Nach Miskolc im Nordosten Ungarns verlaufen sich nur selten ausländische Touristen. Dabei hat die 160.000-Einwohner-Stadt einiges zu bieten: beispielsweise den größten Wasserfall Ungarns, den Lillafüred-Wasserfall, aber auch Thermalquellen und Tropfsteinhöhlen, eine wunderschöne historische Altstadt und sogar eine alte Burgruine, die bereits im 13. Jahrhundert das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Trotzdem: 355 Tage im Jahr geht es hier recht beschaulich zu.

Doch für zehn Tage jeden September verwandelt sich die Stadt in ein ungarisches Filmmekka, in dem man etwa internationalen Stars wie der italienischen Filmdiva Claudia Cardinale begegnen kann, die das Jameson CineFest im vergangenen Jahr als Ehrengast besucht hatte.

Ehrengast Juliette Binoche

Das Jameson CineFest ist Ungarns wichtigstes und erfolgreichstes Filmfestival und findet bereits seit 2004 jährlich in Miskolc statt. Es ist die Französin Juliette Binoche, die auf der feierlichen Eröffnungszeremonie am kommenden Freitag den Startschuss zur nunmehr 13. Ausgabe der Ungarischen Internationalen Filmfestspiele geben wird. Die Schauspielerin, die ihre Karriere bereits mit 19 Jahren mit einer kleinen Rolle im Film der Regielegende Jean-Luc Godards begann, wird bei dieser Gelegenheit dazu mit einem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Binoche war in den letzten 30 Jahren in weit über 50 Spielfilmen zu sehen, darunter Welterfolge wie „Paris, je t'aime“, „Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“ und „Der englische Patient“.

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Weltberühmter Ehrengast: Die gefeierte Schauspielerin Juliette Binoche

eröffnet am kommenden Freitag das Filmfestival.

Für die beiden letztgenannten Verfilmungen wurde sie mit einem Oscar als „Beste Hauptdarstellerin“ beziehungsweise „Beste Nebendarstellerin“ ausgezeichnet.

In Miskolc zeigt man ihr zu Ehren zum Auftakt den 1993 veröffentlichten Film „Drei Farben: Blau“, der erste Teil einer Spielfilmtrilogie des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski, in dem Binoche in der Rolle der Julie brilliert. Auch Kieślowski, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal jährte, wird im Rahmen der Programmkategorie CineClassics geehrt. Besucher können dort auch den zweiten und dritten Teil seiner mit „Blau“ begonnenen Spielfilmtrilogie sehen und gemeinsam mit Experten die Inhalte und Motive seines filmischen Schaffens reflektieren.

18 Filme im Wettbewerb

Insgesamt 18 aktuelle Filmproduktionen von allen Kontinenten treten in diesem Jahr im Wettbewerb des internationalen Filmfestivals an. Wie in jedem Jahr versucht das Jameson CineFest mit seiner Auswahl insbesondere junge Regietalente zu fördern. Unter den Wettbewerbsfilmen befinden sich auch zwei deutschsprachige Produktionen. Zum einen die deutsch-österreichische Koproduktion „Toni Erdmann“ der 39-jährigen Regisseurin Maren Ade, zum anderen das berührende deutsch-rumänische Filmdrama „Die Reise mit Vater“, an deren Produktion auch Ungarn und Schweden beteiligt waren.

Ungarn wird weiterhin im Wettbewerbsprogramm durch Szabolcs Hajdus „This is not the Time of my Life“ (ungarischer Originaltitel: „Ernelláék farkaséknál“) vertreten. Der 44-jährige Regisseur, der bereits mit Filmen wie „White Palms“ („Fehér tenyér“) und „Bibliothèque Pascal“ für Aufsehen sorgte, gilt zwar nur schwerlich noch als „Jungtalent“, doch sein neuster Film wird in Ungarn sehnsüchtig erwartet.

Als heißer Anwärter für den Großen Preis der Jury gilt jedoch die innovative Filmproduktion „Motel Mist“ des thailändischen Bestsellerschriftstellers Prabda Yoon. Er selbst wird vor Ort in Miskolc sein, um seinen Film auf dem Festival vorzustellen. Als Zuschauertipp gelten die beiden kunstvoll arrangierten Science-Fiction-Filme „Native“ des britischen Regisseurs Daniel Fitzsimmons sowie „Equals“ von Drake Doremus. Letzterer gibt Einblick in eine dystopische Gesellschaft, in der Gefühle nicht mehr existieren. Zur Starbesetzung dieser US-amerikanischen Produktion gehören Kristen Stewart, Nicholas Hoult und Guy Pearce.

Zahlreiche weitere Programme

Neben den Wettbewerbsfilmen wird es zahlreiche weitere Vorführungen im Rahmen spezieller Programme, wie den „CineClassics“ und anderen Vorstellungsreihen geben. Vor allem die Sektion „The Open Eye“ verspricht diesmal Hochspannung mit Filmen wie „Death in Sarajewo“ des bosnischen Filmemachers Danis Tanovic, der Romantikkomödie „Love&Friendship“ von Whit Stillman und Paul Verhoevens Psychothriller „Elle“.

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Equals

In 2016 führt das Festival mit den „Mitternachtsvorstellungen“ einen neuen schaurig guten Programmpunkt ein. Bei diesen Spätvorstellungen zur Geisterstunde werden Filme gezeigt, die einem die Haare zu Berge stehen lassen: Zum Beispiel Wes Cravens Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“, der in einer digital überarbeiteten Fassung zu sehen sein wird oder Yeon Sang-Hos nervenaufreibende Zombieapokalypse „Train to Busan“ – der bisher teuerste Film Südkoreas. Ein weiterer neuer Programmpunkt ist die Programmkategorie „MusicDocs“, in der in diesem Jahr unter anderen eine neue Dokumentation über Frank Zappa über die Leinwand laufen wird.

Daneben wird es während des Filmfestivals Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden zu filmbezogenen Themen, aber auch zahlreiche Konzerte und Filmpartys in Miskolc geben, die versprechen, die Stadt in eine Hochburg der guten Laune zu verwandeln.

Alle Veranstaltungen und Filmvorführungen sind kostenfrei und offen zugänglich.

Weitere Informationen zum Programm und zum Standort des 13. Jameson CineFest in Miskolc finden Sie unter www.cinefest.hu/eng.

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