Papst Franziskus könnte Recht haben: Die Migrationskrise ist grundsätzlich eine Moralkrise. Aber auch als Mitglieder der römisch-katholischen Kirche müssen wir sagen: Die Richtungsweisung des Papstes ist so nicht richtig, weil der Heilige Vater die Tatsache außer Acht lässt, dass unser Handeln nicht um seiner selbst willen passiert, sondern auch Konsequenzen nach sich zieht. (…)

Die Suche nach der moralisch richtigen Antwort

Europa steht jetzt vor der Frage, was denn die moralisch richtige Antwort auf die Ankunft der Migranten wäre. Zahlreiche Denker unseres Kontinents, allen voran der Papst, sagen, wenn jemand anklopft, müsse man ihm bedingungslos öffnen, wenn jemand bittet, dann müsse man ihm geben, wenn jemand Not leidet, dann müsse man ihm helfen, wer ohne Obdach ist, den müsse man beherbergen.

Dies ist ein sympathischer Standpunkt – jedoch auch ein verfehlter. Weil er die Konsequenzen nicht berücksichtigt. Atmen wir tief durch und sprechen wir ruhig die Diskussionsthese aus: Das bedingungslose Gute ist unmoralisch, wenn man dabei die schädlichen Konsequenzen außer Acht lässt. Es gibt dabei allerdings einiges zum Nachdenken. Angenommen, es wird ein talentiertes Kind im nigerianischen Lagos geboren. Mit welchen Chancen startet dieses Kind im Verhältnis zu einem ähnlich begabten Kind in Malmö, wenn es ein erfülltes Leben anstrebt und aus seinem Talent Geld und andere Werte machen will? Ist es aus moralischer Sicht akzeptabel, wenn wir ihm sagen, es soll nicht hierher in den Wohlstand kommen und lieber zu Hause in der Armut bleiben? Nein, das klingt moralisch ganz und gar nicht richtig.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung leben in Armut. Unter ihnen werden unzählige talentierte Kinder geboren. Können wir ihnen moralisch sagen, sie sollen nicht herkommen und besser zu Hause bleiben? Und was ist mit den Unbegabten, mit jenen, die unbeholfen und geistig nicht unbedingt auf der Höhe sind? Wir, die im Wohlstand geboren sind: Woher nehmen wir uns das Recht, diese Menschen in die ewige Armut zu verbannen? Handeln wir nicht dann richtig, wenn wir es jedem ermöglichen, am Gemeinwohl teilzuhaben? Ergänzen wir hier etwas: Die Praxis, durch die wir bestrebt sind, unser Handeln nach der universalen moralischen Ordnung auszurichten, die alle einschließt, ist ein nicht ausschließlich, aber grundsätzlich europäisches Phänomen. Wenn Europa christlich ist, dann ist es der Kontinent definitiv durch diesen Grundsatz.

„Liebet eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ (...) Diese und ähnliche Gedanken sind ganz und gar europäisch beziehungsweise europäische Normen. Die, die kommen, bekennen sich nicht zu diesen Normen. Uns Europäer verpflichten jedoch unsere eigenen Normen auch dann, wenn sie von unserem Gegenüber nicht eingehalten werden. „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Wenn du das nicht machst, verstößt du gegen deine eigenen Normen, dann bist du kein moralischer Mensch mehr.

Ist der Grenzzaun moralisch?

Wie sehr das keine Selbstaufgabe bedeutet, beweist der beispiellose Erfolg der europäischen christlichen Kultur. Europa wurde durch das Christentum als moralische Grundlage der gesellschaftlichen Praxis groß, es ist also durchaus vernünftig und auch heute noch erstrebenswert, uns weiterhin in diesem Rahmen zu bewegen. Es stellt sich die Frage, ob es aufgrund dieser Normen moralisch ist, die Masseneinwanderung nach Europa zu verhindern. Ist der Grenzzaun moralisch?

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Der Nahe Osten am Budapester Ostbahnhof: Vor einem Jahr bekam Ungarn hautnah die Ergebnisse insbesondere der deutschen Willkommenskultur zu spüren.


