Sie sind praktisch einmal um die Erde gereist, um nun mehrere Baseballmannschaften in Budapest zu trainieren - wie kam das?

Schon im frühen Kindesalter fing ich an, Baseball zu spielen. Mein Vater war ein Fan und meine große Schwester spielte Softball. So wurde ich von klein auf mit dem Sport konfrontiert und wollte schon früh anfangen, selber zu spielen. In Kanada gibt es spezielle Highschools, die sich auf bestimmte Sportarten fokussieren. Schnell war klar, dass ich auf eine Baseball-Highschool gehen würde. Damals fasste ich den Entschluss, dass ich professionell spielen möchte. Als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, bekam ich auch einige Angebote von Universitäten mit Baseballteams. So kam ich auch nach Nebraska. Nach vier Jahren intensiven Baseballspielens hatte ich nicht nur einen Abschluss in Marketing und Management, sondern auch viel Erfahrungen auf dem Feld.

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Ich fing an bei Coca-Cola zu arbeiten, doch war mir bereits nach drei Monaten klar, dass ich erst einmal noch Baseball spielen muss. Das ist es, was ich derzeit am meisten liebe und was mir die Möglichkeit gibt, die Welt zu bereisen. Durch einen guten Kontakt bekam ich ein Angebot in Australien zu spielen – das war schon lange ein Traum von mir. So fing ich an, dort professionell zu spielen und zu coachen. Ein Freund erzählte mir vom europäischen Baseball und ich entschied mich, mich darüber zu informieren. So kam eins zum anderen und nun bin ich hier in Budapest und coache drei sehr interessante Mannschaften: die Budapest Reds Junior, die Budapest Reds Senior und die ungarische Baseball-Nationalmannschaft.

Wie unterscheidet sich der europäische Baseballsport von dem in den USA, Kanada und Australien?

Zunächst wäre da die Art, wie die Wettkämpfe zelebriert werden. Besonders in kleineren Ländern, wie hier in Ungarn, ist das Spiel weniger verbreitet und die Ressourcen für den Sport sind deutlich geringer. Baseball ist überall derselbe Sport, doch die Art, wie er gespielt und nach außen getragen wird, ist anders. Ich bin damit groß geworden, dass überall Spielfelder sind, die Wettkämpfe regelmäßig im Fernsehen übertragen und diskutiert werden. Hier hat es ein ganz anderes Ausmaß: Hier kennt niemand die Regeln, es ist für den Großteil der Gesellschaft ein ganz neues Feld – das gilt für den Großteil Europas. In den letzten Jahren habe ich die Niederlande, Deutschland, Italien und die Tschechische Republik besucht - dort wächst Baseball rapide. Doch ein Punkt ist überall derselbe: Wie jeder Sport, spricht auch Baseball eine universelle Sprache und bringt verschiedenste Geister zusammen.

Was für einen Baseball vermitteln Sie als Trainer?

Das, was er für mich ist. Baseball ist nicht nur das Spiel, was man trainiert, beobachtet und diskutiert - er ist ein Lifestyle. Der Sport an sich begleitet einen das ganze Jahr. Doch man lernt nicht nur sich im Spiel zu verbessern, durchzuhalten, im Team zusammenzuarbeiten und Ziele zu erreichen, man kommt auch an seine Grenzen und lernt, dass man nicht immer gewinnen kann. Diese Erfahrungen kann man leicht auf andere Bereiche des Lebens übertragen und so eine bessere Person werden: verantwortungsbewusst, respektvoll und zielstrebig, ohne dabei egoistisch zu sein.

Wer sind die Budapest Reds?

Ein wirklich offener und toller Club beider Geschlechter. Ich bin 25 und spreche kaum ein Wort Ungarisch, trotzdem wurde ich – auch von den älteren Spielern – mit Respekt und Wohlwollen aufgenommen. Das Senior Team setzt sich aus neuen und alt eingesessenen Spielern zusammen, besonders diese sind miteinander fest verwurzelt. Wir haben sogar ein paar Jungs, dessen Mannschaft sich aufgelöst hat und die gemeinsam nach Budapest gezogen sind, um hier wieder in einem Team spielen zu können. Die Spieler vermitteln eine harmonisch, freundschaftliche Atmosphäre und machen es einem leicht, sich auch als Ausländer integriert- und wohlzufühlen. Es ist schön zu sehen, dass sie lernen wollen und Baseball so sehr lieben wie ich.

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Die Budapest Reds sind ein relativ neues Team. Sie haben sich erst vor ein paar Jahren gegründet. Ihr Gründer heißt Szabolcs Piros, „piros“ bedeutet aus dem Ungarischen übersetzt „rot“, deshalb haben sie sich die „Budapest Reds“ genannt. Er selbst hat unser Spielfeld gebaut, primär für seine Kinder, die trainieren wollten. So gründete sich über den Platz das Team. Zusätzlich suchten einige der “Sleepwalkers” aus Szentendre Anleitung, weil sie kaum Unterstützung erhielten. So stießen sie dazu. Bis heute wächst das Team stetig und wir freuen uns über jeden weiteren Spieler. Inzwischen gibt es gut fünf verschiedene Teams innerhalb der Budapest Reds. Der älteste Teilnehmer ist 54, der jüngste neun Jahre alt. Innerhalb des Klubs, Ungarn und Europa, spielen die Mannschaften gegeneinander.

Wie läuft ein Training ab?

Jedes Team trainiert zweimal die Woche. Für die Jüngeren ist es ein anderthalb- bis drei- und für die Älteren ein mindestens dreistündiges Training, meist sogar etwas länger. Insgesamt wird zweimal die Woche auf dem Baseball-Platz an der Thököly utca 4 im XVIII. Bezirk trainiert und am Wochenende gibt es häufig Spiele, auch gegen internationale Mannschaften. Also reisen wir auch regelmäßig gemeinsam. Das Training an sich läuft so ab, dass zunächst in kleinen Teams oder an Geräten bestimmte Fähigkeiten geübt werden und anschließend das ganze Team geteilt wird, wir gegeneinander spielen und Strategien für den Wettkampf entwickeln.

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Wer darf mitmachen?

Auch wenn ein Großteil der Spieler ungarische Wurzeln hat, sind wir ein sichtlich multikulturelles Team und freuen uns über jeden Einzelnen, der mitmachen möchte. Es ist irrelevant, ob mit oder ohne Vorkenntnisse. Natürlich kann man ohne Vorkenntnisse nicht gleich bei der Nationalmannschaft mitspielen, aber sich nach und nach hocharbeiten. Ich leite hier drei Mannschaften: für Jungen und Mädchen unter 17 Jahren unsere Budapest Reds Junior, die Seniors und dann noch die Nationalmannschaft. Das Training findet zu großen Teilen auf Englisch statt, doch ich versuche, mein Ungarisch stetig zu verbessern. Bisher war die Sprachbarriere noch nie ein Problem, auch nicht mit den jüngeren Teilnehmern. Wer möchte, kann gerne mal bei einem Training vorbeikommen, zuschauen oder gleich mitmachen.

Das Interview führte Lilith Grull


Weitere Informationen zu den Budapest Reds finden Sie unter www.reds-baseball.hu

Kontakt: redsbaseballse@gmail.com

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