Herr Schmidt-Schweizer, welche Haltung offenbarte sich in der bundesdeutschen Politik und Öffentlichkeit gegenüber den Ungarnflüchtlingen?

Sowohl die Bundesregierung als auch die westdeutsche Bevölkerung verurteilten die Niederschlagung des Volksaufstandes natürlich einhellig und brachten – wie die gesamte westliche Welt überhaupt – den „ungarischen Freiheitskämpfern“ große Sympathien und Hilfsbereitschaft entgegen. Die Ungarn hatten ja im Oktober 1956, wie die Ostdeutschen im Juni 1953, ganz eindeutig ihre Ablehnung gegenüber dem Kommunismus und der sowjetischen Besatzung zum Ausdruck gebracht. Während die Adenauer-Regierung die Sowjetunion und das mit ihrer Hilfe etablierte Kádár-Regime jahrelang heftig verurteilte und den Flüchtlingen auch große materielle Hilfe gewährte, offenbarte sich in der Bevölkerung eine – heute würden wir sagen – ausgesprochene Willkommenskultur.

Welche Maßnahmen ergriff die Bundesrepublik, nachdem die Flüchtlinge im November und Dezember 1956 massenhaft in Österreich eingetroffen waren?

Die Aufnahme der Ungarnflüchtlinge in der Bundesrepublik verlief in der Regel folgendermaßen: Nach einem Hilfsappell der österreichischen Regierung entsandte das Bonner Innenministerium in der zweiten Novemberwoche 1956 eine Registrierungskommission in die Aufnahmelager in Österreich. Bei dieser Kommission konnten sich die Flüchtlinge, die nach Westdeutschland ausreisen wollten, melden und mussten sich lediglich registrieren lassen. In einer weitgehend reibungslosen Zusammenarbeit mit den österreichischen Behörden und dem Roten Kreuz wurden die Flüchtlinge, auch diejenigen, die sich direkt bei der bundesdeutschen Botschaft in Wien gemeldet hatten, dann in Sonderzügen der Deutschen Bahn nach Westdeutschland gebracht, zumeist in Durchgangslager nach Bayern.

Mit welcher Zahl von Flüchtlingen rechnete man damals in Bonn?

Anfänglich war die Bundesregierung von insgesamt 15.000 Ungarnflüchtlingen ausgegangen und hatte sich bereit erklärt, unverzüglich 3.000 aufzunehmen. Aufgrund des anhaltenden Zustroms beschloss Bonn dann aber, weiteren Tausenden von Flüchtlingen Asyl zu gewähren und sprach sich schließlich Mitte Januar 1957 ganz gegen die Festlegung einer Obergrenze aus. Bundeskanzler Konrad Adenauer war nämlich der Auffassung, dass ein solcher Beschluss „aus außenpolitischen und moralischen Gründen nicht vertretbar“ sei.

Was verbarg sich hinter dieser Haltung Adenauers?

Dahinter verbarg sich zweifellos seine christlich-antikommunistische Grundeinstellung sowie die Absicht, auf internationaler Ebene – elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg – das humanitäre Gesicht der jungen Bundesrepublik herauszustellen, ebenso wie zum Beispiel mit den damaligen Lebensmittelhilfen für Polen. An dieser Stelle sei allerdings auch darauf verwiesen, dass sich im Januar 1957 aufgrund der sowjetischen Abriegelung der ungarischen Grenze bereits ein deutliches Abebben der Flüchtlingswelle abzeichnete.

Mit welchen Flüchtlingszahlen rechnete man Anfang 1957?

Realistischer Weise gingen die westdeutschen Behörden im Februar 1957 von einer endgültigen Flüchtlingszahl in der Bundesrepublik von 15.000 Personen aus. Tatsächlich erhöhte sich die Zahl von etwa 13.600 Personen Ende 1956 dann bis Mitte 1957 nur mehr um einige Hundert auf rund 14.300.

Welche Maßnahmen ergriffen die Behörden nach der Ankunft der ungarischen Flüchtlinge in der Bundesrepublik?

Die Flüchtlinge konnten nach ihrer Ankunft in den Durchgangslagern einen Antrag auf Anerkennung als ausländische Flüchtlinge stellen. Hierbei mussten sie lediglich einige persönliche Angaben machen und ihre politische Verfolgung in Ungarn erklären. Ohne eine – aufgrund der Kürze der Zeit sowieso unmögliche – nachrichtendienstliche Überprüfung erhielten dann grundsätzlich alle Antragsteller eine vorläufige Anerkennung und wurden auf die verschiedenen Bundesländer verteilt.

