Womit beschäftigt sich Ihre Firma?

Zunächst einmal handelt es sich hier im speziellen um die Autobahn M6 von Érd nach Dunaújváros, also einen Teilabschnitt der Autobahn Budapest-Pécs, die von uns im Rahmen eines PPP-Projektes in den Jahren 2004 bis 2006 errichtet wurde. Ein PPP-Projekt stellt prinzipiell die Kooperation eines privaten („private”) Investors und eines öffentlichen („public”) Trägers dar.

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Auch auf diese Weise wird die Verfügbarkeit der Autobahn garantiert und werden Mindereinnahmen von Seiten des Staates verhindert.

Simpel gesprochen funktioniert das Projekt in etwa wie eine neugebaute Immobilie, die dann vermietet wird: Das Objekt wird zunächst geplant und finanziert, danach gebaut und schließlich vermietet und betrieben. Mit dem kleinen Unterschied, dass im Fall der Autobahn der Mieter, nämlich der ungarische Staat, schon vorher feststeht und sich für einen langfristigen Zeitraum verpflichtet, die „Miete” zu bezahlen. Die „Miete” ist in diesem Fall eine sogenannte „Verfügbarkeitsgebühr”, die das ungarische Entwicklungsministerium an die Konzessionsgesellschaft entrichtet. Diese orientiert sich also nicht an den Mauteinnahmen, sondern ausschließlich an der Verfügbarkeit der Autobahn. Wird die Verfügbarkeit der Autobahn etwa durch Reparaturarbeiten, die mit der Sperrung von Spuren einhergehen, vermindert, dann reduziert sich auch die Höhe der Einnahmen, die wir vom Staat erhalten. Am Ende der Konzessionsperiode werden wir die Autobahn nochmals sanieren und sie dann im Oktober 2026 dem ungarischen Staat unentgeltlich übergeben.

Wie wurde ein so großes Projekt damals finanziert?

Die Autobahn wurde mittels eines Kredites der European Investment Bank (EIB) und eines geschlossenen Fonds finanziert, der zu diesem Zweck aufgelegt worden war. Außerdem haben natürlich die ursprünglichen Eigentümer Eigenkapital eingebracht. Insgesamt ging es um eine Summe von knapp einer halben Milliarde Euro. Seitdem die Autobahn Einnahmen generiert, werden die Kredite halbjährlich aus der eingenommenen Verfügbarkeitsgebühr des Ministeriums getilgt. Die Tilgungen werden bis ins Jahr 2025 andauern, die Einnahmen danach für die finale Sanierung – vor der Übergabe an den Staat im Jahr 2026 - verwendet.

Wie hat sich die Eigentümerstruktur seit der Gründung der Firma vor zehn Jahren verändert?

Die ursprünglichen Eigentümer, die deutsche Bilfinger AG und die österreichische Porr AG haben ihre Anteile an der Konzessionsgesellschaft im Dezember 2015 an Aberdeen, EBRD und Intertoll verkauft.

Welche praktischen Auswirkungen aufs Geschäft gingen damit einher?

Durch den Wechsel der Eigentümer haben sich natürlich auch die Schwerpunkte stark verändert. Während die ursprünglichen Investoren klassische Baufirmen waren, die naturgemäß ein Hauptaugenmerk auf bauliche Themen gelegt haben, sind die Nachfolger als Finanzinvestoren natürlich wesentlich mehr an den finanziellen Daten des Unternehmens interessiert. Die neuen Ansprechpartner sind daher im Wesentlichen in London und Paris zu finden.

Wie hat sich das geschäftliche Profil Ihrer Firma im Laufe der Jahre verändert?

