Öffnet sich Ungarn der neuen Seidenstraße, wird sich die ungarische Volkswirtschaft verdoppeln können, ergo das Bruttoinlandsprodukt um weitere 100 Milliarden Euro wachsen. Das äußerte Notenbankpräsident György Matolcsy im Eröffnungsvortrag der 54. Wandertagung der Ökonomen vergangene Woche in Kecskemét. Auf der neuen Seidenstraße, die von China ausgehend 64 Länder erfasst, werden 40 Prozent des globalen Sozialproduktes erzeugt. Hier in Ungarn hat sich seine Ungarische Nationalbank (MNB) bereits für China geöffnet, was durch Vereinbarungen mit den bedeutendsten chinesischen Bankhäusern manifestiert wird.

Drei moderne Seidenstraßen

Matolcsy definierte in seinem Vortrag insgesamt drei moderne Seidenstraßen auf dem kontinentalen und eine weitere auf dem Seewege. Dann schweifte er in die Vergangenheit ab, Ungarn könnte nämlich die Chance der Seidenstraße gar nicht wahrnehmen, hätte es sich einst für den griechischen Weg entschieden. „Denn während wir heute ebenso wie im Sommer 2010 von einem griechischen Patienten sprechen, ist von einem ungarischen Patienten keine Rede mehr“, betonte der Notenbankchef, der alsdann zu einem Reformwettbewerb mit Polen einlud.

Die Polen nahmen ihre strukturellen Reformen bereits eingangs des Jahrtausends in Angriff, welchem Umstand sie zu verdanken hatten, dass sie die Krisenjahre ohne größere Rückschläge überstehen konnten. Ungarn machte sich erst 2010 daran, einen zehnjährigen Rückstand abzuarbeiten: Bis 2013 wurde die fiskalische Wende vollzogen, auf die eine monetäre Wende folgte, die dann eine komplette wirtschaftliche Wende im Lande ermöglichte. „Nun muss eine Wende in der Wettbewerbsfähigkeit kommen“, fügte Matolcsy hinzu.

Der von Ministerpräsident Viktor Orbán gerne als seine „rechte Hand“ bezeichnete Ökonom würdigte Kecskemét als die erste „Smart City“ Ungarns, die dank ihrer bewussten Entwicklungspolitik ein Grundpfeiler des künftigen Wirtschaftswachstums sein kann. In China werden aktuell 20 solche Städte entworfen, Südkorea besitzt bereits drei Smart Citys, Indien überlegt den Aufbau von nicht weniger als 1.000 smarten Städten, setzte Matolcsy die Zahlen ins Verhältnis.

Bankhäuser rechnen heute nicht mit Ungarn

Der Leitzins könnte bis Ende 2018 dauerhaft auf 0,9 Prozent verbleiben. Diese Einschätzung des Analystenteams der ungarischen UniCredit Bank teilte ihr Generaldirektor, der Präsident des Ungarischen Bankenverbandes, Mihály Patai, auf der Wandertagung mit. Zu seinen Ernüchterungen der Nachwendezeit bekannte der Bankier, es wäre ihm vor 25 Jahren nicht im Traum eingefallen, dass Ungarn einst in Hinsicht auf das Pro-Kopf-BIP nicht mit Tschechien und Slowenien wird mithalten können. Genauso wenig hätte er viel später noch geglaubt, dass die Notenbank (seines Freundes György Matolcsy) die Handelsbanken nötigen könnte, ihr Geld nicht in zweiwöchigen Einlagen bei der MNB zu halten, sondern Staatsanleihen zur Senkung der Staatsschulden zu kaufen. Ungeachtet dieses kleinen Wunders hält er die ungarische Wirtschaft immer noch für sehr verletzlich.

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Rechnungshofpräsident László Domokos möchte den Begriff einer nachhaltigen Zurückdrängung der Schattenwirtschaft einführen.

