Ein sonniger Tag Ende Juli. Gábor Alfréd Fehérvári sitzt mit drei anderen Männern an einem Tisch einer Kantine nahe des TV2-Gebäudes und isst Nudeln. „Ach, ich habe Euch gar nicht bemerkt, tut mir leid“, sagt er in akzentfreiem Englisch und lässt alles fürs Interview stehen und liegen. Der 26-Jährige wirkt wie der nette Nachbar von nebenan. Freundlich, spontan und eher ruhig. Kaum vorstellbar, dass Fehérvári noch im Mai vor 200 Millionen Menschen gesungen hat – unter seinem Künstlernamen Freddie.

„Nenn mich einfach Fred“

„Ehrlich gesagt hab ich mir den Namen gar nicht wirklich ausgesucht. Mein zweiter Name ist Alfréd, der Vorname meines Großvaters. Das hat Tradition, den zu übernehmen“, so der Künstler. Während seiner Studienzeit hatte er einen Englischlehrer aus Irland. Und mit dem Namen Gabór kam der nicht wirklich zurecht. „Und somit habe ich ihm angeboten, mich einfach Fred zu nennen, später wurde daraus Freddie“, erinnert er sich. Ein Star wurde damit aber noch lange nicht geboren.

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„Ich bin gar nicht nervös gewesen, sondern habe jede einzelne Sekunde auf der Bühne genossen“, erzählt Freddie über seinen Auftritt beim ESC.

In den Medien, vor allem vor dem Eurovision Song Contest, wird der Ungar meist als Sänger dargestellt, der vom Profisport und damit verbundenen Unfällen zur Musik gefunden hat. „Das stimmt so aber gar nicht“, erklärt der 26-Jährige leicht genervt. Zwar ist der Sänger sportbegeistert und hat vor allem Basketball und Fußball gespielt, doch Profisportler war er nie. Es stimme zwar, dass er seinen geliebten Sport wegen schlimmer Unfälle aufgeben musste, doch das alleine machte ihn noch nicht zum Sänger. „Ich würde nicht sagen, dass die Sportunfälle mich zum Singen gebracht haben. Das wäre falsch. Natürlich hat es eine Rolle gespielt, aber es war nicht der Hauptgrund. Ich habe einfach gerne gesungen und Instrumente gespielt, außerdem ist meine Familie musikalisch“, sagt er.

Sein Markenzeichen: die Reibeisenstimme

Seine Begeisterung für den Gesang stellte er 2014 auf die Probe. Bei der Castingshow „Rising Star“ trat Freddie an und sang sich aber nur auf Platz vier. Für ihn war das jedoch kein Grund aufzuhören. Sondern im Gegenteil: „Das Ende der Show war für mich kein Ende, sondern der Beginn von etwas Großem“, so der Sänger. Die richtige Karriere begann nämlich direkt nach der Show, obwohl er diese gar nicht gewann. Seine erste Single „Mary Joe“ entwickelt sich noch im selben Jahr zum Radiohit und hielt sich einige Wochen lang beharrlich auf Platz eins der ungarischen Charts. Auch Freddies zweite Single „Neked nem kell“ wurde zum Kassenschlager. Sein Markenzeichen: die Reibeisenstimme. „Viel fragen mich immer wieder, ob ich meine Stimmfarbe tatsächlich vom Rauchen habe, aber nein, die ist einfach so“, sagt er. Doch mit dem Unterschied, dass sie nicht immer so rauchig klinge. „Ich muss eine ganz bestimmte Tonhöhe treffen, damit es so klingt, wie es klingen soll“, erzählt Freddie. Und mit dieser Stimme wagte er den großen Schritt in den ungarischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, kurz ESC genannt.

Mehr als 200 Millionen Zuschauer

Der ESC ist ein internationaler Musikwettbewerb von Komponisten und Songschreibern, der seit 1956 jährlich von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) im Rahmen der Eurovision veranstaltet wird. Beim ESC sind die Rundfunkanstalten aller Staaten der EBU teilnahmeberechtigt. Dieser Rundfunkunion gehören mehrheitlich europäische und einige Radio- und Fernsehstationen benachbarter westasiatischer und nordafrikanischer Staaten an. Da die Shows auch außerhalb des Sendegebiets der EBU übertragen werden, konnte der Eurovision Song Contest über die Jahre hinweg auch eine große Fangemeinde in Australien, Neuseeland, Teilen Asiens, Kanada und den USA gewinnen. Insgesamt werden die Übertragungen des ESC von mehr als 200 Millionen Zuschauern gesehen.

