Per Kurier wurden am Samstagmorgen die Briefe an die Mitglieder ausgefahren, in denen sie davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass ihr Arbeitsverhältnis vorerst ruht. András Murányi, Chefredakteur der Népszabadság, erfuhr gar erst durch den Telefonanruf eines Verwandten und aus den Medien von der Einstellung seines Blattes.

Kalt erwischt

Denn zwar erschien die Népszabadság am Samstag noch gedruckt, online war die Seite nol.hu jedoch nicht mehr erreichbar und auch die App versagte den Dienst. Alles vollkommen unerwartet, sowohl für die Leser als auch die Mitarbeiter. Auf der Internetseite der Zeitung war lediglich die offizielle Stellungnahme des Verlags zu lesen. Aus finanziellen Erwägungen hätte man beschlossen, die Herausgabe der Népszabadság vorerst einzustellen. In den vergangenen zehn Jahren hätte das Blatt mehr als 74 Prozent seiner Leserzahlen, sprich mehr als 100.000 Leser eingebüßt und mehr als fünf Milliarden Forint Verlust eingefahren. Es gehe nun darum, alle zur Verfügung stehenden Ressourcen darauf zu konzentrieren, das beste wirtschaftliche Modell zu finden.

Informationen häppchenweise

Auch die Leser traf das Aus der Népszabadság unerwartet. Selbst Abonnenten, aber auch Zeitungshändler erfuhren, wie alle anderen, erst am Samstag vom Aus der Zeitung. Die Mediaworks bot ihren Kunden an, aus dem breiten Portfolio des Verlags andere Zeitungen für den Rest der Abolaufzeit zu wählen beziehungsweise das auf die Restlaufzeit entfallende Geld zurückzuzahlen. Einer der Subunternehmer der ungarischen Post versandte bereits am Dienstag Schreiben, in dem er die Abonnenten der Népszabadság „mit Bedauern über (deren) Einstellung“ informierte. Binnen drei Tagen könne jedoch aus einer Reihe anderer Blätter gewählt werden.

Auf einer improvisierten Pressekonferenz vor den verschlossenen Türen des neuen (alten) Redaktionsgebäudes an der Bécsi út teilte Chefredakteur Murányi mit, man befände sich in Gesprächen mit dem Inhaber Mediaworks. Am Samstag noch sprach Murányi davon, es zeige sich eine gewisse Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten.

Doch die Hoffnung auf eine baldige Einigung sollte sich schnell als unbegründet erweisen. Zwar traf man sich sowohl am Samstag als auch am Sonntag zu Gesprächen, jedoch blieben diese ergebnislos. Das Angebot der Mediaworks, die Népszabadság am Montag wieder erscheinen zu lassen, wenn die Redaktion bis dahin ein belastbares Geschäftsmodell vorlegen kann, wurde von der Redaktion mehr als Augenwischerei denn als ernsthafte Offerte gewertet.

Vorgehen wirft Fragen auf

Doch nicht nur die Ernsthaftigkeit der Absicht, das Tagesblatt wieder an die Kioske zurück zu bringen, wird dieser Tage in Frage gestellt. Das ganze Vorgehen wird kritisch beäugt. Mehrere Mitarbeiter der Redaktion äußerten sich gegenüber verschiedensten Medien zu den Geschehnissen seit Freitag. Demnach war der Umzug der Redaktion für Sonntag angesetzt, raus aus dem innerstädtischen Büro der Mediaworks, zurück in die alten, und nunmehr renovierten Redaktionsräume im III. Bezirk.

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Bürofläche zu vermieten: Hier hätte die Népszabadság künftig ihren Sitz gehabt. (BZT-Foto: Nóra Halász)

Noch am Freitag, so berichten es die Mitarbeiter, habe man Kartons gepackt, Computer verstaut und bereits die Pizza für den ersten Tag im neuen Büro bestellt. Am Samstag dann die Überraschung. Weder die Firmenhandys funktionierten, noch waren die E-Mail-Konten der Redaktion erreichbar. Von einem Tag auf den anderen waren rund 80 Mitarbeiter, Journalisten, Layouter, Fotografen, einfach ausgesperrt. Offiziell von der Pflicht der Arbeitserfüllung entbunden, aber weiterhin eben doch noch an die Verträge mit der Népszabadság gebunden, befindet sich die Redaktion seitdem in einem Schwebezustand.

