Bis heute ist der Turm von Babel ein Symbol für menschlichen Größenwahn, für das Streben über alle Grenzen hinaus, für die Verführung, die bei den Menschen immer darin besteht, dass sie glauben, alles zu können. Die Künstler Mátyas Boros und Gábor Kerekes haben das geschichtsträchtige Bauwerk zum Anlass genommen, ihre ganz eigene Version des biblischen Baus zu kreieren. Beide Bauwerke sind nicht nur dadurch verbunden, dass die Menschen schon immer die Begierde hatten, das Unmögliche möglich zu machen, sondern auch dadurch, diese Vorhaben von außen zu hinterfragen. Die Künstler sind der Meinung, dass die Menschheit ihren eigenen Turm von Babel ganz heimlich errichtet hätte. „Dieser besteht aus einem Überfluss an Informationen und der ständigen Verfügbarkeit von Massenprodukten, die immer und jederzeit zu haben sind“, beschreiben die beiden ihre Beobachtungen. Mátyas Boros arbeitete bei dem Kunstwerk mit experimentellen und grafischen Elementen verschiedener Techniken, während Gábor Kerekes alte Zeitungsartikel zu Collagen formte. Beide Künstler griffen größtenteils zu Papier, um den dreidimensionalen Turm zu errichten, den die Besucher des Turms in der St.-Stephans-Basilika nun anschauen können. Mehrere Jahre arbeiteten Boros und Kerekes an dem Werk, meistens getrennt voneinander.

Momentaufnahme des heutigen Chaos

Boros wurde 1979 in Budapest geboren und ist ausgebildeter Grafikdesigner. Doch immer wieder widmet er sich dreidimensionalen Kunstwerken, die die Gesellschaft kritisch beleuchten sollen. Dafür mixt er analoge mit digitalen Elementen. Für ein früheres Kunstwerk mit dem Titel „Unifinishable“ nutzte er beispielsweise die sozialen Medien und fragte dort im Freundeskreis nach Porträtfotos. Aus den zugeschickten Bildern baute er einen Turm aus Gesichtern.

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Ladenfronten, Kaffee trinkende Gäste und bunte Reklamen. Bei dem Turm lohnt sich das genaue Hinschauen, um die ganzen Details zu entdecken.

„Eine Person steht hier für ein Teil des Ganzen“, so der Künstler. Die Gesichter, die wie Ziegelsteine des Turmes wirken, suggerieren, dass sie sich unterhalten, ohne, dass sie es wirklich tun. Eine Kritik an der jetzigen Generation und „eine Momentaufnahme des heutigen verbalen Chaos“, so Boros weiter. Gábor Kerekes wurde 1975 in Budapest geboren und hat es sich in seiner künstlerischen Laufbahn zur Aufgabe gemacht, mit Recyclingmaterialien seinen Kunstwerken Ausdruck zu verleihen. „Nachhaltigkeit ist eine wichtige Methode zum Überleben und gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, den ganzen Müll sinnvoll loszuwerden“, so Kerekes. Für seine Werke benutzt er oft alte Zeitungen, die auch bei seiner ersten großen Ausstellung, einer Installation, benutzt wurden. „Bábel“ hieß sie und wurde 2011 in der Viltin Gallery erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Dort wurde ein Turm im Bauprozess ausgestellt, um auf die Fehler aufmerksam zu machen, die die Gesellschaft immer und immer wieder mache.

Eine gewaltige Papierkonstruktion

Der „planetbabel“ in der Basilika ist jedoch fertiggestellt. Die gewaltige Papierkonstruktion zeigt sich bunt, hoch und vielfältig. Man weiß eigentlich nicht genau, wo man wirklich hinschauen soll. Und das ist von den Künstlern durchaus gewollt. „Unsere Gegenwart ist das Zeitalter des Unverständnisses“, so die Künstler. Der Turm solle den Moment vor der Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb der Gesellschaft festhalten. Dass auch die Verständigung eine Thematik ist, die die Künstler ansprechen wollen, wird bei näherer Betrachtung deutlich: Um den Turm ist ein mehrsprachiges Graffiti angebracht, außerdem lassen sich einige Zeitungsartikel, die für das Werk verwendet wurden, tatsächlich lesen. Sie erzählen unter anderem die Geschichte von Babel.

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Der Turm überzeugt durch seine Vielfalt. Jeden Zentimeter gilt es genau zu untersuchen.

Aber warum steht dieses Kunstwerk ausgerechnet in der Basilika? Auch hier wollten die Künstler nichts dem Zufall überlassen. Denn der Ausstellungsort ist Teil des Konzeptes. Die Halle der Krieger, in der der Turm ausgestellt ist, befindet sich direkt neben der Kuppel. Über den Kuppelraum gelangen Touristen zur Aussichtsplattform. „Es ist eine Art Übergangsraum, der eine Grenze zwischen dem Weltlichen und dem Heiligen darstellt“, so die Künstler. Am Kunstwerk selbst scheint es keine Grenzen zu geben. Hier vermischt sich bunt mit trist, schön mit unschön und geordnet mit chaotisch. Ob das der heutigen Gesellschaft gerecht wird? Bis zum 18. September kann man auf diese Frage eventuell eine Antwort finden. Denn bis dahin wird der Turm von Babel mit all seinen interessanten Interpretationsansätzen noch ausgestellt.

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