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Eine große Chance also für neue Künstler. Als die Voting-Ergebnisse des landesweiten Vorentscheids glasklar aussagten, dass Freddie der Mann für Ungarn sein wird, konnte er sich aber gar nicht wirklich freuen: „Ich war einfach so müde von der langen und anstrengenden Show, aber die Freude hat dann irgendwann überwogen.“ Auf die „kleine“ ungarische Show folgte dann die große Bühne des ESC in Stockholm. Im Halbfinale konnte er überzeugen und durfte am 14. Mai vor Tausenden Leuten in der Halle und Millionen Menschen vor den Bildschirmen singen. „Bevor ich nach Schweden geflogen bin, habe ich mir schon ausgemalt, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich die Bühne betrete. Ich dachte mir, es wird ein komisches Gefühl werden“, erinnert er sich. Doch es kam anders. Nervös sei er gar nicht gewesen, sondern genoss jede einzelne Sekunde auf der Bühne. Mit dem Song „Pioneer“, drei Backgroundsängern und einer großen Trommel brachte er die Zuschauer zum Staunen.

Ein Lied aus Ungarn geht auf Reisen

Jedenfalls hoffte und glaubte Freddie das. Die Ernüchterung stand gegen Mitternacht fest: nur Platz 19 für den 26-Jährigen. Gewonnen hatte die Ukraine mit einem politischen Song über den Konflikt mit Russland. „Ich war absolut enttäuscht“, sagt er. Dennoch fügt hinzu: „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und jemand sagen würde, ich könnte mit einem anderen Lied eventuell mehr Punkte machen, dann würde ich trotzdem absolut nichts anders machen.“ Freddie ließ sich von dem Ergebnis nicht unterkriegen. Während andere Künstler nach so einer Platzierung gerne von der Bildfläche verschwinden (man rufe sich die vergangenen erfolglosen Versuche von Deutschland ins Gedächtnis), ging für Freddie das Leben als frischgebackener Musiker ganz normal weiter. Mit dem Unterschied, dass sein Song „Pioneer“ in mehr als 20 Ländern im Radio lief und immer noch läuft. „Deswegen kümmert mich die Platzierung gar nicht mehr“, sagt er. Viel geändert habe sich seit dem ESC nicht. Freddie hatte vor der Show viele Auftritte und das sei auch heute der Fall. Einzig allein mit dem Unterschied, nun auch international Konzertauftritte zu haben. „Griechenland, Mazedonien und sogar Chile. Wer hätte das geglaubt“, so Freddie stolz. Er selbst sieht sich noch am Anfang seiner Karriere. Schließlich habe er ja erst vor einem Jahr wirklich angefangen, professionell Musik zu machen. Von Karriere möchte er deswegen (noch) gar nicht reden.

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„Ich bin normal geblieben. Ich bin der Kerl, der aus der U-Bahn steigt und auf die Bühne geht“, sagt der in Győr groß gewordene Musiker. Von abgehobenen Künstlern halte er gar nichts. „Ruhm interessiert mich nicht. Ich möchte das machen, was mir Spaß macht und die Leute damit begeistern“, sagt Freddie. Ein neuer ungarischer Song ist bereits veröffentlicht, ebenso ein englischer mit dem Titel „Parachute“. Seine Musik möchte er immer in Ungarisch und Englisch heraus bringen. „Denn die Ungarn verstehen englische Texte meist nicht so gut“. Im Herbst soll dann das Debütalbum erscheinen. Der Erfolg im Ausland sei ihm zweitrangig, versuchen wolle er es trotzdem. Von Freddie und seiner Reibeisenstimme gibt es also auch in Zukunft noch viel zu hören. Der 26-Jährige wirkt auch nach dem Gespräch immer noch wie der nette Nachbar von nebenan. Freundlich, spontan und eher ruhig. Warum? Das beantwortet er ganz sympathisch selbst: „Ich bin eben kein abgehobener Star, ich bin ein ganz normaler Musiker“.

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