Nach welchen Gesichtspunkten verlief diese Verteilung?

Primär nach dem Gesichtspunkt der Beschäftigungskapazitäten in den einzelnen Ländern. In diesem Sinn hatte die Regierung bereits Anfang Dezember 1956 beschlossen, die Flüchtlinge vor allem nach Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zu schicken. In den Bundesländern wurden sie dann in eigens zur Verfügung gestellten kleineren Gruppenquartieren untergebracht.

Welche ersten Maßnahmen wurden ergriffen, um die Flüchtlinge zu integrieren?

Die Arbeitsämter der Bundesländer versuchten sofort, den Flüchtlingen möglichst schnell und unbürokratisch Arbeit zu verschaffen. Diesbezüglich wurden die Behörden bereits Anfang Dezember 1956 angewiesen, die entsprechenden Genehmigungen großzügig und entgeltfrei, gegebenenfalls auch nachträglich, auszugeben und die „Vermittlung besonders behutsam vorzunehmen.“ Sie sollten nur an „einwandfreie Arbeitsplätze“ überstellt werden, wobei – neben der entsprechenden Qualifikation – auch darauf geachtet werden sollte, dass mit dem Arbeitsplatz eine Wohnmöglichkeit verbunden war. Über die Berufsstruktur der Flüchtlinge erstellten die zuständigen Arbeitsämter genaue Aufstellungen. Aus diesen geht hervor, dass die meisten Flüchtlinge in der Metallindustrie beschäftigt waren. Dies lag daran, dass sehr viele „Söhne der Arbeiterklasse“ aus den Budapester Metall- und Traktorenfabriken geflohen waren. Weitere Schwerpunkte bildeten Bergbau, Handel und Landwirtschaft.

Wie kam man bei der beruflichen Integration der Flüchtlinge voran?

Trotz einiger Probleme – vor allem Defizite bei der Ausbildung oder fehlende Deutschkenntnisse – waren die Bemühungen der westdeutschen Arbeitsämter außerordentlich erfolgreich: Bereits Anfang Mai 1957 standen fast alle Ungarnflüchtlinge, nämlich 95 Prozent, in einem Arbeitsverhältnis. Von den rund 7.600 Ungarn arbeitete die Mehrzahl in der Metallwirtschaft und im Bergbau. Aber auch die Integration der fast 1.000 Studenten und über 500 Schüler erfolgte aufgrund von Sondermaßnahmen (Deutschkurse, Kurse zur Studienvorbereitung usw.) schnell und weitgehend reibungslos.

Und wie verhielt es sich mit der Rechtsstellung der Flüchtlinge?

Nach der provisorischen Anerkennung erhielten die Flüchtlinge von den örtlichen Behörden ihre endgültige Anerkennung auf der Grundlage der Genfer Flüchtlingskonvention vom Juli 1951. Hierbei wurden allerdings in Verdachtsfällen – vor allem bei Angehörigen des Militärs oder bei ehemaligen KP-Funktionären – auch nachrichtendienstliche Ermittlungen durchgeführt. Dies kam allerdings nur sehr selten vor. Insgesamt betrachtet, verlief der Prozess der Aufnahme der Ungarnflüchtlinge 1956/57 in geregelten Bahnen und die ersten, grundlegenden Maßnahmen zu ihrer Integration – also die Lösung der Wohnungs-, Arbeits-, Ausbildungs- und Statusfrage – konnten bis Mitte 1957 erfolgreich abgeschlossen werden.

Wie in den anderen westlichen Gesellschaften war die Integration der Ungarnflüchtlinge in der Bundesrepublik – wie Sie bereits sagten – eine Erfolgsgeschichte. Welche Faktoren spielten hier eine besondere Rolle?

Ich denke, hier sind vor allem fünf Faktoren entscheidend. An erster Stelle möchte ich auf die relativ geringe Zahl von Flüchtlingen – wie gesagt 14.000 Personen – verweisen. Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Bundesrepublik zu dieser Zeit vor gewaltigen anderen Integrationsherausforderungen stand: Ende 1956 befanden sich rund 150.000 Flüchtlinge aus der sogenannten Sowjetzone in bundesdeutschen Auffanglagern und ein Ende dieses Flüchtlingsstroms war nicht abzusehen. Von den Millionen Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten waren noch immer rund 225.000 in provisorischen Lagern untergebracht und auch weiterhin trafen noch Zehntausende aus diesen Gebieten ein. Und zusätzlich hatte die Bundesrepublik noch 23.000 staatenlose Ausländer zu versorgen. Eine Flüchtlingswelle größeren Ausmaßes hätte die Bundesrepublik 1956/57 vor außerordentliche, wahrscheinlich sogar unlösbare Probleme gestellt.

