Ministerpräsident Viktor Orbán hat die Latte hoch aufgelegt, als er sagte, drei Prozent sind ein absolutes Muss für Ungarn, fünf und mehr Prozent Wachstum wären erstrebenswert. Das mag ehrgeizig klingen, dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass Ungarn mit Wachstumsraten wie den im zweiten Quartal gemessenen 2,6 Prozent im Spitzenfeld der EU rangieren mag, den Rückstand zu Westeuropa aber nicht abarbeiten wird. Aus dem einfachen Grunde, weil reiche Industrienationen wie Deutschland schon mit einem Drittel der prozentual ermittelten Wirtschaftsdynamik Ungarns ihren absoluten Vorsprung halten. Für 2015 setzte die Statistik das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Deutschland auf 37.100 Euro, in Österreich sogar auf 39.400 Euro, in Ungarn aber nur auf 11.100 Euro an. Wenn die Wirtschaftskraft unserer Nachbarn also um mehr als ein Prozent im Jahr wächst, müsste Ungarn mindestens vier Prozent zulegen, damit sich die Wohlstandsschere nicht immer weiter öffnet.

Der EU-Durchschnitt von 28.700 Euro je Einwohner erscheint da realistischer, zumal dieser nach dem Austritt Großbritanniens (dort waren es 2015 immerhin 39.600 Euro) ungefähr auf das Niveau Italiens (26.900 Euro) fallen wird. Weniger ehrgeizige Ziele für die Magyaren wären Portugal und Griechenland (17.300 bzw. 16.200 Euro), die aus dem Lager des früheren Ostblocks aktuell einzig Slowenien hinter sich gelassen hat. Dass der Fidesz Ungarn gerne mit den Österreichern vergleicht, mag dem PR-Ablenkungsmanöver geschuldet sein, sich nicht mit der peinlichen Frage befassen zu müssen, warum die Slowaken nebst Baltikum an Ungarn vorbeigezogen sind. Aus der Region befindet sich einzig noch Polen auf Augenhöhe, der EU-Neuling Kroatien sowie Rumänien und Bulgarien bilden die Schlusslichter in der Wohlstandsstatistik.

Nicht die Alten wandern aus

Eines hat Ungarn mit den Wohlstandsgesellschaften des Westens jedoch längst gemein: das Phänomen des Bevölkerungsschwunds. In jeweils drei-vier Jahren verschwindet die Einwohnerzahl einer Großstadt. Vielleicht noch im laufenden, aber ganz sicher im kommenden Jahr wird der Umstand eintreten, dass auf jeweils zwei Bewohner im erwerbstätigen Alter (15-64 Jahre) ein einkommensabhängiger Bewohner entfällt, also entweder Kinder bis zu 14 Jahren oder Rentner. Deren Gruppenstärken sich obendrein mit einer entgegengesetzten Dynamik entwickeln, so dass es mittlerweile ein Viertel mehr alte als junge Menschen gibt. Hält der Trend der jüngsten Jahre an, werden bereits in zehn Jahren nur noch halb so viele Kinder unter 15 Jahren in diesem Land leben, wie Pensionäre ab 65 Jahren aufwärts Rentenansprüche erheben werden. Seit 1990 ist der Anteil der Kinder unter 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung von 20,5 auf 14,5 Prozent gesunken, während der Anteil der Bürger ab 65 Jahren aufwärts zur gleichen Zeit von 13,2 auf 18,3 Prozent zulegte.

