Imre Makovecz (1935 - 2011) war ein internationaler und preisgekrönter Kunstschaffender der wohl aufregendsten Architekturströmung: der organischen Architektur. Das Aufkommen neuer technischer Möglichkeiten bildete für viele Architekten Ende des 19. Jahrhunderts den Anlass, sich auf die Suche nach einem neuen Stil als Ausdruck ihrer Zeit zu machen. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Strömung weiter – jedes einzelne Werk mutet dabei auf den ersten Blick so abstrakt an, dass sie kaum miteinander vergleichbar zu sein scheinen. Doch was sie eint, ist die Weltanschauung und Denkart ihrer Erschaffer. Sie suchten nach der Metanatur der Gesellschaft und der Welt. „Die organische Architektur ist die Baukunst der Freiheit. Als Modell dient die Natur. Die Aufgabe der organischen Weltanschauung besteht darin, dass sie mit Beispiel vorangeht, wie man in dieser automatisierten Welt die Menschenwürde, das Heiligtum der Familie, Freundschaft, Kinder, Alten und der Nation finden kann”, meinte Imre Makovecz.

Das Chamäleon der Architektur

Pioniere wie Frank Lloyd Wright, Antoni Gaudí oder Rudolf Steiner orientierten sich an Gesetzmäßigkeiten der lebendigen Natur. Hierbei geht es um eine scheinbar natürliche Einfügung in die Umgebung; Formen der Natur werden nicht direkt nachgeahmt, sie werden in Gebäude transformiert. Ein besonders schönes Beispiel ist das Stephaneum (1995) in Piliscsaba von Imre Makovecz. Die Forderung an den Architekten: Ein Gotteshaus entwerfen, das nicht mit der Landschaft in Kontrast steht. Hierfür verwendete Makovecz unter anderem auch seine meistbenutzen Grundstoffe: Backstein, Ziegel und Holz. Er war überzeugt davon, dass Holz vielleicht nicht so dauerhaft ist wie Stein, der Jahrtausende überleben kann. Doch Holz vermodert – es lebt sichtbar. „Ich glaube, in solch einer apokalyptischen Zeit ist es wichtiger, dass das Material, im Gegensatz zu toter Materie, aus lebendiger Substanz besteht.”

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Für Imre Makovecz waren Gebäude keine leeren Hülsen, um in ihnen zu hausen und zu arbeiten. Für ihn waren es Teile der Gesellschaft, die zu Trägern von Botschaften werden konnten.

Mit dem Ende der 1920er Jahre scheint diese neuartige Architekturströmung zunächst stehengeblieben zu sein – nicht zuletzt auch durch die wirtschaftliche Rezession in Europa und den darauf folgenden Weltkriegsjahren, die allgemein für einen Rückgang im Bauwesen sorgten.

Der Zweck, der Mensch und das Gebäude

In den 50er und 60er Jahren erlebte die organische Architektur dann aber eine überraschende Wiedergeburt; vor allem Vertreter des Funktionalismus bewirkten diesen Durchbruch. Sie waren überzeugt, dass Bauwerke nicht nur Ausdruck von Gesellschaft und Kultur sind, sondern sie auch umgekehrt Einfluss auf das Leben und die Psyche des Menschen nehmen können.

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Das Stephaneum (1995) in Piliscsaba fügt sich durch seinen organischen Stil in die hügelige Landschaft ein.

Auch der Budapester Makovecz war Teil dieser organischen Strömung ab den späten 50ern. Weltbekannt wurde er durch seine Holzbauten, deren berühmteste wohl die Kapelle des Farkasrét-Friedhofs in Budapest und der Skilift in Dobogókö sind.

Der kommunistischen Ideologie und der fast bedrohlichen Uniformität der Monumente wollte er mit der weichen organischen Architektur entgegenwirken. Er war ebenfalls aktiv an der Revolution 1956 beteiligt, was zur Folge hatte, dass er von seinem Studium der Technischen Universität suspendiert wurde, und für einige Zeit Budapest verließ. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, noch im selben Jahr seinen ersten Job in Buváti anzunehmen.

Dem Gebäude eine Seele schenken

In den kommenden Jahren entstanden diverse Gebäude wie die Aufbahrungshalle des Budapester Friedhofs Farkasrét (1975). „Ich wollte einen Raum gestalten, der an menschliche Rippen erinnert. Die ‚Rippen‘ der Kapelle wurden aus Laubholz geschnitzt. Der Sarg wird hier an einer Stelle platziert, an der anatomisch das Herz liegen würde.” Makovecz verleiht dem Gebäude auf sehr intime Weise so eine sanfte Transformation zur Menschlichkeit. Der Zweck spiegelt sich optisch in den Räumlichkeiten wider. Die organische Architektur lässt es zu, dass sich Gebäude durch ihre optische Präsenz zurücknehmen und ihrem Sinn unterordnen. Die Mauern sind bei ihm nicht mehr nur bloße Hülle, sondern selbst Teil des Geschehens.

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Mit der Wende 1989 änderte sich dann aber auch der Hintergrund seines künstlerischen Bestrebens. Er sah nun seine Aufgabe vor allem darin, einen sozialen Kommentar in Hinsicht auf Globalisierung und kulturellen Begegnungen zu schaffen. Der Architekt kritisierte: „Unser heutiges Problem ist, dass zwischen unserem Alltagsleben und der Erde ein Riss herrscht, der unsere Feste; unser Leben auseinanderreißt. Wir zersplittern uns und unsere Werte.”

Der Fokus liegt fortan mehr auf der Funktion des Gebäudes und der Menschen als auf der Kommunikation von Bauwerk und Umgebung. Daneben bekamen die Materialien einen immer größeren Stellenwert. Themen wie ökologisches Bauen, Gesundheit, Nutzerbeteiligung und kulturelle Identität wurden nun mit den Grundthemen der organischen Architektur in Dialog gesetzt.

In seiner Zeit als Architekt erbaute Makovecz Restaurants, Urlaubshäuser, Bahnhöfe und Kirchen – eingrenzen ließ er sich also auch hier nie. Im Vordergrund stand aber stets der Gedanke hinter der Architektur: Seine Werke bezeichnete er selbst als Gebäudewesen. Bis 2010 arbeitete er täglich in seinem Budapester Studio; erst ein Jahr vor seinem Tod setzte er sich zur Ruhe – auch, um sich der Ungarischen Kunstakademie zu widmen. Imre Makovecz war Ehrenmitglied des Royal Institute of British Architects und erwarb 1997 die Goldmedaille der Académie d'Architecture.

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