im 18. Jahrhundert unter Josef II. nach Ungarn. Man bezeichnete sie als Donauschwaben. Sie landeten in der Region Batschka in der Kleinstadt Crvenka (Anm. d. Red.: damals “Tscherwenka”), die heute zu Serbien gehört.

Was bedeutet Ihnen Ihre Herkunft?

Meine deutschen Wurzeln sind sehr wichtig für mich. Als Kind habe ich viel Zeit mit meiner deutschen Großmutter verbracht, da meine Mutter beim ungarischen Fernsehen arbeitete und häufig auf Drehs unterwegs war. Meine Großmutter sang mir dann immer Schlaflieder auf Deutsch vor und erzählte von ihren Erinnerungen an ihre Heimat Crvenka, aus der sie nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde. Daher handeln auch meine ersten beiden Filme von der Vertreibung der Ungarndeutschen. Anlässlich des 60. Jahrestages der Revolution von 1956 hatte ich jedoch das Gefühl, einen Film über die Rolle der Ungarndeutschen darin machen zu müssen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Meine ursprüngliche Idee war es, drei unterschiedliche Ungarndeutsche zu porträtieren: Eine Person, die zwar damals in Budapest lebte, aber nichts mit der Revolution zu tun hatte, jemanden vom Land und einen Revolutionär. Zunächst habe ich in Soroksár (Anm. d. Red.: seit 1950 ein Bezirk von Budapest) recherchiert, wo traditionell viele Ungarndeutsche lebten. Ich erfuhr, dass die Leute, die damals dort wohnten, Angst hatten, sich an der Revolution zu beteiligen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der Ungarndeutschen aus Soroksár vertrieben. Man sagte mir zudem, dass es so gut wie unmöglich sei, einen ungarndeutschen Revolutionär von 1956 zu finden.

Zu guter Letzt fanden Sie aber doch jemanden...

Genau. In der Hoffnung darunter einen deutschen Namen zu finden, begann ich im Internet Listen mit den Namen derjenigen durchzugehen, die während der Revolution ihr Leben gelassen hatten. Schließlich stieß ich auf György Herhoff, der aus Békásmegyer (Anm. d. Red.: Deutsch: Krottendorf) stammte, einem ebenfalls mehrheitlich von Deutschen besiedelten Stadtteil Budapests. Der Bürgermeister von Békásmegyer, den ich anrief, konnte mir nichts zu Herhoff sagen. Er empfahl mir jedoch, die örtliche Bibliothek zu kontaktieren. Dort gab man mir die Auskunft, dass Herhoffs 83-jährige Schwester, Mária Herhoff, noch am Leben sei und vermittelte mir ihren Kontakt. Als ich mich mit Mária Herhoff traf und sie mir die Geschichte ihres Bruders erzählte, war mir sofort klar, dass er meine Hauptfigur werden musste. György Herhoff hatte tatsächlich in der Revolution gekämpft und war dabei umgekommen.

Was faszinierte Sie besonders an der Geschichte?

Mária und György Herhoff waren wie ich halb Schwaben und halb Ungarn. Den Herhoffs gehörte eine kleine Firma, die Sprudelwasser herstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entging die Familie zwar der Vertreibung, wurde aber enteignet. György Herhoff schloss sich daraufhin in den 1950er-Jahren einer systemkritischen Gruppe an, die sich im Widerstand gegen den Kommunismus organisierte. In der Gruppe gab es jedoch einen Spitzel, der die Namen der Mitglieder an die Polizei weitergab, woraufhin alle verhaftet und zum Tode verurteilt wurden. Glücklicherweise wurde die Strafe von György Herhoff im Nachhinein auf 13 Jahre Haft und Zwangsarbeit gemildert. Kurz vor der Revolution wurde er dann sogar vom damaligen Ministerpräsidenten Imre Nagy begnadigt.

Er war also endlich frei – und wollte trotzdem erneut für Ungarns Unabhängigkeit kämpfen?

