Am 2. November 1956 erschien die Népszabadság zum ersten Mal. Das Nachfolgeblatt des KP-Blattes Szabad Nép war bis zur Wende 1989 das ausgesprochene Parteiblatt der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (MSZMP), gelangte jedoch 1990 zum deutschen Verlagshaus Bertelsmann. Inhaltlich seit jeher stark an die linke Leserschaft gerichtet, konnte sich die Népszabadság trotz aller Widrigkeiten über fast taggenau sechs Jahrzehnte halten. Einer, der fast die Hälfte dieser Zeit an Bord war, ist András Dési.

Népszabadág-Redakteur, András Dési: „Wir sind Geiseln“

Dési ist seit 26 Jahren bei der Népszabadság. Oder vielmehr war, denn Chancen auf eine Weiterführung des Blattes rechnet auch er sich nicht mehr aus. Spätestens seit Montag, als er zum vereinbarten Zeitpunkt ins Redaktionsgebäude an der Bécsi út ging, um seinen Umzugskarton mit privaten Habseligkeiten abzuholen, war klar, hier dürfte wohl das letzte Wort gesprochen sein.

Der für Außenpolitik zuständige Redakteur, András Dési, ist sich sicher, dass hinter der Schließung der Népszabadság politische Interessen stehen. „Es ist kein Zufall, dass neben dem Versuch, die Lokalzeitungen an sich zu binden, auch die Népszabadság auf Kurs gebracht werden soll.“ Tatsächlich werden täglich neue Details bekannt, welche die Mär von den ausschließlich wirtschaftlichen Gründen immer unwahrscheinlicher erscheinen lassen.

So veröffentlichte das Wochenmagazin Figyelő eine erste Schätzung, was die Einstellung des Blattes tatsächlich an Kosten verursacht. Neben grob geschätzten 80 bis 85 Millionen Forint für die Rückzahlung an bereits eingezahlten Abonnements (mehr als 30.000 an der Zahl) will der Herausgeber Mediaworks dem eigenen Versprechen zufolge die Mitarbeiter noch für den vollen Monat Oktober bezahlen. Dies bedeutet weitere geschätzte 38 bis 40 Millionen Forint. Ein Faktor, der sich noch nicht berechnen lässt, ist, wie viel der Verlag an Vertragsstrafe zu zahlen haben wird für ausgebliebene Werbeanzeigen.

András Dési ist seit 26 Jahren Mitarbeiter der Népszabadság. Für die Zukunft der Zeitung sieht er schwarz.

„Viele Abonnenten“

Ebenfalls stockend geht es auch mit den Rückzahlungen der Abogelder voran. Ein Leser der Tageszeitung teilte seine Erfahrung in einer Nachricht an die Facebook-Präsenz der Redaktion, die diese wiederum veröffentlichte. Zsolt Hegyi schrieb noch am 8. Oktober eine E-Mail an den Verlag, dass er den Rest des Jahresbeitrages zurückerstattet bekommen möchte. Nachdem zwei Tage lang keine Antwort einging, rief er beim Aboservice an, wo man ihm mitteilte, es werde noch in dieser Woche ein Brief an alle Leser versandt. Der Brief erreichte Hegyi, enthielt aber lediglich die bereits auf nol.hu veröffentlichte Erklärung der Mediaworks über die „wirtschaftlichen Hintergründe der Einstellung“. Ein weiteres Telefonat endete mit dem Verweis auf einen weiteren Brief, der aber nie ankam. Ein letztes Telefonat folgte, in dem Hegyi endlich seine Bankdaten angeben konnte. Man würde ihm sein Abo von Oktober gerechnet irgendwann im November zurückzahlen. Auf die Frage, warum man eine Traditionszeitung binnen eines Tages dem Erdboden gleichmachen könnte, aber die Entschädigung der Leser so lange brauchte, war die Antwort überraschend: „Die Népszabadság hatte eben sehr viele Abonnenten.“


Die Redaktion der Népszabadság hält weiterhin eng zusammen. „Dabei kämpfen viele von uns mit großen Ängsten“, erklärt Dési. Denn obwohl Mediaworks zugesichert hat, die Kollegen bis Ende des Monats zu bezahlen, bleibt die Angst, auf der Strecke zu bleiben. Auch ist nicht klar, wie es in Sachen Arbeitsrecht weitergeht. Denn derzeit sind die Journalisten zum Nichtstun verdammt, solange ihr Arbeitsverhältnis nur auf Eis, aber nicht beendet ist, dürfen sie nirgendwo anders publizieren. „Wir befinden uns seit dem 8. Oktober in Geiselhaft“, urteilt Dési. Denn nicht nur fürchten die Mitarbeiter um ihren Lohn, auch die Zahlung einer Abfindung steht derzeit noch zur Debatte. „Unserem Chefredakteur András Murányi gebührt der größte Respekt, er versucht alles, um für uns eine tragbare Lösung auszuhandeln.“ Bis dahin heißt es aber, abwarten und vor allem: stillhalten.