Nach der Fertigstellung der Autobahn folgte eine Phase der üblichen Mängelbeseitigung. Diese ist nun aber schon lange erfolgreich abgeschlossen. Inzwischen beschäftigen wir uns hauptsächlich mit der Instandhaltung der Autobahn. Auch wenn wir heutzutage im Wesentlichen klassisches Asset Management betreiben, gibt es auch hier immer wieder neue Herausforderungen, nicht zuletzt im Zusammenhang mit den sehr komplexen Finanzierungsverträgen. Teilweise geht es hier um Verträge mit bis zu 2.000 Seiten. Die zurückliegende weltweite Finanzkrise, bei der flächendeckend Banken ihr gutes Rating einbüßten, hatte auch für uns große Auswirkungen, da in den Finanzierungsverträgen häufig gewisse Mindestratings von den kreditgebenden Banken vorgeschrieben waren, die nach der Finanzkrise aber nicht mehr, oder nur noch schwierig, zu halten waren.

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M6-Rastplatz Szentmihály.

Aber auch scheinbar ganz banale Ereignisse wie die Schneekatastrophe am 14. März 2013, die den Verkehr auf vielen ungarischen Autobahnabschnitten lahmlegte, stellen uns vor Herausforderungen. Unsere Autobahn blieb damals in der Katastrophennacht jedoch bis auf vereinzelte Staus vollständig befahrbar. Das war sowohl der hervorragenden Arbeit unserer Betreiberfirma, als auch den Wetterumständen zu verdanken: so wurden aufgrund der Windrichtung die West-Ost-Autobahnen deutlich mehr in Mitleidenschaft gezogen als unsere Nord-Süd-Trasse.

Nach der Übergabe des von Ihrem Konsortium errichteten M6-Abschnittes war von teils gravierenden Qualitätsproblemen zu hören. Was hat es damit auf sich?

Die in den Medien diskutierten Mängel bezogen sich auf die vier Jahre später eröffneten anderen beiden privaten Autobahnabschnitte, die südlich an die M6 Duna angrenzen. Da einer dieser beiden Abschnitte in meinem Verantwortungsbereich liegt, kann ich dazu sagen, dass diese Mängel auch teilweise den schwierigen Wetterumständen geschuldet waren. Da die Autobahn kurz vor den Wahlen, am 31. März 2010 eröffnen sollte – und auch tatsächlich wurde –, fielen viele Arbeiten in die Wintermonate. Mittlerweile sind die Mängel jedoch längst beseitigt. Man darf bei diesen Diskussionen natürlich auch nie die Größe dieser Projekte vergessen, die automatisch zu einer Vielzahl von Mängeln führt

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Staat?

Sowohl die bis 2010 regierenden Sozialisten als auch die beiden Orbán-Regierungen danach sind bisher ihren Zahlungsverpflichtungen stets nachgekommen. Mit zunehmendem Alter des Projekts hat sich die Kooperation mit dem Kunden stetig verbessert. Wir sind jetzt in der Mitte der Betriebsphase angelangt und sind zuversichtlich, die vertrauensvolle Zusammenarbeit bis ins Jahr 2026 weiterführen zu können.

Wie sieht die weitere Strategie Ihrer Firma aus?

Natürlich kann ich zu den Perspektiven meiner Eigentümer wenig sagen, jedoch sind sowohl die neuen Eigentümer als auch die Konzessionsgesellschaft mit dieser neuen Partnerschaft bislang sehr zufrieden. Wir profitieren definitiv von den Erfahrungen unserer ehemaligen und neuen Eigentümer, aber auch vom Knowhow unseres Kunden. Natürlich hoffe ich, dass unsere Investoren auch von unseren Erfahrungen profitieren, da die meisten unserer Mitarbeiter seit Jahren mit dem Unternehmen verbunden sind.

Ist es vorstellbar, dass Ihre Firma den Betrieb weitere Autobahnabschnitte übernimmt oder gar erneut in Ungarn Straßen baut?

Nachdem mein Team und ich anfangs nur für den Autobahnabschnitt zwischen Érd und Dunaújváros verantwortlich waren, übernahmen wir 2010 auch das Asset Management des benachbarten Autobahnabschnitts zwischen Dunaújváros und Szekszard, der eine ähnliche Eigentümerstruktur aufweist. Die Verantwortungsübernahme weiterer Autobahnabschnitte ist gegenwärtig jedoch nicht geplant. Der Bau von weiteren Autobahnen oder Straßen ist von den jetzigen Eigentümern auf keinen Fall angedacht, da sich unter ihnen keine Baufirmen mehr befinden.

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