Schlagzeilen rund um die Welt

Doch nicht nur in Ungarn sorgte das Vorgehen des österreichischen Verlags für Schlagzeilen. Binnen weniger Stunden hatten sowohl europäische, als auch Zeitungen in Übersee das Thema Népszabadság aufgegriffen. Einhelliger Tenor: Die Erklärung des Verlags mit den wirtschaftlichen Erwägungen hinkt. Allein das abrupte Vorgehen lässt viele Fragen offen.

Weiterhin war es die Népszabadság, die zwei der pikantesten Skandale der Regierung der vergangenen Monate aufdeckte – und beide waren Titelstorys der Samstagsausgabe. Die Schlagzeilen der bedeutendsten Blätter und Agenturen der Welt galten spätestens am Sonntag den ungarischen Kollegen. Die New York Times widmete der Népszabadság ebenso ihre Aufmerksamkeit wie die AFP, Reuters und die BBC. Auch in deutschsprachigen Medien machte die Nachricht schnell die Runde, Spiegel, FAS und Die Presse berichteten noch am Wochenende über die Geschehnisse.

Fidesz-Politiker freut sich

Von Seiten der Regierung blieb es jedoch auffällig ruhig. Einzig der für die Senkung der Nebenkosten verantwortliche Staatssekretär Szilárd Németh äußerte sich noch am Samstag zur Schließung. Dem Privatsender RTL Klub gelang es, den Politiker ans Mikrofon zu bekommen. Németh wörtlich gegenüber dem Sender: „Ich denke, es war längst überfällig, dass die Népszabadság plötzlich dicht macht. Ihr Vorgänger war die Szabad Nép (stalinistische Tageszeitung, Red.) und so benahm sie sich auch weiterhin. Ich werde ihr also keine Krokodilstränen nachweinen.“

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Putsch, spontane Solidaritätskundgebung am Sonnabendnachmittag vor dem Parlament.

Ganz anders hingegen liest sich die offizielle Stellungnahme des Fidesz. Ebenfalls am Samstag, jedoch erst am späten Nachmittag teilte dieser mit, die Aufregung sei überflüssig. Der Fidesz betrachte die zeitweise Einstellung des Blattes als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, nicht als politische und verwies ebenfalls auf die fünf Milliarden Forint Verluste des Blattes. „Die Pressefreiheit würde dann verletzt, wenn wir uns in die Entscheidungen eines Medienunternehmens einmischen würden. Der MSZP fällt dies natürlich schwer hinzunehmen, da das Blatt früher ihnen gehörte.“ Tatsächlich verkauften die Sozialisten ihre Anteile an der Népszabadság 2015. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Mediaworks seit zwei Jahren Herausgeber der Népszabadság ist, um die Verluste des Blattes also gewusst haben muss. Das Nachrichtenportal index.hu schreibt weiterhin davon, dass das Traditionsblatt im vergangenen Jahr bereits schwarze Zahlen geschrieben hätte – obwohl es von lukrativen staatlichen Anzeigen fast gänzlich ausgeschlossen blieb.

Ungleichgewicht in Anzeigenverteilung

Ein dieser Tage oft gehörtes Argument ist, wäre die Népszabadság nicht so verlustreich gewesen, hätte sie nicht eingestellt werden müssen. Insbesondere von Regierungsseite wird dieses Argument mantraartig wiederholt. Der Investigativblog Átlátszó stellte zusammen, welche Medien reichlich mit hoch dotierten staatlichen Werbeanzeigen ausstaffiert wurden. Das Habony-Blatt Lokál beispielsweise generiert 80 Prozent seiner Werbeeinnahmen (laut Listenpreis) aus staatlichen Geldern Beim Regierungs-Tagesblatt Magyar Idők sind es 63 Prozent, bei der ebenfalls regierungsnahen Magyar Hírlap „nur“ 50 Prozent. Im selben Zeitraum (Januar bis Mai dieses Jahres) erhielt die Népszabadság gerade einmal ein Prozent ihrer Werbeeinnahmen aus öffentlichen Geldern. Dazu kommt, dass keine der drei regierungsnahen Zeitungen ihre Leserzahlen in der offiziellen MATESZ-Liste offenlegt und daher nicht nachvollziehbar ist, wie viele Leser diese hochdotierten Blätter tatsächlich haben.

