Im Vorfeld des Vortrages trat aber zunächst das neue Ehrenmitglied des Deutschen Wirtschaftsclubs, Dr. Péter Edvi, Gründer und Präsident des Internationalen Kinderrettungsdienstes in Deutschland und Ungarn, ans Mikrofon und wies in seiner Ansprache auf die Wichtigkeit guter Beziehungen zwischen beiden Ländern hin. Auf sehr persönliche Weise betonte Dr. Edvi, nachdem ihm zuvor vom DWC-Vorsitzenden Dr. Arne Gobert die Ehrenurkunde überreicht worden war, dass sein Herz für Ungarn und Deutschland schlage und er sehr traurig sei über die getrübte Stimmung, die sich zwischen beiden Ländern entwickelt habe.

Er schilderte, dass es in den Folgejahren nach 89/90 sehr schön gewesen sei in Deutschland zu leben – sogar auf der Straße sei ihm dazu gratuliert worden, Ungar zu sein. Mit Sorge verfolge er nun die Wandlungen in den Beziehungen und fände persönlich „dass die Wahrheit in der Mitte liegt“. Obwohl er sich politisch eher links einordnen würde, könne er es sehr gut nachvollziehen, dass ein Land auf seinem Recht besteht, sich zu verteidigen. Er schloss seine Ansprache mit der Aufforderung, dass beide Länder nicht vergessen sollten, wie viel man in der Geschichte schon füreinander getan habe und plädierte für mehr gegenseitiges Verständnis und Toleranz.

Wirtschaftlicher Aufschwung in Ungarn – auch dank Deutschland

Der Vortrag von Gergely Gulyás griff im Anschluss das Thema der deutsch-ungarischen Freundschaft aus wirtschaftlicher Hinsicht wieder auf. So ging der Parlamentsvize besonders auf die Rolle Deutschlands bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in Ungarn nach der Wirtschaftskrise ein und dankte den anwesenden Vertretern der deutschen Unternehmen dafür, dass sie mit ihren Niederlassungen die ungarische Wirtschaft unterstützen. Er betonte, dass die Investitionen aus Deutschland stark bleiben müssten, damit Ungarn wirtschaftlich weiter wachsen könne. Das jährliche Wirtschaftswachstum um drei Prozent sei demnach auch ein gemeinsam erzieltes Ergebnis. Als eine der größten Herausforderungen der ungarischen Regierung in den kommenden Jahren nannte er die Arbeitslosenrate, die unter fünf Prozent zu bringen sei. Eine konkrete Maßnahme dafür sei zum Beispiel die Förderung dualer Ausbildungsberufe.

Neue positive verbindende Erlebnisse schaffen

Auch der Vizepräsident des Ungarischen Parlaments verwies auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen West- und Osteuropa in der Flüchtlingsfrage und bezeichnete die Debatte darüber als eine Gefahr, welche die Beziehungen zwischen Ungarn und Deutschland nachhaltig schädigen könnte. „Auch wenn man in der Flüchtlingsdebatte unterschiedlicher Auffassung ist, müssen beide Seiten dazu bereit sein, die jeweils andere Meinung zu akzeptieren“, forderte Gulyás. Als Vertreter der ungarischen Regierung sei es ihm wichtig zu betonen, dass Ungarn nicht darauf abziele, eine Rolle in der deutschen Innenpolitik zu spielen. Im Gegenteil, es sei ein erklärtes Ziel Ungarns, sich aus der Innenpolitik Deutschlands herauszuhalten.

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Zu Beginn des Abends überreichte DWC-Vorsitzender Dr. Arne Gobert (oben) an den Kinderretter Dr. Péter Edvi (nächstes Bild) die DWC-Ehrenmitgliedschaft.

Auch Gulyás kam auf die freundschaftliche Beziehung zwischen Ungarn und Deutschland, die über eine lange Tradition verfügt, zu sprechen. In Ungarn sei man sich sehr bewusst darüber, dass Deutschland anhand vielfältiger Programme und thematischer Schwerpunkte dem Verdienst Ungarns für das Schicksalsjahr 1989 sowie die Deutsche Wiedervereinigung stets gedenkt. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass sich jüngere Generationen schon bald nicht mehr so genau an die Ereignisse des Jahres 1989 werden erinnern können. Gerade aus diesem Grund müssten neue, positive verbindende Erlebnisse geschaffen und gemeinsame Anknüpfungspunkte gefunden werden.

