Mittlerweile ist es schwer, sich im Dschungel der Rückgaben zurechtzufinden. Eines ist ihnen jedoch gemein: Sie alle wollen sich nicht nur vom Publizisten Bayer distanzieren, sondern auch ein Zeichen gegen die Regierungspolitik setzen, für dessen Sinnbild sie Zsolt Bayer und dessen Auszeichnung halten.

Kritik (auch) am Zustand des Bildungssystems

Am Mittwoch, genau einen Tag vor Beginn des neuen Schuljahres meldete sich auch Nóra L. Ritók zu Wort. Die Direktorin der Stiftung Igazgyöngy wandte sich – wie zahlreiche ihrer Brüder und Schwestern im Geiste – via Facebook an die breite Öffentlichkeit. Sie möchte mit der Wahl des Zeitpunktes auch auf den Zustand des Bildungssystems aufmerksam machen, „schließlich habe ich damals die Auszeichnung für meine Arbeit im Bereich der Schaffung der Chancengleichheit erhalten“, wie es in ihrem Eintrag heißt. Doch genau hier hapere es massiv. Das ungarische Bildungssystem habe sich mittlerweile viel eher der Bildung von Eliten verschrieben, Kinder aus armen Haushalten und schwierigen Verhältnissen hätten es ungleich schwerer.

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Nóra L. Ritók: „Ich möchte mit der Rückgabe auch auf die Zustände im Bildungssystem aufmerksam machen.”

In ähnlich großem Zusammenhang will auch der Initiator der Rückgabewelle Jenő Kaltenbach sein Handeln verstanden wissen. In einem Interview mit der linksliberalen Wochenzeitung Magyar Narancs erklärte er seine Entscheidung. So war die Rückgabe zwar ein spontaner Impuls, jedoch keineswegs unbegründet. Mit der Rückgabe wollte er vor allem auf die „Anomalien des Systems“ aufmerksam machen: „Das System, das eine solche Geste tut (gemeint ist die Auszeichnung Zsolt Bayers – Anm.), teilt die Ansichten, für die Zsolt Bayer steht. Sprich, es ist rassistisch, hetzend, gegen Minderheiten, unethisch und die Liste ließe sich fortsetzen.“ Kaltenbach sieht in dieser Politik eine konkrete Gefahr für die Zukunft, denn noch möge die Regierung glauben, sie könnte der nun geschaffenen Situation noch Herr werden, aber „Hass lässt sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr kontrollieren. Es ist wahnsinnig gefährlich, was die hier machen.“

Bayer: „Wusste, dass daraus ein Skandal wird“

Im Zentrum des Wirbels selbst steht nach wie vor Zsolt Bayer, der sich jedoch bisher nicht sonderlich aus der Ruhe bringen ließ. In einem Interview mit dem Regierungsorgan Magyar Idők sprach er davon, dass er nicht vorhabe, seine Auszeichnung zurückzugeben. Aber nachdem er nun gesehen habe, wer alles die Auszeichnung bisher erhalten (und zurückgegeben) hat, „kam mir der Gedanke, ich hätte sie gar nicht erst annehmen sollen”. Doch nun, nachdem viele Ausgezeichnete die Ehrung zurückgegeben hätten, wäre es für ihn, Bayer, viel angenehmer, die Auszeichnung zu behalten.

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Die Witzpartei MKKP findet, es sollte mittlerweile auch Recyclingcontainer für zurückgegebene staatliche Auszeichnungen geben.

Weiterhin ist er sich (so gut) wie keiner Schuld bewusst: „Hätte ich sämtliche Unflätigkeiten auf Viktor Orbán und die Abgeordneten von Fidesz und KDNP gemünzt, hätte ich die Ehrung schon viel früher bekommen – nämlich von Ferenc Gyurcsány.” Generell sehe er aber bezüglich seines Stils keine Probleme. Allerdings wäre ihm schon, als man ihm mitteilte, er sollte ausgezeichnet werden, der Gedanke gekommen, dass daraus ein Skandal würde. Generell würde er sich aber in Zukunft mäßigen. Dies sagte er gegenüber dem Blog Mandiner in einem Interview.

