Nicht einmal die derbe Niederlage gegen die Belgier im Achtelfinale der EM konnte die gute Stimmung erschüttern, schließlich bleiben die positiven Erinnerungen: Geras Treffer gegen die Portugiesen wurde von den Fans zum schönsten Tor der EM gekürt, Király landete in der Topliste der Torhüter mit den meisten Paraden, drei Tore gegen den späteren Europameister Portugal konnte auch kein anderes Team erzielen… Vor der Endrunde existierte die ungarische Mannschaft im europäischen Fußball mit Ausnahme des Kapitäns mit dem unaussprechbaren Namen und von zwei Bundesliga-Profis so gut wie nicht, zwischen dem 14. und dem 26. Juni spielte sich ein gutes Dutzend beherzt agierender ungarischer Kicker in die Herzen vieler Fußballfans. Das öffnet die internationalen Transferlisten für die größten Talente.

Ablösen von 1-2 Millionen Euro sind selten

Bislang gilt Mannschaftskapitän Balázs Dzsudzsák als bestbezahlter ungarischer Fußballprofi, sein Marktwert schwankt um 10 Mio. Euro, dabei hat er in keiner Topliga mitgespielt und gilt beim türkischen Klub Bursaspor auch nicht als erste Wahl. Der aus hiesiger Sicht wohl größte Gewinner der EM-Endrunde dürfte der erst 21-jährige Ádám Nagy sein, den sich der italienische Erstligaklub FC Bologna vom ungarischen Meister Ferencváros (FTC) für 1,5 Mio. Euro holte. Erst in der abgelaufenen Saison arbeitete sich Nagy aus der U19-Nachwuchsmannschaft kommend über die zweite Mannschaft von Ferencváros in die Erstligamannschaft des deutschen Trainers Thomas Doll vor, der den Mittelfeldspieler als Spielgestalter in das Team einbaute, das souverän Meistertitel und Pokal gewinnen konnte.

In diesem Sommer scheint Nagy den Knüller am Transfermarkt ungarischer Fußballspieler darzustellen, dabei wird seine Ablöse durch jene 2,2 Mio. Euro überboten, die der US Palermo im Januar für den damals noch nicht einmal 20-jährigen Norbert Balogh zahlte. Der Mittelstürmer vom Debrecener Klub DVSC erzielte bei insgesamt vierzehn Einsätzen in Ungarns Nachwuchs-Nationalmannschaften (U18-U21) ein Tor; auf Sizilien sieht man in ihm bereits den neuen Cavani. Bei der im Herbst beginnenden WM-Qualifikation bekommen wir ihn ja vielleicht auch einmal in Ungarns Nationalmannschaft zu sehen.

Mit Geld wird in Ungarns Fußball also nicht eben gewuchert, zumindest was die Transferzahlungen für die Spitzenspieler betrifft. Ein wenig besser fahren die hiesigen Klubs mit Legionären, die sie nach einer Weile wieder ins Ausland verkaufen. So erhielt der Újpester Klub UTE 1,9 Mio. Euro für Diagne, einen Senegalesen, der ursprünglich von Juventus Turin kam und aus Ungarn nun nach China geht. Der FTC gewann den Meistertitel ohne „Superstar“ Somália, für den Toulouse im vorigen Sommer 2,4 Mio. Euro hinblätterte.

Die Rechnung geht einfach nicht auf

Das sind aber weiterhin seltene Transaktionen in hiesigen Gefilden, wo einzig die absoluten Spitzenklubs (neben Ferencváros am ehesten noch Videoton) mit Budgets in der Größenordnung von 10 Mio. Euro kalkulieren. Die übrigen Klubs setzen nur einige wenige Millionen Euro um, wobei es an der Tagesordnung ist, dass sich das Budget im einen Jahr halbiert, im nächsten Jahr wieder verdoppelt. Kostendeckend wirtschaften können dabei die wenigsten Fußballklubs. Die Rechnung geht einfach nicht auf, wenn man einmal die wichtigsten Positionen gegenüberstellt. Das Gesamtpersonal eines ungarischen Klubs beläuft sich leicht auf 100 Personen, bei einem Spielerstamm von 25 Profis. Die Gagen der besten Spieler erreichen in Ausnahmefällen 20.000 Euro im Monat; die Lohnkosten beschränken sich jedoch über alle Mitarbeiter hinweg im Schnitt auf etwa 30.-50.000 Euro im Jahr.