Heimatlose Redaktion in Obdachlosenblatt

Derweil findet die immer noch heimatlose Redaktion in einer eher ungewöhnlichen Publikation Zuflucht. Am Donnerstag erschien die Obdachlosenzeitung Fedél Nélkül mit zwölf, der Népszabadság überlassenen Seiten. „Die Idee stammt aus dem Kreis unserer Unterstützer“, erklärt Judit N. Kósa, suspendierte Journalistin der Népszabadság. Zwar sind im Bereich Arbeitsrecht versierte Juristen der Meinung, unentgeltliche Publikationen wie diese würden nicht unter das Publikationsverbot fallen, aber „der Teufel schläft nicht“. Deswegen, so Kósa, sind auch nicht etwa Kollegen der Tageszeitung veröffentlicht worden, sondern externe Mitarbeiter der Redaktion. Die eigens für diese Sonderausgabe geschriebenen Texte stammen unter anderem von Philosoph Miklós Gáspár Tamás, Mihály Dés und Tímea Turi. Die Einnahmen der Sonderausgabe gehen, wie sonst auch, in Gänze an die obdachlosen Verkäufer.

Ungewisse Zukunft für Népszbadság-Redakteure

Die Fedél Nélkül wird eine einmalige Möglichkeit bleiben, so viel steht jetzt schon fest. Wie es mit der Népszabadság weitergeht, weiß niemand. Der Markt für Medien hat sich stark verändert, so viel steht fest. Insbesondere in ländlichen Gebieten sind es vor allem die dortigen Lokalblätter und das Fernsehen, die den Menschen als Informationsquelle dienen. Der suspendierte Außenpolitikredakteur ist sich sicher, dass die Mediaworks damals allein deswegen Interesse an dem Paket hatte, dessen Teil auch die größte Tageszeitung war. Heute gehören immer mehr Medien in Ungarn zu regierungsnahen Kreisen und mit dieser Meinung ist András Dési keineswegs allein. In einer repräsentativen Umfrage des Publicus Instituts zwischen dem 11. und 13. Oktober unter 1.000 Teilnehmern zeichnete sich ein düsteres Bild ab.

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Heinrich Pecina (l.): „Die Einstellung war nötig, um Gespräche zu erzwingen.“

Zwar halten 74 Prozent der Befragten die Unabhängigkeit der Medien (von der Regierung) für wichtig, weitere 13 Prozent für eher wichtig. Doch wenn es um die Frage geht, wie unabhängig die Medien in Ungarn tatsächlich sind, sieht es schon anders aus: Auf einer Skala von 1 bis 5 werteten nur zwölf Prozent die Medien als vollkommen frei, weitere zehn Prozent als eher frei, aber 38 Prozent als unfrei oder eher unfrei, im Mittel kommen die ungarischen Medien auf einen Wert von 2,7.

Auch Jobbik-Sympathisanten lasen gern die Népszabadság

Von der Schließung der Népszabadság inspiriert, stellten die Meinungsforscher auch die Frage, ob und wie häufig man die Népszabadság im Print oder online auf nol.hu gelesen habe. Knapp die Hälfte der Befragten gaben an, mehr oder minder regelmäßig die Zeitung gelesen zu haben. Interessanterweise variieren die Werte zwischen den Lesern auf unterschiedliche Parteipräferenzen aufgeschlüsselt weit weniger stark, als man erwarten würde. Besonders das Lager der Jobbik überrascht, gaben doch 47 Prozent an, die Népszabadság oder nol.hu gelesen zu haben.