Trump wäre bessere Alternative für Ungarn

Der Vortragende gab den Zuhörern im Anschluss die Möglichkeit, Fragen zu stellen – ein Angebot, das auf große Resonanz stieß. Ob man denn in Ungarn auf eine mögliche Präsidentschaft Trumps vorbereitet sei, wollte ein Zuhörer wissen. Dies sei eine sehr theoretische Frage, merkte Gulyás an – auf so etwas könne man sich nicht vorbereiten. Zwar könne er nicht im Namen der Regierung sprechen, aber er persönlich sähe für Ungarn eine Präsidentschaft Clintons als schlechteren Ausgang der Wahl. Hillary Clintons vierjährige Amtszeit als Außenministerin sei mit Blick auf Ungarn nicht ohne Spannungen gewesen. Zudem gäbe es zwischen der ungarischen Regierungspartei Fidesz und Donald Trump mehr ähnliche Ansichten zu wichtigen Fragen, so etwa hinsichtlich einer größeren eigenen Verantwortung der Europäer hinsichtlich ihrer Verteidigung, was mit dem Vorschlag von Premier Viktor Orbán korrespondiere, eine europäische Armee zu schaffen. Auch in Sachen Migration sei die Schnittmenge größer, so Gulyás.

Referendum kann nicht in Frage gestellt werden

Ein Zuhörer griff den Gedanken des Parlamentsvizes über positive Erlebnisse zwischen Ungarn und Deutschland auf und bemerkte, dass ein solches positive Erlebnis mit der Grenzschließung Ungarns im letzten Jahr bereits geschaffen worden sei. Es brauche nur noch seine Zeit, bis man dies auch in Deutschland auch auf oberster Ebene erkennen würde. In einigen Jahren würde sich von deutscher Seite bei Spitzenbegegnungen sicher nicht nur für „1989“, sondern auch für „2015“ bedankt, werden, also für Ungarns Anstrengungen, hauptsächlich Deutschland vor dem Flüchtlingsstrom zu schützen, mutmaßte der Zuhörer und erntete für diesen Blick in Zukunft prompt von einigen Zuhörern, die wohl auf eine ebensolche Entwicklung hoffen, spontanen Applaus.

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Vor dem Hintergrund des bevorstehenden Referendums am 2. Oktober kam sodann die Frage auf, wovon denn die ungarischen Wähler mithilfe der teuren Plakatkampagne überzeugt werden müssten, wenn der Großteil der Bevölkerung ohnehin gegen eine „Multikulti“-Gesellschaft sei. „Welche innenpolitischen Motive verbergen sich in Wahrheit hinter dem Referendum?“, wurde Fragesteller sodann deutlicher. Der Parlamentsvize ging auf diese Fragen nur sehr ausweichend ein, machte aber deutlich, dass das Ergebnis des Referendums – selbst im Falle seiner Ungültigkeit – nicht in Frage gestellt werden könne – vor allem nicht im Ausland. Mit seiner Haltung gegenüber der Flüchtlingsquote stehe Ungarn nicht alleine, die anderen Visegrád-Staaten würden ganz ähnlich denken. Zudem zeige das Scheitern der Integration in Deutschland sehr deutlich, dass Ungarns Haltung nicht ganz so falsch sein könne. Die Plakate selbst seien nichts anderes als Werbung, eine Form der politischen Kommunikation, mit der man Wähler zur Teilnahme animieren wolle.

Gulyás: Spürbare Lohneerhöhungen sind ein Mittel gegen Abwanderung

Eine weitere Frage zielte auf die Problematik des Fachkräftemangels ab, konkret darauf, was der Staat gegen eine weitere Abwanderung tun könne. Gulyás gab dazu zu bedenken, dass man nicht erwarten könne, dass sich die Unterschiede beim Lebensstandard zwischen den westlichen und den mittel- und osteuropäischen Ländern so schnell ändern würden, vielmehr sei dies ein langwieriger Prozess. Dabei wären neben dem Staat allerdings auch die ausländischen Unternehmen gefragt, so Gulyás. So könnte etwa spürbarere Lohnerhöhungen zum Bleiben ungarischer Fachkräfte in Ungarn wirksam beitragen.

Die Fragerunde schloss mit der Frage, wo der Vortragende Ungarn in 20 Jahren sehe? Dies sei eine einfache Frage, so Gulyás. Er möchte in 20 Jahren in einem modernen und entwickelten Land leben – aber nicht in einem anderen. Aus diesem Grund setze er sich unter anderem für eine Förderung von Schulen und Universitäten ein, denn darin sehe er eine wichtige Voraussetzung für eine gute Zukunft Ungarns.

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