In Ungarn gibt es viele Botschaften, viele Botschafter sprechen auch Ungarisch. Es kommt aber selten vor, dass jemand so ausgezeichnet Ungarisch kann wie Sie. Wie sind Sie darauf gekommen, Ungarisch zu lernen?

Ich würde so sagen, es gibt ein paar Botschafter, die großartig Ungarisch sprechen, es gibt auch ein paar, die auch Ungarn sind, deshalb können sie sehr gut Ungarisch. Ich aber habe das einfach gelernt. Ich studierte an der Hochschule für Diplomatie in Moskau, meine zwei Fachgebiete waren Ungarisch und Französisch, deshalb habe ich diese Sprachen gelernt. Mir half dabei sehr die Tatsache, dass einige meiner Kommilitonen Muttersprachler waren, wir lebten im Studentenwohnheim zusammen. Aber ich hatte sehr viel zu lernen, es war nicht einfach, aber Ungarisch ist sehr schön. Ich liebe die Sprache, sie ist wie Musik für mich, aber sie ist wirklich sehr schwierig.

Wie haben Sie von Ihren Ungarisch-Kenntnissen profitiert?

Es hilft viel, um verstehen zu können, wie sich die Ungarn Gedanken machen, was die ungarische Regierung denkt. Ein Diplomat kann natürlich sehr gut in Ungarn leben, ohne die Sprache zu beherrschen, aber wirklich arbeiten kann man eigentlich nur mit Kenntnis der ungarischen Sprache.

Seit dem 1. Juli hat Polen den Vorsitz der Visegrád-Gruppe inne. Welche Akzente hat Ihr Land gesetzt?

Die größten Veranstaltungen wurden und werden in Polen durchgeführt. Wir nehmen eine ergänzende Rolle ein und legen den Akzent unter anderem auf die Kultur und auf den Ausbau einer sogenannten „Visegráder Identität“. Wir möchten aber auch die Vorarbeit des tschechischen Vorsitzes weiterbringen. Die infrastrukturellen, wirtschaftlichen Elemente sind sehr wichtig, ebenso Jugend-Programme.

Die Visegrád-Gruppe hat vier Mitglieder mit vier Sprachen. Aber es gibt nur wenige, die die Sprachen der anderen Länder beherrschen. Wie läuft die Kommunikation untereinander?

Das ist seit Jahren ein ernstes Problem, obwohl die Kooperation sehr gut ist. Zuerst hat man die russische Sprache als Kommunikationsmittel benutzt, jetzt ist Englisch Arbeitssprache, was hauptsächlich bei den Jugendlichen gut ankommt. Aber beim Ausbau der „Visegráder Identität“ gehört der Sprachunterricht zwingend dazu. Die Länder brauchen Experten, die auch die jeweiligen Sprachen können. Unbedingt sollte der Fremdsprachenunterricht in den Mittelschulen eingeführt werden, um hierbei schnellstmöglich voranzukommen.

Es gibt seit Jahren die Idee, einen Fernsehkanal einzurichten, der Programme für die Visegrád-Länder ausstrahlen soll. Was halten Sie davon?

Diese Idee existiert noch, und sie ist in Ungarn mit dem neuen Nationalfernsehen eigentlich leicht zu verwirklichen. Man könnte länderspezifische Programme machen, womit die Identität gestärkt würde. Ziel müsste sein, Kulturelles aus dem einen Land in die Kultur des anderen Landes zu transferieren. Fernsehen und Film sind dafür ausgezeichnet geeignet.

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Bei einer Diskussionsveranstaltung in der AUB. (Foto: Polnisches Institut)

Derzeit ist Wrocław (Breslau) Kulturhauptstadt Europas. Was erwartet Touristen dort?

Wrocław (Breslau) ist bei den Ungarn sehr bekannt, und Polen ist bei ihnen generell sehr populär. Traditionell besuchen sie Kraków (Krakau) und Südpolen, manchmal fahren sie auch nach Częstochowa (Tschenstochau) und Warszawa (Warschau). Wrocław (Breslau) entwickelt sich sehr schnell, und ist Standort für moderne Investitionen. Die Stadt wurde wunderbar saniert und ist daher ein beliebtes Tourismuszentrum. Es lohnt sich, ihr einen Besuch abzustatten.