(…) Jede Bestrebung und jedes Handeln zieht Konsequenzen nach sich. Wenn wir diese These akzeptieren – und ja, wir müssen sie akzeptieren –, dann muss die Aussage folgen, dass die moralische Komponente einer Handlung nicht nur durch die Handlung selber, sondern nur zusammen mit der Abwägung der durch sie ausgelösten Konsequenzen beurteilbar wird.

Sehen wir uns ein grobes, aber anschauliches Beispiel an! Ein Schiffskapitän weiß mit Sicherheit, dass sein Rettungsboot für die Rettung von maximal dreißig Mann geeignet ist, aber es befinden sich sechzig Schiffbrüchige im Wasser. Wie verfährt er nun korrekt? Wenn er alle ins Boot lässt, wohlwissend, dass alle sterben werden, oder wenn er dreißig Leute dem sicheren Tod überlässt, damit er das Leben der anderen dreißig Menschen sicher retten kann? Der Gutmensch, der die Konsequenzen nicht in Betracht zieht, ließe alle ins Boot, wodurch alle sterben würden. Aus diesem Grund ist das unmoralisch. Und wenn der moralische Grundsatz der Entscheidung über das „bessere“ Gute auch gegenüber dem Ertrinkenden gilt: Gilt dieser dann nicht umso mehr gegenüber demjenigen, der vom sicheren Ufer zum Rettungsboot geschwommen ist, um aufgenommen zu werden?

Das unverantwortliche Gute ist moralisch verwerflich

Aufgrund der Migrationswirkung könnte geradezu eine neue kulturelle Qualität zustande kommen, wie sie damals auch im Zuge der vor tausend Jahren – mit unserer Ankunft – abgeschlossenen Völkerwanderung entstanden war. Der Übergang wäre wahrscheinlich auch in diesem Fall eine gnadenlose Angelegenheit, ein bedeutender Teil der Bevölkerung würde inneren Kriegen zum Opfer fallen, aber das Ende könnte sogar ein neues Europa hervorbringen. Man trifft kaum Befürworter der Willkommenskultur, die diese Option als eine akzeptable ansehen würden, als Nachkommen von Einwanderern – von Germanen, Slawen, Magyaren – könnten wir dagegen aber nur schwer moralische Argumente vorbringen. Ob unsere erobernde Ankunft, und vor uns jene der Germanen und der Slawen, moralisch sauber gewesen sein mag? Wohl weniger. Wir, die Nachfahren der Eroberer, können sagen: Die Geschichte fällt nicht unter eine moralische Beurteilung – obwohl das wahrscheinlich nicht wahr ist. Wahr ist allerdings, dass es moralisch richtig ist, sich zu verteidigen. Auch die Verteidigung, die gegen uns, gegen die Slawen, gegen die Germanen geführt wurde, war moralisch richtig – so viel müssen wir den Völkern, die durch unsere Vorfahren besiegt wurden, zugestehen.

Das gleiche gilt jetzt für unsere Verteidigung, mit der wir unsere Identität und unsere Kultur vor der Gefahr beschützen. Wenn als Konsequenz der Aufnahme die Identität der aufnehmenden Gemeinschaft verletzt oder gar aufgegeben wird – und wir stehen genau vor dieser Bedrohung –, dann ist es diese Aufnahme, die moralisch verwerflich ist. Vergessen wir dabei auch nicht für einen einzigen Moment, dass für diesen ganzen Fragenkreis die Dimension das Entscheidende ist. Einem Menschen kann man leicht helfen. Auch Hunderten oder Tausenden Menschen. Ein Land ist imstande, zehntausend oder gar hunderttausend Migranten für eine lange Zeit zu versorgen und sie währenddessen auch zu integrieren. Aber plötzlich ankommende Hundertmillionen wohl nicht mehr. Hier kommen wir zum wesentlichen Punkt des unverantwortlichen Guten: Wenn wir die paar Dutzend Menschen hereinlassen, die jetzt auf der anderen Seite des Zauns unter kümmerlichen Verhältnissen auf Einlass warten, dann kommen morgen ein paar Tausend, und wenn auch sie erfolgreich sind, machen sich Millionen auf den Weg. Und diese Millionen können wir auch beim besten Willen nicht mehr aufnehmen. Das Wasser aus der Gießkanne nährt den Garten, die Flut vernichtet ihn.