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Ein weiteres Problem ist die Abwanderung; selbst das Zentralamt für Statistik (KSH) setzt die Zahl der im Ausland (überwiegend in Westeuropa) ein besseres Auskommen suchenden Ungarn auf der Grundlage sogenannter Spiegelstatistiken auf 370.000 Personen an. In diesen Statistiken scheinen freilich nur Personen auf, die im jeweiligen Gastland offiziell angemeldet sind, für einen Aufenthalt von mindestens einem Jahr. Drei Viertel der Auswanderer sind jünger als 40, vier bis fünf unter zehn Ungarn, die sich in der Welt umschauen, nicht einmal 30 Jahre alt. Als Zielorte dominieren Deutschland (41 Prozent der Auswanderer) vor Großbritannien (23 Prozent), das jüngst in Mode kam, und Österreich (15 Prozent). In Großbritannien versuchen sich besonders viele ungarische Akademiker (36 Prozent aller Ansiedlungen auf der Insel), in Deutschland und Österreich sind derweil Facharbeiter überrepräsentiert.

All diese Menschen fehlen auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Die Beschäftigungsquote ist bei 65 Prozent angelangt, die Erwerbslosenquote bei 5 Prozent. Mittlerweile gehen rund 4,3 Millionen Menschen in Ungarn einer Beschäftigung nach, Orbán möchte diese Zahl nach tschechischem Vorbild weiter auf fünf Millionen anheben. Immerhin sind schon heute mehr als 100.000 Stellen offen, für die sich keine geeigneten Arbeitskräfte finden. Während sich die über das Niveau des Bildungswesens zu hörenden Klagen intensivieren, bleibt das Bildungsniveau der ungarischen Gesellschaft im internationalen Maßstab doch hoch: Jeder vierte Ungar im aktiven Alter verfügt über einen Hochschulabschluss, 56 Prozent können zumindest auf ein Abitur verweisen und nur jeder Sechste ist nicht über die acht Klassen hinausgelangt.

Wer ist die potenzielle Arbeitskraftreserve?

Der Bevölkerungsschwund macht sich bereits ab dem Kindergartenalter bemerkbar. Nachdem die Orbán-Regierung den Eltern zusagte, dass jedem Kind zwischen 3 und 5 Jahren ein Kindergartenplatz garantiert wird, werden die Kapazitäten aktuell mit 320.000 Kindern gar nicht mehr voll ausgelastet. In den Grundschulen lernen momentan weniger als 750.000 Kinder, also je Klassenstufe im Schnitt bereits weniger als 100.000 Kinder. (Im Jahr der Wende zählten die ungarischen Grundschulen beinahe noch zwei Millionen Schüler!)

Im vergangenen Jahr galten immer noch zwei Millionen der 15-64-Jährigen als wirtschaftlich inaktiv. Diese potenzielle Arbeitskraftreserve verringerte sich gegenüber 2010 um eine halbe Million Menschen, in erster Linie weil die Gesellschaftspolitik starken Einfluss auf das Leben von Rentnern und Schülern nahm. So wurden und werden die Altersgrenzen für Pensionsansprüche angehoben, die Regeln für den Bezug von Invalidenrente strenger ausgelegt, die Schulpflicht von 18 auf 16 Jahre heruntergesetzt. Daneben wurde das Arbeitslosengeld massiv zurückgefahren und breiteten sich die öffentlichen Arbeitsprogramme im ganzen Lande aus. Mit denen wurde die Zahl der bei den Arbeitsämtern registrierten Personen auf Jobsuche um ein gutes Drittel reduziert. Mit dem unerfreulichen Nebeneffekt, dass die ohnehin bescheidene Mobilität in bestimmten Kreisen der Bevölkerung weiter zurückging, weil viele Menschen tatsächlich lieber für weniger Geld an ihrem Wohnort arbeiten gehen.

Wettbewerb um Mangelware Arbeitskraft

So schaut also der ungarische Arbeitsmarkt aus, den die Orbán-Regierung nach dem simplen Prinzip reguliert: Je mehr aktive Bürger am Wirtschaftskreislauf teilnehmen, umso mehr Werte werden geschaffen und gewissermaßen nebenbei die Steuereinnahmen auf immer breitere Schultern gestellt, da hierzulande selbst die unter dem Mindestlohn eingestufte Entlohnung der Teilnehmer an den öffentlichen Arbeitsprogrammen noch versteuert wird. Die Staatsfinanzen sind heute dermaßen stabil, dass Wirtschaftsminister Mihály Varga im Sommer andeutete, man denke über eine Senkung der Abgabenlasten nach.

