Die Frage, was denn heute noch als konservativ definiert werden kann, beschäftigt eine ganze Generation junger Konservativer. Zu oft wird von den politischen Gegnern die Grenze zwischen konservativ und rechtspopulistisch verwischt.

Um welche Werte geht es?

Und junge Konservative stellen sich oft die Frage: für welche Werte treten wir letztendlich ein und wie können wir diese verteidigen? Fast scheinen sie in Widersprüche verstrickt, die sie selbst nicht lösen können, da sie im Gegensatz zu ihren sozialdemokratischen Kollegen, davor zurückschrecken, alles einfach unter den Duktus der internationalen, ultraliberalen und gleichgeschalteten Grenzenlosigkeit zu stellen.

Sie stehen vor einer konfusen Angst vor Migranten, wollen jedoch auch das europäische Haus nicht verlassen. Sie unterstützen den globalen Wirtschaftsliberalismus, möchten wirtschaftliche Belange aber erst einmal national regeln. Sie versuchen sich umweltpolitisch den Grünen anzunähern und können sich der schnellen Lösung der Atomkraft jedoch nicht entziehen. Sie berufen sich auf ein christliches Europa, sind aber auch bereit, anderen Konfessionen freie Religionsausübung zu gewähren, was sich nun in Bezug auf den Islam als durchaus knifflig erweist.

Von daher war man gespannt auf das, was Roger Scruton von der philosophischen Warte aus nach Mittelosteuropa tragen würde.

„One Nation conservatism“ und Heimatliebe

Der Vortrag zeigte jedoch einmal mehr, wie schwierig es ist, fest etablierte politische Konzepte den Herausforderungen der Zeit anzupassen, was grundsätzlich ja nicht nur für konservative, sondern auch für sozialdemokratische Politik gilt. Es gab zwar interessante, richtungsweisende Aussagen, die es verdienen überdacht zu werden, doch im Grunde reichten sie über den Kanon des „One Nation conservatism“ und der Heimatliebe nicht hinaus.

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„Blick der historischen Verbundenheit – Langzeitbeziehung zu einem bestimmten Ort, den man pflegt und schützt.“

„Konservatismus“ so Roger Scruton, sei selbst letztendlich keine eigene, geschlossene Ideologie, sondern eher ein Innehalten vor einer Unmenge neuer Entwicklungen. Es sei eine nachdenkende Haltung, die sich vor Augen führt, was die Gemeinschaft durch die Jahrhunderte hindurch erreicht hat und was sie im Zuge der Zukunft weiterhin bewahren möchte. Dazu gehöre eben seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedens auch die Idee der Nation als territoriale Solidargemeinschaft und die prägende Überzeugung, dass man nicht nur für sich und sein eigenes Wohlbefinden lebe, sondern in erster Linie für eine Gemeinschaft, deren Fortbestehen man sichern möchte.

„Liebender Blick auf Erreichtes“

Wichtig dabei sei, das ständige Kritisieren und die grundsätzliche Unzufriedenheit und Negativität, die für die europäische Linke so typisch sei, zu überwinden. Der Konservative, so Roger Scruton, richte eher einen „liebenden Blick“ auf das, was erreicht wurde. Dieser liebende Blick sei ein „Blick der historischen Verbundenheit“, eine lokale Identität und eine Langzeitbeziehung zu einem bestimmten Ort, den man pflegt und schützt.

In seinem Buch „Die grüne Philosophie“ schreibt er: „Die Weiden, Hecken, Gebüsche, Wälder und Bäche Großbritanniens wurden nicht gesetzlich geschützt, eben weil die Menschen sie liebten. Das Eigeninteresse derer, denen das Land gehörte und die es bebauten, sorgte für diesen Schutz.“ Für Roger Scruton liegt das Grundstrategem des Konservatismus in der Heimatliebe. Der EU wirft er vor, nicht in der Lage gewesen zu sein, den Menschen in Europa eine solche Verbundenheit mit Europa vermittelt zu haben.

Natürliche Ungleichheit der Menschen

Daneben verwies er noch auf die klassischen konservativen Werte, so wie sie um 1800, kurz nach der Französischen Revolution in England und Frankreich aufkamen. Etwa der Glaube an eine göttliche Vorsehung, der Stellenwert jedweder „Autorität“ mit Blick auf eine natürliche Ungleichheit der Menschen, die im Gegensatz steht zum egalitären Denken der europäischen Linken.

Mit Blick darauf verwies Roger Scruton dann auf den Unterschied zwischen einem „Delegierten“, der den Willen des Volkes einfach nur ausführt und einem gewählten „Repräsentanten“, der den Willen des Volkes zwar kennt, aber unabhängig davon eigene Entscheidungen fällt. Überlegte konservative Politik, so Roger Scruton, könne nur von Letzterem erwartet werden. Ob dies eine unterschwellige Kritik an dem von der Fidesz-Regierung geplanten Referendum zur Migrantenfrage war, blieb offen, doch insgesamt konnten die Hörer eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen.

Denn Roger Scruton, von dem man weiß, dass er in den Jahren des Kalten Krieges in Mittelosteuropa aktiv die Dissidentenszene unterstützte, hat den Blick auf Mittelosteuropa verloren. Und den Blick auf die jetzige Zeit. So stellte er zum wiederholten Male den Sozialstaat in Frage und verwies auf die „Verantwortung des Individuums.“ In einer Gesellschaft aber, in der immer mehr Menschen immer weniger Arbeitsplätzen gegenüber stehen und Arbeit insgesamt prekärer und schlechter bezahlt wird, wäre es vielleicht doch die Aufgabe konservativer Kräfte am Erhalt von korrekt bezahlter und gesicherter Arbeit mitzuwirken und dadurch den Erhalt von Bürgerlichkeit zu garantieren.

So sehen es zumindest Politiker der bayerischen CSU und die Christen in der Wirtschaft, die in Deutschland in einem eigenen Verband organisiert sind. Eines der bekanntesten Unternehmen dieser Richtung ist der multinationale Schuhproduzent Deichmann, der seine Firma ganz bewusst nicht an die Börse brachte, stattdessen aber dafür sorgt, dass bei ihm keine Arbeitsplätze abgebaut werden.

Was zeichnet konservative Politik in der Migrantenkrise aus?

Und ebenso wenig ging Roger Scruton auf die vielen anderen Widersprüche ein. Was zeichnet konservative Politik in der Migrantenkrise aus? Wie vereinbart man globales Wirtschaftsdenken und Handeln im Interesse der eigenen Nation? Wie definiert ein Konservativer heute religiöse Toleranz? Welchen Stellenwert haben in den heutigen multikulturellen Gesellschaften Tradition und Brauchtum? Gibt es so etwas wie eine „Leitkultur“? Das sind nur einige wenige Fragen in einem großen Denkgefüge, das sich vollkommen neu definieren muss.

Der Konservatismus des 18. Jahrhunderts, der Konservatismus eines Edmund Burke und selbst der europäische Nachkriegs-Konservatismus haben ausgedient. Die globalisierte Welt, die sich anbahnenden Umweltkatastrophen, die nach Europa strömenden Migranten, der Terrorismus und die Krise innerhalb der arabisch-muslimischen Zivilisation stellen die alten politischen Werte Europas auf eine harte Probe. Schade, dass Roger Scruton darüber nicht gesprochen hat.
Konversation

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