Selbstgefälligkeit in der guten Tat ist unmoralisch

Ein neuer Gesichtspunkt: Die Einwanderer kommen nicht aus heiterem Himmel, sondern sie brechen irgendwo auf, zum Großteil Männer, die ihre Frauen, Kinder, ihre alten Eltern, die Gesellschaft, die gemeinschaftliche Produktion hinter sich lassen. Wenn wir diese Männer aufnehmen, tragen wir dann nicht zur Verelendung der zurückgelassenen, männerlos ausgelieferten Menschen bei? Erweitern wir durch die Aufnahme dieser aktivsten, unternehmerisch ambitioniertesten, stärksten Glieder der Familien nicht noch mehr die wirtschaftliche Kluft zwischen den entwickelten und den armen Gegenden? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Antwort lautet: Doch, natürlich, genau das machen wir.

Und schließlich noch ein anderer Gesichtspunkt: die Falschheit des „guten“ Menschen in seiner Selbstgefälligkeit. Ich bin ein guter Mensch, der andere gerne aufnimmt, bin großzügig, du jedoch, du Zaun-Befürworter, bist ein schlechter, egoistischer und ausgrenzender Mensch – ich bin ein besserer Mensch als du, stehe über dir und schaue auf dich herab. Selbstgefälligkeit in der guten Tat ist jedoch unmoralisch. So ungefähr sieht es mit der Moral aus. Als Katholiken können wir uns mit dem Heiligen Vater auf folgender Grundlage in eine ehrfürchtige Diskussion begeben: Es ist nicht anzunehmen, dass uns Christus auch mit der Praxis jenes Guten beauftragte, das schädliche oder gar vernichtende Konsequenzen nach sich zieht.

Mit der Praxis des verantwortungsbewussten Guten jedoch sehr wohl. Und darin ist Europa ernsthaft rückständig. Was die entwickelten Länder den Armen als Hilfe zukommen lassen, ist bloß ein Bruchteil von dem Wert, den sie den armen Ländern als Profit entziehen. Die entwickelte Welt verfeinerte in einem gewaltigen Ausmaß die Methoden, durch die sie den Mehrwert von den Armen zu den Reichen, von den Entwicklungsländern zu den entwickelten Ländern fließen lässt. Dieses System wird nicht vom Bösen im Menschen gesteuert, die Situation ist viel schlimmer: Es funktioniert inzwischen schon von selbst.

Die europäische Kultur ist mittlerweile zur Kultur der Selbstsucht verkommen

Die Güter, die den armen Völkern entzogen werden, generieren obendrein eine innere Selbstsucht; die europäische Kultur ist mittlerweile zur Kultur der Selbstsucht verkommen. Einerseits ist man immer weniger bereit, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mühen und Kosten in die eigenen Kinder zu investieren. Und zu den alten Eltern werden auf der anderen Seite osteuropäische Gastarbeiter als Altenpfleger gerufen. Und genau dieselben Menschen begleichen die offenen Rechnungen mit ihrem Gewissen damit, dass sie bei Demos Willkommenskultur-Transparente über ihre Köpfe halten. Ganz nebenbei lassen sie ihre moralische Überlegenheit denen gegenüber heraushängen, die sich lieber um ihre eigenen Kinder und Eltern kümmern.

Heute bedarf es Kraft, Ausdauer und Mut zur Moral, damit man sich für den Weg des verantwortungsbewussten Guten entscheiden kann. Einen anderen Weg gibt es aber nicht, wenn wir Europäer bleiben wollen.

Der Autor ist Publizist.

Der hier gekürzt wiedergegebene Kommentar erschien am 3. September auf dem Online-Portal der Regierungszeitung Magyar Idők.


Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti.


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