Auf Nachfrage des linksliberalen Portals 444.hu erklärte das Amt des Ministerpräsidenten, dass Bayer die hohe Auszeichnung für die „authentische Darstellung der Schicksale von Gulag-Häftlingen und des Lebens von siebenbürgischen Ungarn“ verliehen worden sei. Zu Zsolt Bayers journalistischem Wirken gehören aber auch Schriften, die zuletzt im Mai eine Strafe der Medienbehörde nach sich zogen, und dies nicht zum ersten Mal. Immer wieder ging es um Rassismusvorwürfe. Trotzdem erhielt der Fidesz-Mitbegründer nun diese hohe staatliche Auszeichnung – und löste damit eine Protestwelle aus, die wohl kaum jemand erwartet hätte.

Am Mittwochmorgen lag die Zahl der zurückgesandten Ritterkreuze bereits bei 71. Begonnen hatte alles mit Jenő Kaltenbach. Der ehemalige Parlamentsbeauftragte für Minderheiten teilte noch am Freitag in einem offenen Brief an Staatspräsident János Áder folgendes mit: „Den Rang einer Auszeichnung legt indes nicht fest, von wem man sie erhält, sondern der Kreis der ebenfalls Ausgezeichneten. (...) Herr Präsident! Heute haben Sie diese ehrbare Auszeichnung jemanden zuteilwerden lassen, der mit seinem Wirken in den vergangenen Jahren in jedem besonnenen Menschen Verachtung ausgelöst hat.” Kaltenbach könne mit der Entscheidung Áders schlicht nicht konform gehen und gab deswegen seine Auszeichnung – die er 2005 von Staatspräsident Ferenc Mádl erhalten hatte – zurück.

Ihm folgten binnen weniger Tage mehrere Dutzend weiterer Ritterkreuzträger. Darunter befinden sich der Mathematiker Bálint Tóth, die Philosophin Ágnes Erdélyi, der frühere Chef der ungarischen Raiffeisen Bank und Präsident des Bankenverbandes, Péter Felcsuti und der Bildhauer Vladimir Péter. Auch dem ehemaligen Leiter des Ethnographiemuseums Imre Takács und András Heisler, dem Vorsitzenden der jüdischen Vereinigung MAZSIHISZ lag nach der Bayer-Auszeichnung nichts mehr am eigenen Ritterkreuz. Die Liste der Professoren, Forscher, Ärzte, Künstler und Medienschaffenden wird mit jedem Tag länger.

Unerwartete Auszeichnung

Während vielerorts noch darüber gestaunt wurde, welch heftige Reaktionen Bayers Auszeichnung nach sich zieht, ging die Frage, warum er gerade jetzt diese Ehrung erhielt, fast unter. Tatsächlich ist Zsolt Bayer zwar Gründungsmitglied des Fidesz und stolz auf sein Parteibuch mit der Nummer 5, aber keineswegs kann er als naher Vertrauter und gar Berater eines der Regierungsmitglieder bezeichnet werden. Die linksliberale Tageszeitung Népszabadság ging der Frage nach und fand heraus, dass die „Stiftung zur Bewahrung des Andenkens an die im Gulag Umgekommenen“ Bayer für die Ehrung vorgeschlagen hatte. Jolán Pintér, die stellvertretende Vorsitzende der Stiftung, sagte gegenüber der linksliberalen Tageszeitung Népszabadság, sie halte Bayer für den Preis würdig wegen seiner Forschungsarbeit zum Thema ihrer Stiftung, seinen Publikationen und seinen Besuchen vor Ort in ehemaligen Lagern. Zu seinen anderweitigen Schriften wollte sie keine Stellung beziehen.

Der Ausgezeichnete selbst versteht den Wirbel nicht. Gegenüber dem Fernsehsender RTL sagte er: „Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, wie Menschen so sehr in ihrer eigenen, eingeengten Welt gefangen sein können.” So hätte man seine Schriften missverstanden und Zitate aus ihrem Zusammenhang gerissen. Gegenüber der Népszabadság erklärte er, dass er nicht daran denke seine Auszeichnung zurückzugeben: „Unter keinen Umständen!“ Auch könne er sich nicht vorstellen, dass ihm dies von Regierungsseite möglicherweise nahegelegt würde.

Von offizieller Seite wird bisher geschwiegen. Während sich Historikerin Mária Schmidt offen über die Auszeichnung Bayers freute und auch András Bencsik, Chefredakteur des rechten Nachrichtenmagazins Demokrata und einer der Hauptorganisatoren des regierungsnahen Friedensmarsches, nicht nur „persönlich hocherfreut über Bayers Ehrung” ist und natürlich auch sein eigenes, erst im März diesen Jahres erhaltenes Ritterkreuz keinesfalls zurückgeben werde, gibt es seitens des Staatspräsidenten János Áder bisher keine Stellungnahme. Weder zu Zsolt Bayer noch dazu, was er mit den mehreren Dutzend zurückgesandten Auszeichnungen zu tun gedenkt.
Konversation

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