Herr Seagon, Sie sind Insolvenzverwalter der deutschen BM Praktiker International GmbH. Wie war die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Ungarn?

Die Zusammenarbeit mit Herrn Keth und seinen Kolleginnen und Kollegen war sehr gut. Das hat maßgeblich zum schließlich erzielten Erfolg beigetragen. Wir haben die drei Geschäftsführer bei der Fortführung des Geschäftsbetriebs aktiv unterstützt und hierbei auch intensive Gespräche und Verhandlungen mit zahlreichen Lieferanten, Dienstleistern, Banken und Vermietern begleitet. Zudem habe ich als Verwalter einen strukturierten Investorenprozess eingeleitet, um so die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten – also sowohl für die Mitarbeiter in Ungarn als auch für die Gläubiger in Deutschland – zu finden. Mit dem Gesamtergebnis können wir alle zufrieden sein, denn der neue Investor hat alle 19 Standorte und alle 1.100 Beschäftigte übernommen.

Wer war im Zusammenspiel von Geschäftsführung in Ungarn und Insolvenzverwaltung der deutschen Holdinggesellschaft für was verantwortlich?

Es galt von Seiten des Insolvenzverwalters, das durch die Insolvenz in Deutschland gestörte Vertrauensverhältnis zu Lieferanten, Dienstleistern und Vermietern in Ungarn wieder aufzubauen, um so die Geschäftsführung bei der Stabilisierung des Geschäftsbetriebes zu unterstützen. Darüber hinaus mussten die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen gemeinsam mit der Geschäftsführung umgesetzt werden, um die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Verkauf der Gesellschaft zu schaffen und damit den Erhalt vieler Arbeitsplätze zu sichern. Das Unternehmen in Ungarn musste sich ja innerhalb kürzester Zeit nach der Insolvenz in Deutschland etwa von den Einkaufsstrukturen im Konzern befreien und eigene Lieferantenbeziehungen etablieren.

Nach dem Insolvenzantrag der Holding in Deutschland hat es 2,5 Jahre gedauert, bis Praktiker Ungarn verkauft wurde. Warum hat es so lange gedauert?

Zunächst hatten wir uns ja bereits vor mehr als einem Jahr mit einem Investor auf die Übernahme von Praktiker Ungarn geeinigt. Dieser hat dann aber völlig überraschend verschiedene Bedingungen nicht erfüllt, sodass ich vom Kaufvertrag zurückgetreten bin und erneut mit der Käufersuche begonnen habe. Dieser Prozess hat dann etwas länger gedauert, weil der neue Investor sich nicht nur mit mir, sondern parallel auch mit dem Hauptvermieter in Ungarn auf die Übernahme von 10 Immobilien einigen musste. Das war sehr komplex.

Praktiker in Deutschland gibt es nicht mehr, warum konnte Praktiker in Ungarn überleben?

Das Management in Ungarn unter der Führung von Herrn Keth gelang es durch hartes und sehr engagiertes Krisenmanagement in Abstimmung mit uns im Schatten der insolventen deutschen Holdinggesellschaft eine Folgeinsolvenz in Ungarn zu vermeiden. Außerdem waren die ungarischen Praktiker-Märkte näher an den Kundenbedürfnissen, indem man individuell und flexibel das Warensortiment auf den ungarischen Markt angepasst hat. Im Gegensatz zu Deutschland gab und gibt es nicht nur ein reines Baumarktsortiment, sondern bis hin zum Lifestyle-Markt nahezu alles, was der Kunde wünscht. In Ungarn geht dieses Konzept sehr gut auf. An anderer Stelle wäre es wohl gescheitert. Diese Strategie, sich stark auf den lokalen Kunden zu konzentrieren, traf übrigens nicht nur auf Praktiker in Ungarn zu, sondern auch auf die anderen sechs Auslandsgesellschaften. Auch dort haben wir mit dem lokalen Management viel bewegt und abgearbeitet, um gute Verkaufsvoraussetzungen zu schaffen. Wir konnten alle ausländischen Praktiker-Gesellschaften erfolgreich fortführen und an einen neuen Investor übertragen. Das bestätigt meine in vielen anderen Einzelhandelsfällen gewonnene Überzeugung: „every Retail Business stays local business“.

Wie sehen Sie nun die Chancen von Praktiker in Ungarn?

Ich sehe sehr gute Chancen. Praktiker hat in Ungarn exzellente Mitarbeiter und ein starkes Management. Hinzu kommt nun ein seriöser neuer Gesellschafter. Die Kunden in Ungarn haben außerdem gezeigt, dass sie Praktiker wollen, wenn man ihnen ein den lokalen Bedürfnissen entsprechendes Warensortiment bietet. Das sind alles gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft von Praktiker in Ungarn.
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