Zur Eigentümerstruktur des Bankensektors merkte er an, diese sei in Ungarn und Polen innerhalb der Region am deutlichsten zu Gunsten des einheimischen Kapitals verschoben worden. In den meisten Ländern der Region sind ausländische Kreditinstitute aber weiter dominant, was Patai zufolge die ausländischen Mutterbanken belaste, wenn es um vorgeschriebene Kapitalaufstockungen gehe. Der Verbandspräsident erinnerte an die Lasten des heimischen Sektors, die sich im Zuge der Bankensondersteuer auf 500 Mio. Euro, in Hinsicht auf die Verrechnung der Fremdwährungskredite auf 1 Mrd. Euro und bezüglich der Transaktionssteuer auf 150 Mio. Euro belaufen. Damit sei die Rentabilität des Sektors die schlechteste in der gesamten Region, weshalb die Strategien der Bankhäuser heute nicht mit Ungarn rechnen.

Für die „Wiedergeburt“ der Budapester Börse

Die MKB Bank wird bis Ende 2019 an die Börse gehen, teilte ihr Generaldirektor Ádám Balog mit. Es sei nicht gesund, dass nur zwölf Prozent der Finanzierung der einheimischen Unternehmen über den Kapitalmarkt abgewickelt würden, gemessen an 69 Prozent in den USA und 43 Prozent in Deutschland. Balog schätzte die Zahl der für einen Börsengang geeigneten Firmen im Lande auf rund einhundert. In diesem Kontext wird auch die MKB an der „Wiedergeburt“ der Budapester Wertpapierbörse (BÉT) mitwirken.

Deren Leitindex BUX seit Anfang 2015 immerhin um 70 Prozent zugelegt hat, wie BÉT-Generaldirektor Richárd Végh verriet. Das reiche aber immer noch nicht, um die seit dem Herbst 2007 hingenommenen Verluste vollständig zu kompensieren. Von der aktuellen Erholungsphase profitiert die Bevölkerung aber nur begrenzt, weil die Privathaushalte lediglich ein Prozent ihres Finanzvermögens in Aktien halten. Végh sieht übrigens 300 sogenannte Gazellen-Unternehmen in Ungarn, also Firmen mit überdurchschnittlicher Wachstumsdynamik, die potenziell Chancen zum Börsengang hätten. Zudem sollte der einheimische Kapitalmarkt durch Staatsbetriebe gestärkt werden.

Die Regierung will dem Kapitalmarkt mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln auf die Sprünge helfen, versicherte die Staatssekretärin im Volkswirtschaftsministerium, Ágnes Hornung. Der durch Ungarn begrüßte europäische Aktionsplan für eine Kapitalmarktunion wird durch aktuelle Unsicherheiten wie den Brexit aber ausgebremst.

Reserven bei Produktivität, Druck auf Löhne

Der Präsident des Staatlichen Rechnungshofes, László Domokos, würde es als zweckmäßig ansehen, den Begriff einer nachhaltigen Zurückdrängung der Schattenwirtschaft einzuführen und in der Form anzuwenden, dass Mehreinnahmen des Staates, die aus der Zurückdrängung der Schattenwirtschaft entspringen, in Form sinkender Steuersätze oder gezielter Vergünstigungen den Steuerzahlern zugutekommen sollten. Wie er in seinem Vortrag weiter betonte, strengt der Rechnungshof schon seit langem an, dass gegenüber Budgetausgaben Effizienz- und Rentabilitätsanforderungen gestellt werden.

Wirtschaftsminister Mihály Varga begann seinen Vortrag am Samstag mit der freudigen Botschaft, wonach Ungarn nun auch bei Standard & Poor´s den Ramschstatus hinter sich gelassen hat. Nach fünf Jahren ein Investmentgrade – davon können die vom IWF „geretteten“ Griechen nur träumen. Die neue Bonität wurde gleich noch mit einem stabilen Ausblick versehen, denn mittelfristig erreicht Ungarn ein Wachstumspotenzial von 2,5 Prozent. Varga versprach eine unverändert strenge Haushaltsplanung, so sehr alle Wünsche nach Programmen zur Konjunkturbelebung auch berechtigt sein mögen.

Erstrangige Aufgabe sei jetzt jedoch, die Produktivität und die Effizienz in der ungarischen Wirtschaft zu verbessern. Bezüglich der Produktivität gibt es Reserven, denn in der Gruppe der Visegrád-Staaten schneidet Ungarn am schwächsten ab. Später merkte der Minister in Verbindung mit den enormen Spannungen am Arbeitsmarkt an, auf die heimischen Unternehmen komme in nächster Zukunft ein immenser Lohndruck zu, „bei den Produktivitätssteigerungen liegen wir besser, als bei den Löhnen“.

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