Ja, anstatt nun mit seiner Familie nach Deutschland auszuwandern, schloss sich György Herhoff der Revolutionsbewegung an. Als halber Ungar fühlte er sich dazu verpflichtet. Leider wurde Herhoff erschossen und somit zum Märtyrer. Mária Herhoff, die mir seine Geschichte erzählte, sagte am Ende des Interviews noch etwas, das mich dazu brachte, mein gesamtes Konzept für den Film zu ändern. Sie erzählte mir davon, wie sie ihr Leben lang vergeblich nach dem Verräter ihres Bruders gesucht hatte. Daraufhin beschloss ich die Geschichte der Revolution und des Märtyrers György Herhoff anhand von Mária Herhoffs Suche zu erzählen. Ob sie ihn am Ende gefunden hat, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.

Was hat das Ende der Sowjetunion für Mária Herhoff bedeutet?

Zum einen war sie sehr enttäuscht, dass die Namen von Spitzeln, wie dem Verräter ihres Bruders, nicht öffentlich gemacht wurden. In anderen Ländern wie Rumänien beispielsweise ist dies durchaus geschehen. Zudem beschäftigte sie ein Konflikt aufgrund einer Straße in Békásmegyer, die nach György Herhoff benannt werden sollte. Zunächst sollte es die Hauptstraße sein, am Ende erlaubte die linksgerichtete Regierung lediglich die Umbenennung einer sehr kleinen Straße. Mária Herhoffs Empfinden nach wurde dies dem heldenhaften Einsatz ihres Bruders für Ungarn nicht gerecht.

Konnte der Film sie etwas dafür entschädigen?

Mária Herhoff ist tatsächlich sehr glücklich, dass sich jemand für die Taten ihres Bruders interessiert. Selbst mit ihrer Tochter hat sie bis zur Entstehung dieses Films nie darüber gesprochen – so wie es in jeder Familie Geschichten zu geben scheint, über die niemand spricht. Nach 60 Jahren ist es jetzt endlich an der Zeit, sich gemeinsam hinzusetzen und über György zu reden.

Interessieren Sie sich bei Ihrer Arbeit eigentlich mehr für die Historie oder für die persönlichen Erinnerungen?

Wenn man einen interessanten Film machen will, muss man meiner Meinung nach sehr persönliche Schicksale zeigen. Durch die Darstellung diverser Einzelschicksale wird ohnehin oft der ganze Verlauf der Geschichte deutlich. So empfand ich das zumindest bisher immer bei meinen Dokumentationen über die Vertreibungen und die Revolution.

Warum ist es für Leute heute noch relevant den Film zu sehen?

Nur wenige Menschen kennen die Geschichte von Helden wie György Herhoff und wissen daher oft nicht, wie nützlich die Ungarndeutschen für das Land waren. Ich habe den Film vor allem für die Ungarn gemacht. Vermutlich wird man ihn sogar am Jahrestag der Revolution bei Duna World im ungarischen Staatsfernsehen sehen können.

Wo wird der Film noch zu sehen sein?

Bisher haben ihn zwei Filmfestivals in ihr Programm aufgenommen: das TISZApART Festival in Miskolc und das Filmfestival in Lakitelek.

Wie lange haben Sie gebraucht und hatten Sie finanzielle Unterstützung?

Ich habe ein halbes Jahr an dem Film gearbeitet. Anders als bei meinen ersten beiden Filmen habe ich für den Dreh von „Geschichte eines Revolutionärs” Fördermittel von unterschiedlichen Institutionen bekommen. Dadurch war es mir beispielsweise möglich, eine 13-minütige 3D-Animation des Künstlers Attila Stark einzufügen.

Denken Sie bereits über das nächste Projekt nach?

Ich habe noch sehr viel ungenutztes Interviewmaterial von meinen Aufnahmen in Soroksár auf meinem Computer. Die Interviews nur auf YouTube zu stellen, wäre mir nicht genug. Wenn überhaupt, dann möchte ich einen ganzen Film dazu machen, sobald ich wieder Zeit habe. Derzeit bin ich allerdings noch damit beschäftigt, der aktuellen Doku ihren Feinschliff zu geben...

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