Es ist bekannt, dass die polnische Botschaft Studenten unterstützt, die Polnisch lernen oder sogar Polonistik studieren. Was für Chancen hat man auf dem Arbeitsmarkt, wenn man Polnisch kann?

Immer mehr. Wir unterstützen sowohl die Lehrstühle, als auch die Studenten, auch finanziell, aber wir bieten auch andere Möglichkeiten an. So bietet zum Beispiel das Polnische Institut Sprachkurse auf unterschiedlichem Niveau an. Es gibt sehr viele Firmen, die Experten mit polnischen Sprachkenntnissen suchen.

Lohnt es sich, in Polen zu investieren? Welche Möglichkeiten gibt es dort für Firmen?

Polen bietet ausgezeichnete Möglichkeiten, verfügt über einen Markt mit 40 Millionen Menschen und eröffnet für Investoren beste wirtschaftliche Chancen. Der jährliche Handel zwischen den beiden Ländern liegt bei 8 Milliarden Euro, aber es mangelt an Fachleuten.

In diesem Jahr nahmen Sie an der Andrássy Universität an einer Veranstaltung zum Thema „Versöhnung in Europa – Wunschtraum oder Realität?“ teil. Zuerst stand die deutsch-polnische Aussöhnung zur Debatte. Das Programm war so erfolgreich, dass es weitergeführt wird. Jetzt geht es weiter, aber mit anderen Themen. Ziel ist, die tagtäglichen Erfordernisse der Politik bekannter zu machen und Diskussionen mit politischen Fachleuten zu führen. Was halten Sie von dem Projekt?

In diesem Projekt gibt es drei wichtige Elemente. Erstens, dass die Andrássy Universität ein sehr wichtiger Partner von uns ist. Sie verfügt über ein hohes Niveau und über ausgezeichnete Dozenten. Zweitens: Ein ebenso wichtiger Partner ist die deutsche Botschaft. Wir haben in diesem Jahr den 25. Geburtstag der deutsch-polnischen Aussöhnung gefeiert, die beispielhaft ist. Was die Polen und die Deutschen gemacht haben, ist ein Modell, das wirklich funktioniert. Drittes Element ist die Jugend. Die Zukunft liegt in der Hand der Jugendlichen. Für die Studenten ist es eine gute Möglichkeit, sich mit denen zu unterhalten, die wirklich für die Politik zuständig sind. Natürlich werden wir das Projekt weiterführen, aber mit anderen Themen. Für uns Polen war es aber wichtig, dass die deutsch-polnische Aussöhnung das Ganze in Gang gesetzt hat.

In Ungarn spielt die Flüchtlingsfrage eine wichtige Rolle. Wie wird das Thema in Polen behandelt?

Bei uns ist die Flüchtlingsproblematik noch nicht so angekommen wie in Ungarn. Es gibt allerdings Migranten, von denen in den europäischen Medien kaum die Rede ist: ca. ein Million Ukrainer leben bei uns. Aber die große Welle, um die es in der öffentlichen Wahrnehmung Europas geht, hat uns noch nicht erreicht. Die Frage ist, in welche Richtung die europäische Lösungen gehen sollen. Um die Quote gibt es viele Debatten. Wir können auch keine einheitliche Lösung vorschlagen, weil wir vieles anders sehen, als die anderen Länder. Ich setze jedoch mein Vertrauen in eine gemeinsame europäische Lösung, die diese für viele schmerzhafte Frage lösen kann.

In Großbritannien leben und arbeiten rund 600.000 Polen, auch die Zahl der Ungarn ist dort bedeutend. Was denken Sie, wie es mit der EU nach dem Brexit weitergeht?

Es ist eine komplizierte Sache. Auf die Schlüsselfragen gibt es noch keine Antworten. Ich bin jedoch optimistisch. Ich hoffe, dass dieses Problem auf europäische Weise gelöst wird. Meiner Meinung nach gibt es für Polen keine Zukunft ohne die Europäische Union.

Russland ist eine große Macht sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Politik. Es ist bekannt, dass Ungarn sehr freundliche Beziehungen mit Russland pflegt, dagegen ist Polen Moskau gegenüber eher reserviert, mitunter sogar antirussisch. Beeinflusst diese Tatsache die ungarisch-polnischen Beziehungen?

