„Schöne Kindheit im Süden Ungarns in einem lebendigen Dorf mit herzlichen Menschen“, beginnt Trabert sein Vorwort. Kein Wort des Hasses oder der Enttäuschung darüber, dass vermutlich einige jener „herzlichen Menschen“ dieselben waren, die später aktiv für die Vertreibung der Traberts und anderer deutschen Familien in den Nachkriegsjahren sorgten.

Zurzeit von Traberts Geburt 1933 hatte Véménd etwa 2.350 Einwohner, davon rund 2.000 Deutsche. Gut ernährt wuchs er im dortigen bäuerlichen Umfeld behütet, traditionsbewusst und mit körperlicher Arbeit auf. Bis auf ein paar harmlose Schelmereien – z.B. Rauchen im Weinkeller – führte Trabert ein fleißiges und tüchtiges Leben. Als eine erste Restriktion erwähnt er, dass ab 1945 die zweisprachig aufgewachsenen Kinder im Dorf nur noch Ungarisch sprechen durften.

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Trotz der tragischen Erfahrungen ein fröhlicher und herzlicher Mensch geblieben: Josef Trabert.

Wie es sich für eine Familienchronik gehört, enthält Traberts Werk auch Geschichten aus dem Leben der Vorfahren, etwa Briefe von 1918 aus der russischen Kriegsgefangenschaft von Großvater Johann Trabert. Der Autor liefert aber auch persönliche Beispiele für die wachsenden Spannungen zwischen Ungarn und Ungarndeutschen, die zum Teil in Prügel und öffentliche Demütigungen ausarteten. Es wurden sogar Ungarn bei ihnen zuhause einquartiert, die langsam Haus und Hof übernahmen. Seine Tante kann im Treck der Aussiedler Richtung Österreich nicht mithalten und wird von den Bewachern wieder nach Hause gelassen. Anderen Verwandten aus Traberts großer Familie ergeht es nicht so gut, russische Deportationszüge bringen vor allem deutsche Frauen in Arbeitslager. Traberts Mutter musste in Véménd vor der Verhaftung fliehen. Später stellte sie sich und kam zum Kochen in die Polizeikaserne von Pécsvárad. Von dort floh sie und versteckte sich, bis die Familie Trabert 1947 schließlich ausgesiedelt wird.

Aus dem Osten zu Fuß in den Westen

Über Tschechien ging es für die Traberts nach Ostdeutschland; im sächsischen Frauenstein fehlt Trabert als allererstes ungarisches Paprikagewürz. Deshalb ließ er sich vom Vater aus Ungarn welches senden – der Briefträger roch es bereits. Der Vater, ebenfalls Josef und mittlerweile von seiner Frau geschieden, war noch während der Belagerung Budapests in die berühmte Felsenkirche am GellértBerg geflohen und hatte versprochen: „Wenn ich jemals heil nach Hause komme, will ich diese Kapelle, die mir Schutz gegeben hat, noch einmal besuchen.“ Wegen seiner Mitgliedschaft im Deutschen Volksbund musste er später Zwangsarbeit leisten, bevor er seiner Familie nach Deutschland folgen durfte. Josef jun. begann in einer neu eröffneten Fabrik eine Lehre zum Goldschmied. In der Berufsschule im zerbombten Dresden beseitigte er zugleich seine Lücken in deutscher Rechtschreibung und Geschichte, da er in Ungarn beides nie gelernt hatte.

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Graue Historie der Vertriebenen: Ankunft der Véménder im Erzgebirge.

1949 stößt der Vater aus der Kriegsgefangenschaft hinzu, nachdem er in Ungarn ein Jahr verbracht hatte, die Wiedersehensfreude war groß. Die Familie scheint sich in der DDR gut einzufügen: Trabert jun. tritt in die FDJ ein, der Vater ist in einer LPG tätig, sie nehmen an Zwangsdemos für Stalin teil und werden in Kadergespräche verwickelt, aus denen sie sich geschickt herausreden. Weihnachten 1951 erfolgt wegen des politischen Drucks die Flucht in den Westen: über Dresden geht es nach Berlin, wo die Familie über eine Brücke vom Ost- in den Westteil spaziert, an der Berliner Morgenpost am Kiosk erkannte Trabert, dass sie im Westen waren.