Was war der zweite Faktor?

Die für die bundesdeutsche Wirtschaft günstige soziale und berufliche Schichtung der Flüchtlinge. Bei den Ungarnflüchtlingen handelte es sich – wie angesprochen – in der überwiegenden Mehrzahl um junge Männer, die bereits beruflich tätig gewesen waren. Und diese Gruppe kam zudem oft gerade aus jenen Branchen, in denen zur Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders besonders starker Arbeitskräftemangel herrschte, so aus der metallverarbeitenden Industrie, dem Bergbau und dem Handwerk. Der Arbeitskräftemangel war damals sogar so groß, dass westdeutsche Unternehmen bereits in den österreichischen Lagern versuchten, Arbeitskräfte anzuwerben.

Den dritten Faktor bildete der – angesprochene – gewaltige Sympathiefaktor in der bundesdeutschen Bevölkerung und Politik. Dieser hatte sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und des sehr stark antikommunistisch geprägten politischen Klimas der Ära Adenauer entwickelt. Ohne diese Sympathie wäre die Aufnahme und Integration der Ungarn wohl kaum auf diese Weise erfolgt. Sie erklärt das rasche und unbürokratische Handeln der bundesdeutschen Politik und Verwaltung ebenso, wie die Bereitschaft der Regierung beziehungsweise des Parlaments, größere Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Sie erklärt aber auch die besondere, Jahre anhaltende materielle und immaterielle Hilfsbereitschaft in der westdeutschen Bevölkerung – die den deutschstämmigen Vertriebenen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg nur selten zuteilgeworden war!

Natürlich hätte dieser Sympathiefaktor alleine auf der einen Seite nicht ausgereicht.

Richtig. Auch die Einstellung der Flüchtlinge war natürlich von grundlegender Bedeutung. Mein vierter Faktor ist so auch der Integrationswille der Flüchtlinge. Die Ungarnflüchtlinge waren in ihrer überwiegenden Mehrheit sehr stark daran interessiert, sich in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik einzufügen. Dahinter verbargen sich einerseits oft traumatische Erfahrungen während des Stalinismus und des Volksaufstandes sowie die geringe Hoffnung, in absehbarer Zeit in die Heimat zurückkehren zu können. Andererseits wurden die Flüchtlinge aber auch durch die – begründete – Hoffnung motiviert, in der wirtschaftlich prosperierenden, liberal-demokratischen und kulturell offenen Bundesrepublik eine neue Existenz aufbauen zu können.

Und was ist der fünfte Faktor?

Der europäische kulturelle Hintergrund. Auch wenn es zwischen der westdeutschen Bevölkerung und den Flüchtlingen durchaus auch kulturell-religiöse Unterschiede gab, so hielten sich diese doch in einem gewissen – sagen wir – europäischen Rahmen, waren also relativ leicht zu überbrücken. Darüber hinaus bestanden zwischen Deutschland und Ungarn Jahrhunderte alte wirtschaftliche, kulturelle und persönliche Bindungen und die gemeinsame Geschichte war – abgesehen von den Kriegsereignissen 1944/45 und der anschließenden Vertreibung der Ungarndeutschen – ohne größere Belastungen. All dies stellte einen grundlegenden Faktor für die langfristige gesellschaftlich-kulturelle Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft dar – in der in den 1950er Jahren natürlich noch keine besonders ausgeprägten multikulturellen Tendenzen vorherrschten.

Aufgrund dieser fünf Faktoren konnte die Masse der Ungarnflüchtlinge ihren Platz in der bundesdeutschen Gesellschaft finden und aktiv und zum gegenseitigen Vorteil an der dynamischen Entwicklung der westdeutschen Wirtschaft und Gesellschaft teilnehmen. Vielen Ungarn gelang es sogar, eine steile Karriere in Westdeutschland zu machen, manche übernahmen auch – schon vor 1989 – eine aktive Rolle bei der Entwicklung der deutsch-ungarischen Beziehungen.

Der promovierte Historiker Andreas Schmidt-Schweizer ist seit über zehn Jahren am Institut für Geschichtswissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf dem Gebiet der Kommunismus- und Systemwechselforschung sowie der deutsch-ungarischen Beziehungen seit 1945.

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