Der „Erdrutsch“ in den Kräfteverhältnissen geschah gewissermaßen aus heiterem Himmel. GE Hungary zog von Platz 3 kommend nicht nur an der Audi Hungaria, sondern gleich noch an MOL vorbei – dabei hatte der ungarische Mineralölkonzern den Spitzenplatz in der nach den Umsatzerlösen zusammengestellten Topliste eigentlich auf ewig gepachtet. Es handelt sich jedoch nur um einen einmaligen Effekt, so dass die Position der Amerikaner in Ungarn erst nach dem laufenden Geschäftsjahr 2016 mit den Basisdaten von 2014 sinnvoll verglichen werden kann. Die GE Infrastructure CEE Holding Kft. steigerte ihre Umsätze um spektakuläre 180 Prozent auf 4.503 Mrd. Forint (14,5 Mrd. Euro), wozu der Figyelő ironisch anmerkte, hier sei „nicht die Rede davon, dass nun plötzlich Turbinenkomponenten für sämtliche Kraftwerke der Welt aus Veresegyháza geliefert worden wären“.

Einmal-Effekt schoss GE an die Spitze

Im Rahmen einer Serie von Transaktionen, die mit dem Erwerb der Energiesparte des französischen Alstom-Konzerns durch GE verbunden waren, wies der amerikanische Konzern nämlich Umsatzerlöse in Höhe von 2.360 Mrd. Forint in Ungarn aus. Diese Summe ist also nicht dem angestammten hiesigen Geschäft mit Glühbirnen und Turbinen entsprungen, sondern einem Trick der Buchhaltung. Besonders verblüffend ist das in diesem Zusammenhang abgerechnete außerordentliche Ergebnis von 1.860 Mrd. Forint, also glatt sechs Milliarden Euro. Das ist ungefähr dreimal so viel Geld, wie die zehn ertragsreichsten Großunternehmen in Ungarn zusammen an versteuerten Gewinnen ausweisen konnten!

Die mutmaßliche Steueroptimierung ging so weit, dass die Orbán-Regierung eigens eine neuartige Konstruktion des Steueraufschubs bei plötzlich generierten hohen Gewinnen einführte. Zu dieser Konstruktion merkte das Institut für eine verantwortliche Haushaltsplanung (KFIB) an, sie erinnere an die unsäglichen Praktiken Luxemburgs, das über Jahrzehnte multinationale Unternehmen mit niedrigen Steuersätzen dazu verleitete, ihre Gewinne in dem Kleinstaat zu deklarieren, der reichlich davon profitierte. Budapest würde demnach Probleme bekommen, wenn hinter den ausgewiesenen Steuereinnahmen keine wirklichen wirtschaftlichen Aktivitäten stehen sollten.

Drei Automobilwerke unter den ersten Zehn

Doch das soll nicht unser Problem sein: GE hätte ohne die Alstom-Transaktion real „nur“ 2.143 Mrd. Forint Umsätze in Ungarn ausweisen können und wäre damit weit hinter Audi Hungaria auf dem gewohnten 3. Platz der Topliste gelandet – mit gut der Hälfte der vom Krösus MOL erzielten Umsatzerlöse. Der 1. Platz wäre aber auch allen Buchhaltertricks zum Trotz nicht zustande gekommen, hätten sich im vergangenen Jahr nicht noch die Ölpreisnotierungen halbiert. Der Durchschnittspreis für das Barrel Rohöl fiel von 99 auf 52 Dollar, woraufhin MOL ein Sechstel der Umsätze abhandenkam. Diese für die Aktionäre großartige Leistung verdankte der Mineralölkonzern einem „einmaligen Umfeld hinsichtlich der Handelsspannen“, wie es im Konzernabschluss der börsennotierten Gesellschaft geflissentlich hieß. Im Klartext erhöhte das Quasimonopol am heimischen Tankstellenmarkt ganz einfach die Margen: Das meistverkaufte Superbenzin (mit 95 Oktan) wurde an den ungarischen Tanksäulen nur um zwölf Prozent billiger, der Durchschnittspreis sank von 408 Forint je Liter in 2014 auf 358 Forint im Vorjahr.

Mit solchen Tricks können Automobilhersteller nicht operieren: Dass Audi, Mercedes und Suzuki unter den größten Unternehmen des Landes die prägnantesten Umsatzzuwächse verzeichnen konnten, hatten sie überwiegend der intensivierten Schlagzahl in der Fertigung zu verdanken. Die Audi Hungaria Motor Kft. in Győr als nunmehr drittgrößtes Unternehmen in Ungarn erzielte dank Rekorden in der Motoren- ebenso wie in der Automobilproduktion (mit gut zwei Millionen versus 160.000 Einheiten) ein Umsatzplus von zwölf Prozent auf 2.611 Mrd. Forint (8,4 Mrd. Euro). Die Mercedes-Benz Manufacturing Hungary Kft. in Kecskemét konnte dank 185.000 Kompaktwagen für den Weltmarkt ein Fünftel mehr Umsätze erzielen und festigte mit 1.065 Mrd. Forint (3,4 Mrd. Euro) den 5. Platz. Für die Magyar Suzuki Zrt. bedeutete ein Umsatzsprung von 28 Prozent auf 619 Mrd. Forint (2 Mrd. Euro) die Rückkehr in die TOP10.