Der ungarische Fußballverband MLSZ bemüht sich darum, die Finanzierungsdecke der Klubs über die TV-Übertragungsrechte zu stabilisieren. Nahm der Verband 2012 noch 1,7 Mrd. Forint (gut 5 Mio. Euro) aus den TV-Rechten ein, verdoppelte sich dieser Betrag ab 2013, weil den Sendern ein lukrativeres Paket offeriert werden konnte und sie Exklusivrechte für vier Jahre erhielten. An die Klubs gab der MLSZ durchschnittlich 150 Mio. Forint (knapp 500.000 Euro) jährlich pro Klub weiter. Indem die Erste Liga im Vorjahr von sechzehn auf zwölf Mannschaften reduziert wurde, kassierten die verbliebenen Klubs logischerweise mehr Geld.

Im Schnitt decken die TV-Rechte also ungefähr ein Viertel der Aufwendungen der Klubs ab. Rund ums Stadion generieren die Klubs derweil nur ein Zehntel der Gesamteinnahmen. Die Zuschauerzahlen haben sich in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr sonderlich über durchschnittlich 2.000 Personen bewegt. Vor fünf Jahren waren eher noch 4.-5.000 Zuschauer typisch – die Professionalisierung der Fernsehangebote ließ viele Fans jedoch den bequemeren (und nicht zuletzt preisgünstigeren) Weg wählen, die sich seither lange Fußballwochenenden vor der Röhre gönnen. Im Geschäftsmodell der Klubs könnten die Zuteilungen des Verbandes aus den Übertragungsrechten also durchaus als Entschädigungszahlung betrachtet werden, weil ihnen die Zuschauer im Stadion wegbleiben.

Milliardäre finanzierten Milliardenverluste

Weil im ungarischen Fußball nur eine einzige wahre „Marke“ existiert, nämlich die von „Fradi“, also dem Fußballklub Ferencváros, ist es auch um das Merchandising nicht gerade gut bestellt. Einnahmen aus dem Verkauf von Fanartikeln und Souvenirs weist die Mehrheit der Klubs erst gar nicht aus, bei Fradi können diese immerhin mit den Ticketeinnahmen konkurrieren. Experten verweisen auf die typisch ungarische Erscheinung, wonach die VIP-Plätze häufig lieber verschenkt werden, statt sie zu horrenden Preisen an die Gönner des Klubs zu vermieten.

Unterm Strich bleiben (zumindest in Forint ausgedrückt) Milliardenverluste, die von den Milliardären des Landes gedeckt werden. Dazu muss man wissen, dass der Fußball gewissen Geschäftsleuten als Medium dient, spätestens seit der fußballvernarrte Viktor Orbán Ministerpräsident dieses Landes ist. Doch nicht alle wollen das Verlustgeschäft aus der eigenen Tasche bezahlen – der Quaestor-Brokerskandal vom vorigen Jahr öffnete so manche Augen. Der Eigentümer des Fußballklubs ETO Győr, Csaba Tarsoly, hatte sein Vorzeigeprojekt mit privat erbautem Stadion nebst Hotel und Einkaufszentrum jahrelang über Anleihen finanziert, die seine Quaestor-Gruppe dank üppiger Ertragszusagen mühelos unter die Kleinanleger streuen konnte.

Als die Finanzmarktaufsicht die Sache hochgehen ließ, waren Anleihen im Gesamtwert von 210 Mrd. Forint (670 Mio. Euro!) im Umlauf, unter denen die Aufsicht ein Volumen von 150 Mrd. Forint als fiktiv einstufte. Wer mit solchen Summen jongliert, den kann der Verlust von einer Milliarde im Jahr natürlich nicht erschüttern. ETO Győr hingegen schon – die Mannschaft hatte gerade erst einen Meistertitel geholt und wurde nun in die dritte Liga verbannt. Auf weniger großem Fuß lebten die Klubs in Pécs und Pápa, doch mit dem Verkauf von Büchern und im Leasinggeschäft – die wichtigste Einnahmequelle der beiden Club-Besitzer – ließen sich zuletzt auch nicht mehr solche Brötchen backen, mit denen gleich noch ein Erstligaklub durchgefüttert werden kann.

Saisonauftakt mit 16.000 Zuschauern

Unter Verbandspräsident Sándor Csányi wurde die Liga wie erwähnt gesundgeschrumpft, um dem Prinzip Klasse statt Masse gerecht zu werden. Die neue Saison begann obendrein mit der erfolgreich absolvierten Europameisterschaft im Rücken. Doch dann kamen weniger Zuschauer zum Auftakt in die Stadien als 1986 – damals hatte sich Ungarn gerade beim letzten WM-Auftritt bis auf die Knochen blamiert. Dennoch wollten vor dreißig Jahren nahezu 10.000 Zuschauer pro Spiel beim Meisterschaftsauftakt im Stadion dabei sein, am vergangenen Wochenende wurden im Schnitt ganze 2.700 Zuschauer gezählt.

