Unter den über zwanzig Olympiasiegern, die diesen Sommer in Rio für das Vereinigte Königreich antraten, waren sicherlich einige, die mit einer ähnlich schwierigen Herkunft zu kämpfen hatten wie der des vom Drehbuchautor Lee Hall erschaffenen Billy Elliots. Der soziale Konflikt hat zwar 2016 deutlich an Intensität verloren, doch die Misere der britischen Arbeiterklasse ist bis heute nicht gänzlich überwunden. Die Geschichte des Arbeiterkindes beginnt in Durham vor 32 Jahren, 1984, zu Zeiten von Streiks gegen die umstrittene Regierung von Margaret Thatcher. Kurz nach dem Tod von Billys Mutter sind sein Vater und andere Bergarbeiter im täglichen Kampf mit der Polizei, dem sich auch sein älterer Bruder anschließt. Inmitten der blutigen Streiks stößt der junge Billy auf eine Ballettklasse, in der er schrittweise seine Tanzleidenschaft entdeckt. Auch der verzweifelte Vater kann dem kein Ende mehr setzen.

Ein Drama über Leidenschaft, Akzeptanz, Klassenkampf und familiäre Hingabe

Das Musical in zwei Akten zeichnet sich in besonderem Maße durch seine beispiellos moderne Vielschichtigkeit aus, die auch im mit Barockschmuck verzierten Hauptsaal der Staatsoper in der Inszenierung von Tamás Szirtes deutlich zum Ausdruck kommt. Trotz der vergleichsweise simplen Handlung wird der Zuschauer mit schicksalhaften Entscheidungen und dramatischen Konflikten auf mehreren Ebenen konfrontiert.

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Minenarbeiter und Ballerinas: Das Musical beweist an vielen Stellen Humor und spricht damit ein breites Publikum an.

Der vom Tod seiner Frau und dem aussichtslosen Kampf um die finanzielle Existenz seiner Familie belastete Vater – in dessen Rolle András Stohl – wird durch die neuen Ambitionen seines Sohnes nicht nur in seiner Wertevorstellung erschüttert, sondern auch hinsichtlich des familiären Zusammenhalts herausgefordert. Nach der schmerzhaften Enttäuschung gelingt es ihm, den ständigen Hader mit Billy zu überwinden und seinen Sohn samt der Ballettlehrerin zu einem Vortanzen für die Aufnahme in die Royal Ballet School nach London zu begleiten. Doch auch Billys Bruder gerät in Wut angesichts der viel zu weiblichen und unnützen Tanzerei, da er den Klassenzusammenhalt hierfür zu opfern nicht bereit wäre. Durch die Entdeckung seiner Tanztalente und die langsame Akzeptanz seines Andersseins durchlebt Billy auch eine innere Entwicklung, an deren Ende die Entscheidung zwischen seiner Familie und der Chance auf ein besseres Leben steht. Damit führt „Billy Elliot“ den Zuschauern gleich zwei Persönlichkeitsentwicklungen vor Augen, die des Vaters und des Kindes.

„Billy Elliot gesucht!“

Da eine der Hauptrollen mit einem Kind besetzt werden sollte, war das Casting keine leichte Aufgabe; John Bailey McAllister, der bei der Premiere Billy spielte, hat jedoch die beachtlichen Herausforderungen an Tanz-, Gesang- und Schauspielleistung sehr gut gemeistert. In der Rolle der temperamentvollen Ballettlehrerin sorgte Éva Auksz durch ihre größtenteils geschickte Vermittlung zwischen Billy und seinem Vater für Unterhaltung. Renáta Krassy, die Billys Mutter spielt, ist bedauerlicherweise im Hintergrund geblieben, obwohl der Verlust der Mutter Billys Dilemma zwischen seiner Familie und einer deutlich besseren Zukunftsperspektive weiter verschärft. Es ist wichtig zu erwähnen, dass das Musical in mehreren Besetzungen aufgeführt wurde.

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Die Inszenierung des mit dem Mari-Jászai-Preis ausgezeichneten Regisseurs Tamás Szirtes versucht keine Parallelen zur ungarischen Gesellschaft herzustellen. Es bleibt durchgehend ein britisches Drama mit einer britischen Premierministerin, Margaret Thatcher. Die Gesellschaftskritik und die Frage der Chancengleichheit tragen zwar erheblich zur Spannung bei, werden aber nicht konsequent bis zur Katharsis durchgezogen, da der Konflikt an einem bestimmten Punkt durch im Ballettanzug tanzende Polizisten zu einer grotesken Satire wird. Szirtes' Inszenierung des Musicals bleibt oberflächlich, dafür ist es für ein – auch Kinder einschließendes – breites Publikum zugänglich. Bestimmte Szenen, beispielsweise jene, die die Diskriminierung von Schwulen zeigt, könnten jedoch bei jungen Altersgruppen weiterer Erklärung bedürfen. Die dreistündige Handlung, die ursprünglich dem gleichnamigen Film entlehnt ist, bietet auch ein visuelles Erlebnis, da die Bühnenbilder von István Szlávik und die Kostüme von Yvette Alida Kovács den Andrássy út in eine authentische englische Kleinstadt verwandeln.

Außer der Unterhaltung sollte das Musical „Billy Elliot“ die jungen Zuschauer für das klassische Ballett begeistern und damit den Nachwuchs für das Ungarische Nationalballett fördern. Die rührende Aufsteigergeschichte des jungen Billys kann zumindest für drei Stunden alle Zuschauer für das Tanzen begeistern, denn in diesem Drama geht es um nicht weniger als Leidenschaft, Akzeptanz, Klassensolidarität und familiäre Hingabe.

Tickets, Vorstellungstermine und weitere Informationen finden Sie unter www.opera.hu.

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