Vom Lager Spandau ging es mit offizieller Reiseerlaubnis der Alliierten per Flug nach Frankfurt und von dort ins schwäbische Ravensburg, wo bereits ein Onkel lebte. 1953 fand Trabert dort Arbeit und pflegte mit anderen Vertriebenen die donauschwäbische Kultur. Im gleichen Jahr durfte der Autor Kanzler Adenauer die Hand schütteln, als dieser für eine Rede vor Vertriebenen zu Besuch war. Adenauer sagte zu ihm: „Ich glaube, dass Sie eines Tages mit absoluter Sicherheit in Ihre angestammte Heimat zurückkehren werden.“

Die neue und die alte Heimat

Trabert konnte in Ravensburg nicht als Goldschmied arbeiten, daher freute er sich, als er von einer Stelle in Ulm hörte. Er stellte sich bei der dortigen Firma Merath vor und wurde genommen. Er war geschickt und legte 1960 sogar die Meisterprüfung ab. Es folgte sein Umzug nach Ulm. Auf dem ersten Véménder Heimattreffen in Ulm traf er seine spätere Frau Maria. In Ulm wurde ein Haus gebaut, die beiden heirateten. Bei der auf die Hochzeit folgenden Feier gab es einen großen Kessel Gulaschsuppe.#

Josef Trabert: „Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn.“

Gebundenes Buch, Hardcover, 96 Seiten mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen.

ISBN 978-3-946046-03-5.

Erscheinungsdatum: 4. Mai 2016.

16 EUR

1963 erfolgte der erste Besuch des erwachsenen Autors in der alten Heimat. Beim Anblick der ungarischen Grenzsoldaten bekam kurz Angst. Doch eine herzliche Begrüßung von Verwandten am Bahnhof in Budapest und der erste kräftige Schluck ungarischer Wein halfen schnell dagegen. In Véménd wurde er am nächsten Tag ebenso herzlich zur Weinlese begrüßt. 1966 erwarb Trabert sein erstes eigenes Auto, mit dem nun regelmäßige Besuche in der alten Heimat möglich wurden.

1958 und 1962 wurden Traberts Töchter Silvia und Sabine geboren, das Haus in Ulm wurde erweitert. An eine endgültige Rückkehr nach Ungarn war lange nicht mehr zu denken, die neue Heimat hieß Ulm. Im September 2014 fuhr Trabert jedoch erneut nach Véménd, diesmal mit Tochter Sabine und Enkelin Jil, und half erneut bei der Weinlese. Zeitgleich fand eine Ausstellung mit Fotos seines damaligen Dorflehrers statt, zu der die Traberts auch eine Postkarte des Großvaters aus der Kriegsgefangenschaft beitrugen. „So ist ein Stück der Geschichte des Dorfes durch uns in die Heimat zurückgekommen“, schließt der Autor.

Trabert auf Tour

Das in drei Abschnitte (Kindheit in Ungarn, Heimatlos, Neue Heimat) unterteilte Buch behandelt je einen Aspekt, ein Stichwort bzw. ein Thema, und geht nicht chronologisch vor. Die persönlichen Anekdoten und Geschichten Traberts helfen beim Vorstellen der damaligen Ereignisse, seine Prise Humor und Herzlichkeit beim Verarbeiten. „Die zweite Heimat“ liefert ein wenig Farbe und Menschlichkeit in die graue Historie der Ausgesiedelten.

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Bundeskanzler Adenauer zu Besuch bei den Vertriebenen in Ulm: „Ich glaube, dass Sie eines Tages mit absoluter Sicherheit in Ihre angestammte Heimat zurückkehren werden.“
Das Werk hat mit 21 x 21 cm Größe ein ungewöhnliches Format. Dazu Verleger Thomas Zehender gegenüber der Budapester Zeitung: „Ungewöhnliches Buch, ungewöhnliches Format. Es bietet sich an, weil es weder Bilderbuch, noch Chronik, noch Autobiografie oder Geschichtsbuch ist, sondern von allem etwas.“ Außerdem brauchte man Platz für die zeitgeschichtlichen Ergänzungen in den Randspalten. Das Format hat übrigens Traberts Tochter Sabine Geller gewählt, die als Designerin das komplette Buch gestaltet hat. Im Juli wurde das Werk vom Autor, seiner Tochter und seinem Verleger im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm vorgestellt, ein gemeinsamer Besuch im Budapester Haus der Ungarndeutschen ist für 2017 in Planung, verriet Zehender.
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