Ungewissheit bleibt

Ein weiteres Treffen zwischen Vertretern der Redaktion und von Mediaworks am Montag wurde indes seitens des Verlags aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Tatsächlich reichte der Finanzdirektor und bestellte Generaldirektor des Medienunternehmens, Viktor Katona, am Montag seine Kündigung ein. Als Begründung gab er gesundheitliche Probleme an. Er hatte erst am Samstag die Leitung des Unternehmens übernommen, just an dem Tag, an dem die Népszabadság dicht gemacht wurde. Mit seinem Abtritt bleibt vorerst niemand, der sich an den Verhandlungstisch mit den Redaktionsmitgliedern setzen könnte. Doch nicht nur diesbezüglich herrscht Ungewissheit.

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Viele Bürger haben eine klare Vorstellung, wer für das Ende der kritischen Zeitung verantwortlich ist.(Foto: MTI / Zoltán Balogh)So wurde jüngst bekannt, dass die Briefe, in denen die Mitarbeiter der Redaktion von ihrer Suspendierung erfuhren, keine offizielle Unterschrift tragen, weder Katonas noch ein anderes Signum ist auf dem Schriftstück. Die rechtliche Wirksamkeit wird nun von Arbeitsrechtlern geprüft werden müssen. Und so lange die Redakteure und Journalisten nur suspendiert sind, dürfen sie anderweitig nicht publizieren. Dabei erhielten sie neben zahllosen Solidaritätsbekundungen unter anderem vom Investigativblog atlatszo.hu das Angebot, auf einer eigenen Oberfläche zu publizieren und eine Spendensammelaktion über den Blog zu starten.

Welle der Solidarität

Fast sofort nach Bekanntwerden der Geschehnisse um die Népszabadság teilten mehrere Redaktionen in Ungarn mit, sich mit den Kollegen des gestoppten Blattes zu solidarisieren. Sowohl die hvg als auch die 168óra (beides linksliberale Wochenzeitungen) waren dabei, ebenso zahlreiche Lokalzeitungen, Fachblätter und Onlineportale. Doch auch, eher dem konservativen Lager zuzuordnende Medien wie die Magyar Nemzet und Mandiner verwehrten sich gegen das Vorgehen des Herausgebers Mediaworks. Selbst aus dem Ausland gab es zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Einzig der Verband Ungarischer Journalisten (MUOSZ) hielt sich bedeckt – und in der Wortwahl erstaunlich regierungsnah. Gegenüber dem Sender HírTV legte dessen Vorsitzender Károly Tóth ausdrücklich seine Privatmeinung dar: „Die Suspendierung der Népszabadság halte ich für eine rein wirtschaftliche, keine politische Entscheidung.“ Er finde das Vorgehen des Verlags zwar nicht sonderlich kultiviert, aber es kann von keinem Herausgeber der Welt verlangt werden, ein finanziell verlustreiches Blatt bis in alle Ewigkeiten weiterzufinanzieren.

Auch arbeitsrechtlich bedenklich

Um all diese Unsicherheiten zu klären, teilte Imre Bednárik, Redakteur für Innenpolitik des Blattes im linksliberalen TV-Sender ATV mit, werde man sich nun an ein Arbeitsgericht wenden. Es sei nicht nur die Frage der fehlenden Unterschrift zu klären, sondern auch, warum über die Suspendierung des Blattes auf einer Sitzung entschieden wurde, auf der kein Vertreter der Arbeitnehmer zugegen war, obwohl dies gesetzlich gefordert wäre.

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Derweil scheint es jedoch so, als habe sich die Hoffnung, das Blatt in seiner einstigen Form wieder erscheinen zu lassen, zerschlagen. In einem Gespräch des Lehrstuhls für Medienwissenschaften an der ELTE sagte der stellvertretenden Chefredakteur Péter Pető, es kann quasi als sicher angenommen werden, dass die Népszabadság nicht mehr im Druck erscheinen wird. Jetzt ginge es vor allem darum, die Archive des Blattes zu sichern.

Hinter dieser trüben Aussicht mag aber auch stehen, dass der Markenname „Népszabadság“ im Sommer von Mediaworks bei der staatlichen MKB Bank gegen einen Kredit verpfändet wurde. Damit scheint auch der Kauf des Blattes durch die Redaktion selbst (noch am Sonntag machte die Redaktion das Angebot, das angebliche Verlustgeschäft der Mediaworks für einen Euro zu kaufen) in weite Ferne gerückt, denn auch die Bank müsste dem Verkauf zustimmen.

Bald eine Woche ist das größte oppositionelle Blatt nun verstummt, doch auf zahllose, drängende Fragen scheint es noch immer keine Antwort zu geben.

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