Dabei spielte Titelverteidiger Ferencváros zum Saisonauftakt in der heimischen Groupama-Arena, die mit 5.600 Zuschauern zu einem Viertel gefüllt war. Das war bereits das höchste der Gefühle, denn in Debrecen waren es schon weniger als 3.000 Zuschauer, beim Duell der Neulinge Mezőkövesd-Gyirmót sowie beim Budapest-Derby zwischen Újpest und Honvéd jeweils nur 2.500 Zuschauer. Das erste Videoton-Match in der luxuriösen Pancho-Arena in Orbáns Heimatort Felcsút schauten sich 2.000 Zuschauer an, ins Ersatzstadion von MTK (die Budapester Arena des Klubs wird ähnlich wie das Újpester Stadion gerade modernisiert) verirrten sich 638 (!) zahlende Gäste.

An den sechs Spielorten feuerten somit insgesamt 16.248 Zuschauer die zwölf Erstligateams an, ernüchternd wenig, nachdem Erfolgstrainer Pál Dárdai an eine Fortsetzung des Sommermärchens glaubte: „Die Stadien sollten sich den Fans öffnen, denn die Leute wollen nach dieser EM Fußball live erleben. Das ist eine einmalige Chance.“ Debrecen kam dieser Bitte nach und verkündete kürzlich „Eintritt frei!“ für das Europaliga-Heimspiel gegen La Fiorita aus San Marino, und mehr als 10.000 kamen. In der 2. Ausscheidungsrunde gegen Torpedo Schodsina waren es noch 6.000 Zuschauer, welche Zahl sich zum Meisterschaftsauftakt nochmals halbierte.

Stadien für eine gesunde Nation

Die Landesliga ist halt doch etwas anderes als die Nationalmannschaft. Deren Spiele zur EM-Qualifikation waren überwiegend ausverkauft, in Stadien mit mehr als 20.000 Zuschauerplätzen keine schlechte Leistung. Ab dem Herbst tritt das auf den 19. Platz der FIFA-Rangliste vorgerückte Ungarn in der WM-Qualifikation unter anderem gegen den Tabellennachbarn Schweiz (Platz 18) und Europameister Portugal an – keine Frage, dass sich die Fans um die Tickets reißen werden. Sonst bietet sich aber ein anderes Bild. Bisher ist es noch nicht gelungen, die in Frankreich überschäumende Stimmung auf die Klubebene zu übertragen. So aber bestimmen in den Stadien im Punktspielalltag weiterhin eher leere Stuhlreihen das Bild.

Dabei hat die Orbán-Regierung bis 2020 einen gigantischen Entwicklungsplan aufgelegt, der insgesamt locker 1 Mrd. Euro in neue und rekonstruierte Stadien spülen wird. Die ersten Prachtstücke des Programms sind die Groupama-Arena von Ferencváros und die Pancho-Arena der Puskás-Akademie, die freilich in diesem Jahr in der Zweiten Landesliga spielen muss – solange richtet sich Videoton aus dem benachbarten Székesfehérvár in dem preisgekrönten Ministadion ein, denn natürlich wird auch für den früheren Meister ein neues Stadion erbaut.

Unter insgesamt 32 Stadionprojekten überall im Lande ragt natürlich das neue Puskás-Stadion (das frühere Volksstadion) in Budapest heraus, das mit 68.000 Zuschauerplätzen noch vor der Fußball-EM 2020 fertiggestellt sein soll und für den Rekordbetrag von weit über 300 Mio. Euro zu keiner anderen Sportart als zum Fußball geeignet sein wird – für die Olympiabewerbung 2024 bräuchte die Hauptstadt also ein zusätzliches zentrales Stadion, das auch andere Sportarten bedienen kann.

Das Programm wird de facto aus Steuergeldern finanziert, was die juristisch beschlagene Orbán-Regierung aber 2011 clever in Rechtsnormen verpackte: Mit Eingriffen in das Sportgesetz sowie die Gesetze über die Körperschaftsteuer und die Dividendensteuer sorgte die Politik dafür, dass die Unternehmen bis zu 70 Prozent ihrer Steuerpflicht in die Fußball-Förderung (und vier weitere „attraktive“ Sportarten) umleiten können. Die sonst so pingelige EU-Kommission winkte das staatliche Sportgesundheitsprogramm durch; seither geben nahezu alle großen Wirtschaftsgesellschaften im Lande ihre Almosen. Die Multis tun dies freilich sehr bedeckt, weil abgesehen von vereinzelten Lichtblicken in der Breite keine Qualität zu entdecken ist. Im Verständnis von Viktor Orbán ist eine sportliche (Fußball spielende) Nation eine gesunde Nation, ergo wird die großzügige Sportpolitik auch mit positiven Auswirkungen auf das Gesundheitswesen gerechtfertigt.

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