In vielen Themen gibt es Unterschiede zwischen dem ungarischen und dem polnischen Standpunkt. Aber das ist kein Problem. Meiner Meinung nach hängt eine gute Kooperation davon ab, wie man die Dinge jeweils sieht. Es wäre aber sehr gut, wenn ein mitteleuropäischer Standpunkt zustande kommen würde. Hauptsächlich wenn es sich um gemeinsame Themen handelt, wie in Fragen von Sicherheit, Energiewesen und Infrastruktur, die oft nicht nationale, sondern regionale Fragen sind. Man muss danach streben, nicht immer auf seinem Standpunkt zu beharren.

Die polnisch-ungarische Freundschaft ist nicht nur in Ungarn oder in Polen, sondern auch in anderen europäischen Ländern bekannt. Ludwig der Große war König von Ungarn und Polen, es gab eine Personalunion zwischen den Staaten, Der Trianon-Vertrag wurde von Polen nie ratifiziert, während des Zweiten Weltkriegs gab es Flüchtlingslager für Polen in Balatonboglár. Sind diese geschichtlichen Begebenheiten noch relevant, oder lohnt es sich, die ungarisch-polnische Freundschaft eher auf der Ebene der Wirtschaft weiter auszubauen?

Historische Ereignisse sind für mich eine wichtige Basis. Es lohnt sich aber nicht, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren. Es ist daher nicht nötig, dass nur symbolträchtige Persönlichkeiten wie Bem und Ereignisse wie 1956 in Erinnerung bleiben. Die polnisch-ungarischen Beziehungen sind voll von Emotionen. Auf dieser Basis muss die Zukunft aufgebaut werden. Deshalb beschäftigen wir uns ausgiebig mit den Jugendlichen, um nicht nur eine reiche gemeinsame Vergangenheit, sondern eine ebensolche Zukunft zu haben. Es ist wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen, um unsere gemeinsame europäische Zukunft ausbauen zu können. So möge diese Freundschaft nicht nur Geschichte sein, sondern eine tagtägliche positive Emotion, mit der die Ungarn und die Polen leben.

Herr Botschafter, Sie leben seit vielen Jahren in Budapest. Was denken Sie über Ungarn?

Ich mag Ungarn. Es ist ein schönes Land, ich liebe Budapest. Und wer es liebt, denkt nicht mehr. Ich halte es ein bisschen für mein eigenes Land. Ich habe 19 Jahren in Ungarn verbracht, meine Kinder sind hier aufgewachsen, sie sprechen Ungarisch. Das Land ist ein echtes Perlenstück, egal ob man an die große Tiefebene oder an die Hügellandschaft denkt. Überall gibt es Thermalbäder, ungarische Volkstänze und Volksmusik. Für mich sind die ungarische Kultur, die Sprache, die Menschen sehr wichtig. Es gibt Dinge, die ich mag, es gibt andere, die ich nicht so mag. Aber dasselbe würde ich auch von Polen sagen.

Was für Entdeckungen haben Sie in Ungarn gemacht?

Ich mag die ungarische Küche. Sie ist einfach. Ich mag etwa das einfache túrós csusza (Pasta mit Quark), den trockenen ungarischen Wein. Ich liebe es, einen Spaziergang in der Stadt zu machen, und ich liebe die Thermalbäder. Das Lukács-Bad in Budapest ist mein zweites Zuhause. Ich stöbere gern in Buchläden oder lenke meine Schritte in eines der wunderschönen Kaffeehäuser. Es ist ein bisschen ungewöhnlich für einen Diplomaten, aber ich verbrachte etwa 80 Prozent meiner diplomatischen Karriere in Ungarn. Ich lebe hier schon wie ein durchschnittlicher Budapester.

Wie stellen Sie sich Ihre Karriere in der Zukunft vor?

Dieses Jahr kehre ich nach Warschau zurück, ins Außenministerium. So endet meine offizielle ungarische Karriere. Aber mein Herz und meine Arbeit bleiben in Ungarn.

Der ehemalige polnische Botschafter in Ungarn Roman Kowalski: „Ich liebe die ungarische Sprache, sie ist wie Musik für mich.“
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