Ungarn in der Minderheit

Dort findet sich wie im Vorjahr die staatliche Energieholding MVM, die nach der Übernahme der E.ON-Gassparte 2014 im Vorjahr keine neuen Akquisitionen zu verzeichnen hatte und sich daher mit sechs Prozent mehr Umsatz bescheiden musste. Auf Platz 6 steht wenigstens beim Figyelő die Bosch-Gruppe; in der HVG-Topliste rückten die einzeln ausgewiesenen Gesellschaften Robert Bosch Elektronika Kft. in Hatvan und die Robert Bosch Energy and Body Systems Kft. in Miskolc mit zweistelligen Umsatzsteigerungen auf die Plätze 12 und 27 vor. Neben diesen beiden steuerten ein halbes Dutzend weitere Betriebsstätten in Budapest und Eger ein knappes Drittel zum Gruppenumsatz in Ungarn bei. Konsolidiert brachte dies dem deutschen Mischkonzern somit einen Platz unter den größten zehn Unternehmen des Landes ein.

Die Plätze 7, 8 und 10 in der TOP10 werden durch zwei Unternehmen der Elektronikbranche und die DT-Tochtergesellschaft Magyar Telekom, neben MOL ein weiterer Blue Chip der Budapester Wertpapierbörse, besetzt. Im Spitzenfeld der hiesigen Unternehmenslandschaft dominieren weiterhin die Tochtergesellschaften deutscher, US- und asiatischer Großkonzerne. Aus einheimischer Sicht ist neben dem Mineralölkonzern und der staatlichen Energieholding die Billigfluggesellschaft Wizz Air auf vordere Plätze geflogen, deren Umsätze sich um ein Viertel auf 494 Mrd. Forint mauserten. Euro-Umsatzmilliardäre (also mit 310 Mrd. Forint und mehr) mit ungarischem Kapital sind des Weiteren das Chemieunternehmen MOL Petrolkémia (einst TVK), der Energiehändler Panrusgáz, der Pharmakonzern Richter Gedeon und die staatliche Glücksspielgesellschaft – nur sechs der TOP20-Unternehmen können mehr oder weniger als einheimische Gesellschaften bezeichnet werden.

Deutscher Sprachraum dominiert

Aus Sicht der Orbán-Regierung, die sich die Stärkung der ungarischen Kapitalisten auf die Fahnen geschrieben hat, noch ernüchternder fällt die Zusammensetzung der TOP50 aus. Zwischen den Positionen 21 und 50 tummeln sich nämlich zuhauf internationale Namen in Branchen wie der Pharmaindustrie (Sanofi-Aventis, Teva), dem Handel (Tesco, Auchan, Shell), der Gummiindustrie (Michelin, Hankook), der Elektronikindustrie (PCE Paragon, Jabil) und natürlich der Automobilzuliefererindustrie (Lear, Delphi, Denso). In dem breiten „Mittelfeld“ mit Umsatzerlösen zwischen 600 Mio. Euro und 1,5 Mrd. Euro dominieren jedoch Gesellschaften aus dem deutschen Sprachraum, von denen wir ein Dutzend zusammenzählten. Angefangen bei der E.ON Hungária, die seit dem Verkauf der Gassparte nicht mehr in die TOP10 passt, spannt sich der Bogen über die Handelskonzerne Spar, Lidl, OMV, Porsche Hungaria, PhoenixPharma (Merckle-Unternehmensgruppe), Opel Southeast und Penny-Market bis zu den Automobilzulieferern Continental, HarmanBecker, LuK Savaria und wieder einem Unternehmen des Energiesektors, der Elmű Nyrt. auf Platz 47.

Neben den Umsatzerlösen interessierten sich die Wirtschaftsmagazine natürlich auch für andere wichtige Kennziffern der Großunternehmen. So wirtschaften Audi Hungaria, Wizz Air und Magyar Telekom besonders rentabel, weisen die größten Gesellschaften des Landes in der Regel auch die dickste Eigenkapitaldecke auf (mit der einzigen Ausnahme Mercedes-Benz Kecskemét), sind Audi, Mercedes und Bosch neben MOL und GE wenig überraschend die größten Exporteure. Einzig in der Rangliste der größten Arbeitgeber mischen die Staatsbetriebe Post und Eisenbahn ganz vorne mit; selbst die Budapester Verkehrsbetriebe können Audi hier noch den Rang ablaufen.

Figyelő hat sich gesondert die zwanzig Unternehmen mit den meisten Arbeitnehmern angeschaut. Dort legte die Produktivität gegenüber 2015 im vergangenen Jahr um durchschnittlich 9,6 Prozent zu – für die gesamte ungarische Volkswirtschaft betrachtet stagniert die Produktivität eher. Die Wertschöpfung je Mitarbeiter belief sich in besagtem Unternehmenskreis 2015 auf 12,89 Mio. Forint (41.600 Euro). Dieser mehrfach über dem Landesdurchschnitt angesiedelte Wert ist natürlich in der Hauptsache mit der Massenfertigung zu erklären.

TOP 10 nach den Nettoumsatzerlösen

(Angaben für 2015, in Mrd. Forint)


  1. GE Holding Kft.* 4.502,7
  2. MOL Nyrt.* 4.102,6
  3. Audi Hungaria Motor Kft. 2.610,7
  4. MVM Zrt.* 1.266,5
  5. Mercedes-Benz Manufacturing Hungary Kft. 1.064,9
  6. Bosch-Gruppe* 995,1
  7. Samsung Electronics Magyar Zrt. 758,6
  8. Magyar Telekom Nyrt.* 656,3
  9. Magyar Suzuki Zrt. 618,6
  10. Flextronics International Kft. 510,0


* Konsolidierte Angaben
Quelle: Figyelő-Bisnode


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