Konkret sagte Bayer, hätte ihm ein ranghoher Fidesz-Politiker nahe gelegt, sich nicht mehr so vulgär zu äußern. Bayer wurde, so sagt er, klar gemacht: „Du weißt aber, dass du nicht für deine verbalen Ausbrüche ausgezeichnet wirst. Das Ritterkreuz verpflichtet.” Die Magyar Narancs titelte daraufhin süffisant, Bayer würde in Zukunft nicht mehr publizieren. Bayer selbst antwortete auf seinem Blog, er werde natürlich weiter schreiben, aber eben ohne die bisherigen Unflätigkeiten.

Juristische Haarspalterei statt klarer Worte

Knapp eine Woche nach Bekanntwerden der Bayer-Auszeichnung meldete sich auch das Büro von Staatspräsident János Áder zu Wort. Nicht etwa, um die Entscheidung für Bayer zu verteidigen oder zumindest zu erklären, sondern einzig, um Stellung zu den Rückgaben zu beziehen, zumindest theoretisch. Danach gäbe es rein rechtlich weder die Möglichkeit, die Auszeichnung zurückzuziehen, noch jemanden von der Liste der Ausgezeichneten zu entfernen.

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Mit der Rückgabe des Preises trat Jenő Kaltenbach eine Welle des Protestes los, die er sicher nicht erwartet hatte.

Dieses juristische Versteckspiel kam jedoch nicht gut an. Der sonst der Regierung keineswegs gegnerisch gesinnte Politanalyst Gábor Török reagierte prompt auf die Äußerungen von Áders Pressestelle. In einem Facebook-Post ließ er seinem Ärger freien Lauf. So kritisierte er, dass sich Áder schlicht nicht getraut hätte, in der Causa Bayer Politiker zu sein und eine eigene Meinung zu vertreten, sondern lediglich das Amt des Staatspräsidenten zu einem politischen Abstellgleis degradiert.

Statt direkte Antworten zu geben, hätte sich Áder hinter juristischer Haarspalterei verschanzt und damit versucht, einem Konflikt aus dem Wege zu gehen. Török bedauerte es weiter, dass es Áder seinem Amtsvorgänger Sólyom nicht gleich tut und richtungsweisend auftritt. Der Analyst wünschte sich einen Staatspräsidenten, der „die Aufgabe nicht deswegen übernimmt, um eine Marionette ohne Souveränität oder ein stiller Partner zu sein, und nicht darum, um über fünf Jahre hinweg in einem Schweigegelübte zu leben und jede eigene Meinung und jeden Gedanken zu unterdrücken”.

An der ungarischen Nachrichtenagentur MTI geht der Skandal vorbei

Es scheint, als ob sich die staatliche Nachrichtenagentur MTI an Staatspräsident Áder ein Beispiel genommen hätte. Denn während die internationale Medien und selbst die BBC über die Causa Bayer und die Rückgabewelle ausführlich berichteten, hüllt sich die MTI weitgehend in Schweigen. Oder vielmehr: in selektives Schweigen, denn über die Auszeichnung selbst berichtete sie, ebenso über die Anerkennung durch den parlamentarischen Staatssekretär János Halász, der sich über die Auszeichnung Bayers freute. Über die nunmehr mehr als 100 Rückgaben verlor die MTI bisher jedoch kein Wort. Die linksliberale Tageszeitung Népszabadság fragte denn auch nach, und bekam von Agentur die Antwort, man würde im Rahmen der redaktionellen Freiheit entscheiden, was als Nachricht veröffentlicht würde und was nicht. Interessanterweise wurde jedoch die Erklärung von Bayer, warum er das Ritterkreuz verdiene, in voller Länge gebracht.

Die wichtigsten Rückgaben

Der erste, der seine Auszeichnung zurücksandte, war Jenő Kaltenbach. Ihm folgten seitdem mehr als 100 Ausgezeichnete. Hier die bekanntesten unter ihnen.

Anikó Soltész, Unternehmerin

Éva Szomor, Heilpädagogin, Berlin Brandenburg International School

Péter Németh, Chefredakteur Népszava

Dóri Pásztory, ungarische Paralympionikin

Ferenc Snétberger, Musiker

Tamás Gáspár Miklós, Schriftsteller

Bence Fliegauf, Regisseur

Gábor Iványi, Pastor, Leiter der Wohltätigkeitsstiftung Oltalom

Ádám Fischer, Dirigent

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