Eine ältere Frau im Rollstuhl steht vor den Treppenstufen eines Hauseingangs und blickt hinauf. Allein hat sie keine Chance, die drei Stufen zu überwinden, eine Rampe ist nirgendwo in Sicht. Soviel ist auf dem Foto, das derzeit im Rahmen der „MyBudapest”-Fotoausstellung im Kellergewölbe des Kulturzentrums „Budapest Pont” hängt, zu erkennen. Was das Foto nicht zeigt: Die Frau ist obdachlos und das Gebäude, vor dem sie steht, ein Obdachlosenheim. Aufgenommen wurde das Bild von Bálint Turóczi, der wie schätzungsweise 10.000 Budapester ebenfalls auf der Straße lebt. Turóczi ist Teilnehmer des „MyBudapest”-Projektes, das obdachlosen Menschen durch die Teilnahme an einem Fotowettbewerb, eine neue Perspektive bieten und zu mehr Selbstvertrauen verhelfen will.

Dafür wurden mithilfe von sozialen Einrichtungen 100 Einwegkameras (die man für einen reduzierten Preis von FUJI erhielt) an Obdachlose verteilt, die damit Momente aus ihrem Leben festhalten sollten.

20.000 Forint für die 13 schönsten Fotos

„Zunächst hatten wir Sorge, dass sich nicht genug Obdachlose finden würden, die an dem Projekt teilnehmen wollen”, erzählt Bernadett Fekete, Initiatorin von MyBudapest. Die Leute seien am Anfang skeptisch gewesen und konnten kaum glauben, dass keine Bedingungen an das Projekt geknüpft sind. Doch durch ihre Arbeit bei der Wohltätigkeitsorganisation „Budapest Bike Mafia”, die zweimal wöchentlich kostenlose Sandwiches auf der Straße verteilt, hatte Fekete bereits persönlichen Kontakt zu einigen Obdachlosen. Zudem hielten sie und ihr Team Vorträge in Obdachlosenheimen und stellten einen Preis von 20.000 Forint für die 13 schönsten Fotos in Aussicht. Am Ende gab es sogar mehr Interessenten als Kameras.

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Unter den Teilnehmern befanden sich auch einige Obdachlose, die in ihrer Vergangenheit als Hobbyfotografen tätig waren, aber auch solche, die noch gar keine Erfahrung hatten. An einen Mann erinnert sich Fekete besonders. Der brachte seine Einwegkamera sofort wieder zurück und sagte, dass er nicht teilnehmen wolle. Allerdings nicht, wie sich nach kurzem Gespräch herausstellte, da sie seinen Ansprüchen nicht genügte, sondern weil er schlichtweg nicht wusste, wie man sie benutzt.

Über 80 Kameras kamen zurück

Für die Aufnahme der Fotos hatten die Teilnehmer genau eine Woche Zeit, bevor sie die Kameras wieder an einer der Einrichtungen abgeben sollten. Bernadett Fekete ist überrascht, wie viele Kameras sie und ihr Team am Ende tatsächlich zurückbekamen. „Gerechnet hatten wir nur mit etwa der Hälfte, tatsächlich sind aber 87 Kameras wieder bei uns abgegeben worden”. Für die Rückgabe erhielten die Teilnehmer jeweils 2.000 Forint. Das Geld für diese und andere Ausgaben hat Fekete vorher über die Crowdfunding-Plattform adhat.hu gesammelt, wobei das Ziel von 600.000 Forint schnell erreicht wurde. Nicht zuletzt dank eines Teams der PR-Agentur „Well PR”, das ehrenamtlich die Pressearbeit übernahm und damit für reichlich mediale Aufmerksamkeit sorgte.

Nachdem über 2.300 Fotos eingereicht wurden, entschied eine zufällig ausgewählte neunköpfige Jury darüber, welche 62 Bilder es in die Ausstellung schaffen würden. Besonders häufig fielen ihnen dabei Bilder von Hunden, Brücken und Statuen in die Hände. Vor Beginn des Projekts hatte man sich noch überlegt, mit den Teilnehmern Kriterien für ein gutes Foto festzulegen sowie vier Kategorien vorzugeben. Letztendlich konnte man sich aber nicht einigen und so war die einzige Vorgabe, dass von Personen, deren Gesicht auf einem Bild zu sehen war, eine schriftliche Einverständniserklärung eingeholt werden müsse. Die Formblätter dazu wurden zusammen mit den Kameras ausgeteilt. Wie sich herausstellte, gab es auch unter den Obdachlosen einige, denen es wichtig war, ihr Gesicht nicht auf den Fotos zu zeigen. Unter anderem da einige von ihnen Jobs haben und nicht von ihren Kollegen erkannt werden wollen.

Eines der Bilder, das nun in der Ausstellung hängt, trägt den Titel „Fatelessness in New Shoes” und zeigt ein Paar Sneaker inmitten des Mahnmals „Schuhe am Donauufer”. Die Frau, die das Foto schoss, erklärte dazu, dass sie an diesem Tag nicht wusste, wie ihr Leben weitergehen soll und sich einsam und hilflos fühlte, so wie die Titelfigur aus dem „Roman eines Schicksalslosen” des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész. Doch nicht alle Teilnehmer, deren Bilder nun in der Ausstellung hängen, haben sich die Titel für ihre Bilder selbst ausgedacht, geschweige denn die Ausstellung besucht. Da sie keinen festen Wohnsitz haben, ist es oft schwierig, mit ihnen in Kontakt zu treten. „Es wäre toll, wenn sie regelmäßig hier sein könnten, um den Besuchern ihre Bilder zu erklären”, überlegt Fekete. Man müsse jedoch respektieren, dass diese Menschen trotz ihrer Wohnungslosigkeit einen eigenen Terminkalender haben.

Bis zum 18. September kann abgestimmt werden

Noch aber bleibt genug Zeit um sich die „MyBudapest“-Fotoausstellung anzuschauen, die noch bis zum 18. September im Budapest Pont läuft und dann ab dem 20. September in der Central European University sowie ab dem 10. Oktober im Architekturzentrum Fuga zu sehen sein wird. Bis zum 18. September hat die Öffentlichkeit zudem Zeit, um vor Ort oder per Facebook über die schönsten 13 Bilder abzustimmen, die dann als Kalender mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt werden. Zu jedem Bild wird es darin eine Erklärung und eine Kurzbiografie des Obdachlosen geben, der es geschossen hat. Vorgestellt wird der Kalender, der für 2.500 Forint im Webshop der „Budapest Bike Mafia” erhältlich sein wird, am 10. Oktober im Fuga im Rahmen des Welt-Obdachlosen-Tages.

Schon jetzt ist sich Bernadett Fekete sicher, dass man das Projekt im nächsten Jahr mit mehr Kameras fortführen wird, denn die Reaktionen sowohl von den Obdachlosen als auch von der Öffentlichkeit seien durchweg positiv. Auch die Frau im Rollstuhl hat sich die Ausstellung angeguckt. Dafür musste man sie die Wendeltreppe hinuntertragen. Doch immerhin: Das unzugängliche Obdachlosenheim auf dem Foto soll in Zukunft rollstuhlgerecht werden.

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