Die Ungarische Nationalbank (MNB) hat in ihrer Funktion als Finanzmarktaufsicht Ende August fantastische Zahlen präsentiert, die eine gründliche Trendwende im ungarischen Bankensektor belegen: Nach 191 Mrd. Forint im Zeitraum Januar-März konnten die Kreditinstitute zwischen April und Juni weitere 152 Mrd. Forint an versteuerten Gewinnen gutschreiben, so viel wie noch nie in einem zweiten Quartal. Im ersten Halbjahr kamen somit 343 Mrd. Forint zusammen, was auch dann eine stattliche Zahl darstellt, wenn man die in Höhe von netto 91 Mrd. Forint aufgelösten Rückstellungen abzieht.

Die kumulierte Bilanzsumme der Kreditinstitute belief sich zur Jahresmitte auf 32.633 Mrd. Forint, nach einem leichten Rückgang im zweiten Quartal um 1,5 Prozent. Zwar legte der Bruttobestand an Krediten insgesamt leicht zu, doch bauten Unternehmen und Privathaushalte ihre Kreditpositionen weiter ab, so dass sich die ungarischen Banken hier mit Kreditausreichungen ins Ausland behalfen. Positiv wirkt auf die Bilanzen, dass der Anteil sogenannter fauler Kredite seit Jahresbeginn weiter von 10,0 auf 9,3 Prozent gesunken ist. Schneller von den Altlasten befreien sich die Unternehmen, in deren Kreis seit mehr als 90 Tagen nicht mehr bediente Kredite auf einen Anteil von 7,6 Prozent zurückgingen. Bei den Privathaushalten geht die Bereinigung weitaus langsamer voran: Zur Jahresmitte war der Anteil der faulen Kredite gerade erst unter 17 Prozent gefallen.

Jeder vierte Vertrag risikobelastet

Die absolute Zahl der unzuverlässigen Schuldner, Betrüger und Verbrecher ist derweil nach Angaben des Zentralen Kreditinformationssystems (KHR) auf den höchsten Stand seit 2014 gestiegen; Ende Juni wurden in dem System 1,84 Millionen Risikofälle zur Warnung für die Banken geführt – im Vergleich zu nahezu 1,9 Mio. Fällen vor zwei Jahren. Dabei muss man bedenken, dass in dem seit 2008 bestehenden System jährlich im Schnitt 300.000 Versäumnisse getilgt werden, was den absoluten Bestand noch tragischer erscheinen lässt.

Weil im KHR einzelne Missbrauchsfälle registriert werden, kann eine Person natürlich mehrfach auf der Schwarzen Liste erscheinen; Experten gehen daher von ungefähr einer Million Privatpersonen in Ungarn aus, deren Zahlungsmoral zu wünschen übrig lässt. Wenn man hinzunimmt, dass die Bevölkerung heute über gut siebeneinhalb Millionen Kreditverträge verfügt, ist immerhin jeder vierte Vertrag risikobelastet. Die Banken warnen, dass ein Aufscheinen auf der Schwarzen Liste jede weitere Kreditaufnahme erheblich erschwert. Dass dieses säumige Viertel das Bankgeschäft für die anständigen drei Viertel der Kunden unanständig verteuert, wird geflissentlich verschwiegen.

Restschuld weiter über Verkehrswert

Besonders tragisch zeigt sich die Lage von Hypothekenkreditnehmern. Jahrelang stand die Rettung jener mehreren hunderttausend Familien im Mittelpunkt der Regierungspolitik, die sich mit Fremdwährungskrediten verschuldet hatten, um den Traum vom eigenen Heim zu verwirklichen. Nachdem verschiedene Maßnahmen mehr oder weniger wirksam Abhilfe schufen, hatte die Orbán-Regierung im Duett mit der Notenbank eine außerordentlich glückliche Hand, als man Ende 2014 die praktisch verbindliche Konvertierung der Fremdwährungskredite anwies. Denn die Schweizer Nationalbank hob Mitte Januar 2015 wie aus heiterem Himmel den Mindestkurs auf, woraufhin der Euro (und mit diesem der Forint) ins Bodenlose stürzten und sich auch nachher nicht mehr wirklich erholten.

Die kreditverschuldeten Wohnungsbauer müssten nach all diesen glücklichen Fügungen eigentlich aus dem Schneider sein, die raue Wirklichkeit sieht aber anders aus. Immer noch ein Viertel der Kreditnehmer muss eine Restschuld stemmen, die weiterhin über dem Verkehrswert der Immobilie liegt! Dieses Phänomen traf früher sogar 40 Prozent der Schuldner, was nicht nur damit erklärt werden kann, dass vor der großen Krise wirklich jeder Hinz und Kunz ohne Rücksicht auf Bonität oder auf Lage und Qualität der Immobilie mit dem Geld der Banken zugeschüttet wurde. Sondern auch daher rührt, dass die Immobilien eben durch die Krise enorm an Wert verloren. Bei Personen, die Hypothekenkredite zur freien Verwendung aufnahmen, könnte heute sogar jeder Dritte sein Heim an die Bank übergeben und wäre noch immer nicht schuldenfrei.