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Miklós Hargitai, Journalist bei der Népszabadság, sprach am vergangenen Sonntag vor mehreren Tausend Demonstranten. (Fotos: MTI / Balázs Mohai)

Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet auch die französische Tageszeitung Le Monde. In der Dienstagsausgabe befasst sie sich umfangreich mit der Causa Népszabadság. Zwei Dinge werden dabei besonders betont: zum einen, dass Ungarn seit 2010 um ganze 48 Plätze in der Liste der Pressefreiheit gefallen ist – tatsächlich rutschte das Land in der diesjährigen Studie der NGO Freedomhouse von der Kategorie der „gefestigten Demokratie“ in die der „nicht gefestigten“ –, zum anderen, dass der Besitzer der Mediaworks, der Österreicher Heinrich Pecina, kein unbeschriebenes Blatt ist. So soll er der Hypo Adria Bank Verluste in Höhe von 4,3 Millionen Euro verursacht haben und damit maßgeblich zu einer der größten Pleiten der österreichischen Geschichte beigetragen haben.

Medieninhaber Pecina kritisiert ungarisches Management

Medieninhaber Pecina äußerte sich in der vergangenen Woche auch zur Népszabadság. In der österreichischen Wirtschaftszeitung Profil sprach er davon, dass die Suspendierung der Népszabadság notwendig gewesen sei, um die Mitarbeiter zu Gesprächen zu zwingen. Es sei aber ein unverzeihlicher Fehler, dass das ungarische Management falsch kommuniziert hätte und die zu erwartenden Reaktionen falsch eingeschätzt hatte. Das Blatt für ein paar Tage einzustellen, so Pecina, sei die einzige Möglichkeit für einen Dialog gewesen. Der jedoch, so der Inhaber weiter, habe sich schnell als vergebens herausgestellt, denn „die Mitarbeiter des Blattes waren eher an ihrem Gehalt, denn an der Zukunft der Zeitung interessiert“.

Péter Pető, stellvertretender Chefredakteur der Népszabadság, reagierte prompt gegenüber dem linksliberalen Fernsehsender atv: „Unsere E-Mail-Postfächer wurden deswegen blockiert und für uns unzugänglich gemacht, damit wir uns zu Gesprächen zusammensetzen? Das ist eine Lüge und Punkt.“

Fortsetzung auf einer anderen Ebene?

Und wie geht es weiter? Für András Dési gehört die Népszabadság in ihrer einstigen Form der Geschichte an, „aber vielleicht gibt es die Möglichkeit, das Ganze auf einer anderen Ebene fortzusetzen“. Die Redaktion hält zusammen und will sich auch nicht von außen auseinanderbrechen lassen, schon gar nicht von solchen provokativen Versuchen, wie der „Népszabadság Besttop“, einer Facebookseite, die fast zeitgleich mit der Redaktionsseite der Népszabadság, der „Népszabi Szerkesztőség” online ging. Zuerst als „neue“ Népszabadság benannt, änderte sie ihren Namen schnell. „Das ist aber nur eine Provokation“, stellt Dési klar. Ganze 770 Follower zählt die Seite auch nur noch, wohingegen die Redaktionsseite fast 52.000 Follower zählt.

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Der Einfluss des Fidesz auf die Medien wird auch innerhalb der Gesellschaft als sehr groß wahrgenommen.

Auch in der Offlinewelt kann sich die Redaktion nicht über mangelnde Unterstützung beklagen. Auf einer oppositionellen Kundgebung am vergangenen Sonntag versammelten sich mehrere Tausend Demonstranten. Unter dem Titel „Sie stehlen, schmeißt sie raus“ ging es nicht ausschließlich um die Schließung der Zeitung, doch kann dieser Tage niemand an diesem Thema vorbei (mehr dazu bei den Kurznachrichten).

Und so wird es auch bei den zahlreichen Kundgebungen am kommenden Wochenende sein, allen voran die Veranstaltung „Künstler für die Pressefreiheit“. Am Samstag werden Musiker verschiedenster Stilrichtungen auf dem Vörösmarty tér gemeinsam auf der Bühne stehen. Am Sonntag finden über die Hauptstadt verteilt verschiedene oppositionelle Veranstaltungen statt. Während die Inhalte der Kundgebungen variieren werden, wird ein Thema überall anzutreffen sein: Die Causa Népszabadság.

Denn obwohl täglich mehr und mehr über mögliche Hintergründe der Schließung bekannt wird, ein Gedanke bleibt: „Das ist alles vollkommen irrational gelaufen.“ András Dési ist sich nicht sicher, ob es direkte politische Einflussnahme oder eine Art vorauseilender Gehorsam war, der zur Schließung führte, „aber irgendwann wird alles ans Licht kommen“.

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