Nach der Sitzung des Wirtschaftskabinetts Anfang dieser Woche wurde er auch nicht viel konkreter. „Die Regierung stimmt mit den Wirtschaftspartnern dahingehend überein, dass im Rahmen der Senkung der öffentlichen Lasten als nächster Schritt die Abgaben zu verringern sind. Das herbstliche Steuerpaket wird Vorschläge enthalten, die sich positiv auf Arbeitsmarkt und Beschäftigung auswirken“, erklärte der Wirtschaftsminister am Dienstagabend auf einer Pressekonferenz. Vom 1. Januar 2017 an sollen Arbeitnehmer weitaus schneller eine Stelle bei Firmen bekommen, die unter einem Mangel an Arbeitskräften klagen. Varga kündigte Konsultationen über die Form der Abgabensenkung an. Einzige Bedingung der Regierung sei, dass die finanzielle Deckung für Kranken- und Rentenkassen garantiert bleibe.

Im Wettbewerb um die Mangelware Arbeitskraft formulierte der Geschäftsführer des ungarischen Büros von Manpower ebenfalls am Dienstag eine skeptische Meinung. Gestützt auf eine aktuelle Erhebung klagte László Dalányi: „Wenngleich es den Anschein hat, dass immer mehr Arbeitgeber einsehen, ohne Lohnerhöhungen im Wettbewerb um die Mangelware Arbeitskraft chancenlos zu bleiben, erlauben es weder die ungarischen Marktverhältnisse noch die hohen Lohnnebenkosten, dass sie den Arbeitnehmern nicht nur im ungarischen, sondern auch im regionalen Maßstab wettbewerbsfähige Löhne zahlen.“ Als der Wirtschaftsminister vor einigen Monaten erstmals die Notwendigkeit einer Senkung der Abgabenlasten ansprach, verschwieg er nicht die Befürchtung, die Arbeitgeber würden das Geld nicht an die Arbeitnehmer weitergeben, sondern damit die eigenen Taschen füllen. So zu handeln wäre zwar gut für die Kapitalbildung, dem Arbeitsmarkt würde das aber nicht weiterhelfen.

Die Steuerberater von RSM haben kalkuliert, welche Auswirkungen eine Senkung der Abgabenlast um 7 Prozentpunkte hätte. Die Sozialversicherungsbeiträge (szoha) von heute 27 Prozent sind durch den Arbeitgeber zu entrichten, weshalb jene Annahme mutig erscheint, dass die Arbeitgeber diese Lastensenkung komplett an die Arbeitnehmer weitergeben würden. RSM hat dies bei der Modellierung der möglichen Auswirkungen der Einfachheit halber angenommen, und einen Zuwachs der Nettoeinkommen um 5,76 Prozent oder ausgehend von den aktuell in Ungarn gezahlten Bruttodurchschnittslöhnen von 260.000 Forint um netto 9.960 Forint im Monat errechnet. Das gilt für den Fall, wenn ein durchschnittlich bezahlter Arbeitnehmer keine Vergünstigungen auf Kinder geltend macht. Wer drei und mehr Kinder sein eigen nennt, darf bei dem gleichen Bruttolohn mit einem Plus von netto 14.760 Forint kalkulieren. Arbeitnehmer ohne Kinder würden bereits bei Bezug von Mindestlohn (111.000 Forint) netto 4.250 Forint monatlich mehr erhalten, mit zwei Kindern wären es 9.250 Forint, mit drei und mehr Kindern 6.300 Forint. (Im kommenden Jahr wird ein neuer Steuervorteil speziell für Familien mit zwei Kindern von 5.000 Forint monatlich eingeführt, was diese vorübergehend besser stellt, als größere Familien.)

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