Von frenetischem Beifall empfangen betrat Viktor Orbán in Tusnádfürdő die Bühne, um sogleich gegen Brüssel und „den Brüssel-Sprech, den niemand außer der Sprecher dort versteht“ zu wettern: „Ich werde sagen, was ich über die europäische Situation denke und ich werde es so tun, dass mich auch jeder versteht.“ Die Hauptthemen stellte er sogleich vor: die Anschläge in München und Nizza, Brexit und Donald Trump.

Endorsement für Trump möglicherweise nur „rausgerutscht“

Wörtliche sagte Orbán zum Thema Trump: „Ich gehöre nicht zum Kampagnenstab von Donald Trump. Ich hätte nie gedacht, dass in mir jemals der Gedanke entstehen könnte, dass von den sich eröffnenden Möglichkeiten letztlich doch er besser für Europa und Ungarn wäre. Ich hätte das nie gedacht, die Lage ist aber, dass ich mir diesen Kandidaten angehört habe, und ich Ihnen sagen muss, er hat drei Vorschläge zum Bremsen des Terrorismus gemacht. Ich als Europäer hätte es kaum besser formulieren können, was Europa braucht.“ Diese, praktisch einem Bekenntnis zum republikanischen Spitzenkandidaten Trump gleichkommende Äußerung könnte sich möglicherweise noch als schwerer Fehlgriff erweisen.

Noch ist nicht klar, warum sich der ungarische Premier als erster und einziger Regierungschef offen zu einem Kandidaten bekennt, noch dazu zu einem, der auch innerhalb seiner Partei umstritten ist. Das Rätselraten nach der Intention hinter dieser Äußerung beherrscht seitdem die Analysten und Beobachter. Mittlerweile scheint sich jedoch die Meinung durchzusetzen, Orbán habe sich schlicht etwas vergaloppiert. Und tatsächlich, betrachtet man das Video der Rede, sieht man deutlich, dass der Premier, während der Trump-Passage, in seinem Redemanuskript blättert und etwa sucht. Mit seinem Exkurs zum republikanischen Kandidaten wollte er also möglicherweise nur ein Stocken seines Redeflusses verhindern.

„Die EU lügt sich etwas vor“

Auch zu den aktuellen Geschehnissen in Deutschland äußerte sich der Premier. Denn obwohl „die Deutschen in den vergangenen 1.000 Jahren öfter eine Gefahr“ für Ungarn darstellten, ist das deutsche Volk doch ein überlegtes Volk“. Deutschland war für Ungarn bisher der westliche Garant für Sicherheit. Dieser Status sei nun mit den Geschehnissen der vergangenen Tage dahin, so Orbán.

Und auch weltpolitisch hätten sich die Machtverhältnisse verändert. „Die EU lügt sich etwas vor“, denn der europäische Staatenbund sei von einem globalen zu einem regionalen Akteur geschrumpft. Heute würden die USA und Russland das politische Weltgeschehen bestimmen. Trotzdem seien die Ungarn immer auch Europäer gewesen, anders als die Briten, die sich ihres Europäer-Seins nie wirklich sicher waren und so eben für den Brexit stimmten.

Schluss mit der „Entnationalisierung“

Doch die Kritik an der EU ging noch weiter: Es müsse endlich Schluss sein mit der „Entnationalisierung“: „Es gibt Dinge, gegen die kann Brüssel nichts ausrichten, wir aber schon.“ Der ungarische Premier ist sich sicher, mit seinem Handeln auf dem richtigen Weg zu sein, schließlich zeige das Beispiel der Migrationskrise, dass – seit Ungarn hier seine eigenen Regeln verfolge –, das Land mit der Krise besser umgehen kann.

Generell sei es wichtig, nicht über „offensichtliche Tatsachen, sondern die daraus zu ziehenden Lehren zu diskutieren“. Dies sei eines der größten Probleme der EU, das auch die Entscheidungsfindung verlangsame. Insbesondere in der Migrationsfrage sei dies schwierig: „Ich weiß nicht, ob die EU die Migration verlangsamen oder aufhalten will. Dabei sitze ich jede Woche dort.“

Für Viktor Orbán steht fest: „Die politische Führung Europas ist gescheitert“. Sogleich zieht er eine Grenze zwischen altem und neuem Europa, wobei Budapest das Herz des neuen Europas sei. Denn hier könnte der europäische Traum noch verwirklicht werden, junge Ungarn könnten sich sicher sein, dass wenn sie nur lernen und arbeiten, sie erfolgreicher sein werden als ihre Eltern. „Andernorts ist das nicht sicher.“ Ungarn sei – und damit schloss der Premier – ein „sicherer Hafen in einer unsicheren Welt“.

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