Positiver Ausblick bei Moody´s

Heute sind die Kreditinstitute gemäß Vorgabe der Aufsicht vorsichtiger, indem sie maximal 80 Prozent des geschätzten Verkehrswertes der Immobilie beleihen. Vielleicht läuft das neue Wohnungsbauförderprogramm CSOK aber auch deshalb so schwer an; erst 10.000 Kreditanträge kamen für das scheinbar so großzügige staatliche Programm zusammen. Obendrein interessiert ein Wohnungsneubau nur jeden vierten erfolgreichen Antragsteller, weshalb der Finanzierungsrahmenbetrag von 20 Mio. Forint mit durchschnittlichen Kreditsummen zwischen 6 und 10 Mio. Forint derzeit klar verfehlt wird. Allerdings vertrauen die Banken weiterhin darauf, dass die große Nachfrage im Herbst einsetzen wird.

Das Kreditgeschäft läuft im Privatkundenbereich also auch weiterhin nicht wirklich an, was die Inhaber der Geldhäuser aber nicht groß kümmern muss, wenn sie ohne besondere Anstrengungen genauso gut über die Runden kommen. Nach dem oben zitierten Bericht der MNB legte die Eigenkapitalquote im Bankensektor insgesamt bis zur Jahresmitte auf 21 Prozent zu, die Anlagenrendite auf durchschnittlich 0,7 Prozent und die Kapitalrendite auf 7,7 Prozent. Die internationalen Ratingagenturen teilen die positive Sicht, Moody´s versah die aktuelle Bonitätsprüfung mit einem positiven Ausblick. Die Forint-Konvertierung der Fremdwährungskredite wurde ebenso bei Standard & Poor´s sowie Fitch Ratings als außerordentliche Risikobereinigung auf Sektorebene gewürdigt.

Kreditgeschäft so gut wie nachhaltig

Die Aussichten des Bankensektors hellt natürlich ebenso ein verbessertes makroökonomisches Umfeld auf, das hierzulande eindeutig an Faktoren wie erhöhter Kaufkraft und anhaltender Haushaltsdisziplin abzulesen ist. Wichtig ist aber auch das allgemeine Stimmungsbarometer, das angesichts sinkender Bankensondersteuern und der Übereinkunft zwischen Orbán-Regierung und EBRD ebenfalls im positiven Bereich angelangt ist. Allein der von 0,53 auf 0,24 Prozent der korrigierten Bilanzsumme von 2009 verringerte Spitzensatz der Bankensondersteuer wird die Profitabilität des Sektors im laufenden Jahr um schätzungsweise 73 Mrd. Forint anzuheben vermögen, für 2017 ist eine fortgesetzte Entspannung auf Sektorebene von ungefähr 20 Mrd. Forint zu erwarten.

Immerhin glauben die internationalen Ratingagenturen, dass die Großunternehmen Kredite auch weiterhin nicht in Ungarn aufnehmen werden, weil sie sich im Ausland einfach preisgünstiger verschulden können. Womit wir bei den Firmenkunden wären; hier hat die MNB wenigstens für das Segment der Klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) einen leichten Aufschwung in der Kreditnachfrage ausgemacht. Eine auf Transaktionsbasis gemessene Zunahme des Kreditgeschäfts um 5 Prozent im vergangenen Jahr soll maßgeblich durch das Kreditprogramm für Wachstum (nhp) verursacht worden sein. Diese 5 Prozent wären nach Angaben der Notenbank gerade ausreichend für ein nachhaltiges Wachstum. Um Abschreibungen und technische Effekte bereinigt weitete sich das KMU-Kreditgeschäft in den zwölf Monaten bis Juni 2016 um netto 182 Mrd. Forint aus. Für eine Kreditwende ist das aber doch recht wenig, zumal die Großunternehmen in dieser Statistik außen vor bleiben.

Digitalisierung und strengere Kapitalanforderungen

Den Marktführer OTP wird die Kreditflaute nicht weiter anfechten, nachdem der Krösus 30 Prozent der Einlagen von Privatkunden gesammelt haben will und bereits in diesem Jahr eine nachhaltige Kapitalrendite von 15 Prozent anstrebt. Natürlich schreibt das mit Abstand größte Bankhaus im Lande auch die mit Abstand größten Gewinne; im ersten Halbjahr ungefähr so viel, wie Erste Bank und UniCredit auf den Rängen 2 und 3 zusammengenommen. Die Erste Bank Hungary, an welcher der ungarische Staat seit kurzem mit 15 Prozent beteiligt ist, kehrte nach harten Jahren üppiger Verluste erst wieder in die schwarzen Zahlen zurück, ebenso wie CIB, Raiffeisen oder jene MKB Bank, die einen ersten bescheidenen Gewinn an die neuen ungarischen Eigentümer abwirft. Womit der Marktanteil ungarisch kontrollierter Geldinstitute ausgehend von der Bilanzsumme zum Stand 30. Juni 2016 nahezu 55 Prozent erreichte, eine Verhältniszahl, mit der die Orbán-Regierung durchaus zufrieden sein dürfte.

Die Konsolidierung des Bankensektors wird voranschreiten, provoziert durch Digitalisierung und strengere Kapitalanforderungen. Um die Bevölkerung zufriedenstellend zu bedienen, genügen 4-6 Großbanken, glaubt man beim Bankenverband. Die Umorientierung auf elektronische Produkte geht mit einem Rückbau des Filialnetzes einher, was Kunden außerhalb der Ballungszentren weniger erbaulich finden dürften. Aber angeblich ändern sich die Gewohnheiten dermaßen rasant, dass persönliche Beratung, die vor 2008 ganz groß geschrieben wurde, bestenfalls noch Kredit- oder Private Banking-Kunden gewährt wird.


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