Die Regierungsparteien versuchen – koste es, was es wolle –, ihre Sympathisanten zur Teilnahme und um ein Kreuzchen beim Nein zu bitten. Einziger Knackpunkt: Warum soll man sich – an einem vielleicht schönen sonnigen Tag – die Mühe machen, in ein Wahlbüro zu gehen, um über eine Frage abzustimmen, in der in der ungarischen Gesellschaft ohnehin weitgehende Einigkeit herrscht? In jeder Meinungsumfrage kann man davon lesen, dass die Mehrheit der ungarischen Bevölkerung über alle Parteigrenzen hinweg nicht einmal in Ansätzen gewillt ist, den Multikulti-Weg der West-EU-Länder zu beschreiten.

Warum das Ganze?

Warum dann also über eine gesellschaftlich unstrittige Frage ein Referendum abhalten? Während Polen, Tschechien und die Slowakei zur Quoten-Idee der West-EU-Länder einfach nur laut und deutlich „Nein!“ sagen und das Thema Zwangsquote damit für sie wahrscheinlich erledigt ist, müssen die Ungarn erst eine milliardenschwere Werbekampagne über sich ergehen lassen und dann auch noch einen gewissen Teil ihrer Freizeit opfern. „Warum das Ganze? Die Quote kommt eh nicht“, werden viele sinnieren.

Auch eine akute Bedrohung ist nicht zu erkennen. Dank Grenzzaun weder von Seiten der Flüchtlinge und dem dank dem klaren „Visegrád-4-Nein“ auch nicht von Seiten der West-EU-Länder mit ihrer fixen Idee von der Flüchtlingsquote. Ein eventuell motivierendes Teilnahmeargument könnte für viele höchstens die Parteidisziplin sein, also die Bereitschaft, seiner Partei und deren Wünschen – selbst bei inhaltlichen Zweifeln – zu Diensten zu sein. Bei den Anhängern der Regierungsparteien (aber auch der Jobbik) wird es am Wahltag also wahrscheinlich zu einem harten Ringen zwischen Bequemlichkeit und Parteidisziplin kommen.

Ein Boykott ist die bequemste Taktik

Doch auch die linke Opposition scheint in keiner leichten Lage, ja sogar in einem regelrechten Dilemma zu stecken. Obwohl die Schaffung westeuropäischer Multikulti-Verhältnisse in Ungarn auch von den meisten ihrer Anhänger abgelehnt wird, darf sie gemäß der ungarischen Parteienlogik, wonach sich Regierung und Opposition immer zu widersprechen haben, der Regierung beim Quotenreferendum auf keinen Fall den Rücken stärken. Gleich ganz Kontra zu bieten und die Wähler zu einem „Ja“ zu überreden, hieße aber wiederum, riskant über das Ziel hinauszuschießen. Im Endeffekt können sich die meisten ungarischen Linken auf den Wahlsonntag freuen, denn immerhin verlangen ihre Parteichefs nicht mehr von ihnen, als das Referendum einfach zu boykottieren. So bequem kann es zuweilen sein, politisches Engagement zu zeigen!

Klar gäbe es durchaus nachvollziehbare Gründe, hinzugehen und eine ungültige Stimme abzugeben – einige intellektuelle linksliberale Gruppierungen haben sich auf diese Alternative festgelegt. Aber dafür müsste man schon sehr genau wissen, wie man einen ungültigen Stimmzettel produziert. Erst recht einen, der bei der Stimmauszählung dann auch tatsächlich als ungültig akzeptiert wird und bei dem kein Auszähler „ein Auge zudrücken“ kann. Wahrscheinlich schien das für die großen Linksparteien mit Blick auf ihre Anhängerschaft eine etwas zu gewagte Strategie zu sein, und ließ sie davon Abstand nehmen. Klingt ja auch wirklich etwas absurd! Sich erst zu Hause aufraffen, um wählen zu gehen, und dann in der Wahlkabine doch nicht wählen…

Nur die Liberalen bieten ein klares Kontra

Einzig und allein die politisch völlig bedeutungslosen Liberalen wagen sich aus der schummrigen Deckung und bitten ihre Anhänger um ein klares „Ja“ – möglicherweise wollen sie aber vielleicht auch nur Staatskosten nachschauen, wie viele Anhänger sie noch in Ungarn haben… Damit das Ergebnis nicht ganz so spärlich ausfällt, und weil vielleicht auch nicht alle Liberalen so begeistert von der Multikulti-Idee sind, wird das Quotenreferendum von ihrer Partei in eine Abstimmung über den weiteren Verbleib Ungarns in der EU uminterpretiert. Wer drinbleiben will, sollte mit „Ja“ stimmen und fertig. Da kann man für den Fidesz nur hoffen, dass sich diese Interpretation unter den eigenen Anhängern nicht herumspricht, schließlich sind ja auch die Fidesz-Anhänger mehrheitlich für einen Verbleib ihrer Heimat in der EU…

Auch die winzige linksliberale Ulkpartei MKKP schießt etwas über das Ziel hinaus oder sich gar selbst ins Bein. So weist sie auf einem ihrer witzig gemeinten Plakate darauf hin, dass auch die Ungarn zur Zeit der Landnahme „Migranten“ waren. Moment mal! Dann handelt es sich bei den aktuellen Vorgängen also doch um eine Landnahme? Und den heute im Karpatenbecken lebenden Ungarn könnte ein ähnliches Schicksal blühen, wie einst den Awaren, Slawen und all den anderen, die vor der Ankunft der Magyaren im Karpatenbecken siedelten? Aber gehört es nicht gerade zum linksliberalen Kerngedankengut, dass Migration für die aufnehmenden Völker eine Bereicherung und keine Bedrohung darstellt? Egal, hier und bei anderen Elementen des Referendumsspektakels sollte man lieber nicht nach der Logik fragen!

Um den Irrsinn auf den Gipfel zu treiben, fehlt jetzt nur noch, dass sich die West-EU-Entscheidungsträger kurz vor dem Referendum mal einfach so von der Quotenidee verabschieden. So wie die Regierung im letzten März vom Sonntagsschluss, womit sie zugleich der linken Opposition ihr schönes Referendum kaputtmachte. Na wenn schon, immerhin haben selbst dann einige recht ordentlich an dem ganzen Trara verdient. Es wurden in Ungarn auch schon für sinnlosere Dinge große Geldbeträge zum Fenster rausgeworfen…

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