Der Grund ist simpel: Sollte es für eine absolute Mehrheit des Fidesz nicht mehr reichen, wäre die jetzt quasi-Alleinregierungspartei (die KDNP kann schwerlich als Koalitionspartner gezählt werden, hat sie doch seit langem kein eigenes Wählerlager, sondern ist auf die gemeinsame Liste mit dem Fidesz angewiesen) gezwungen, sich mit einer anderen Partei zusammenzutun. Doch Viktor Orbán ist keineswegs für seine Kompromissbereitschaft bekannt, daher scheint es nur logisch, dass man sich auch außerhalb der Regierung Gedanken darüber macht, wie es nach 2018 weitergehen könnte.

Zahlenspiel zeigt Optionen

In der vergangenen Woche beschäftigte sich auch das konservative Wochenmagazin Heti Válasz mit dieser Frage. Obwohl man auch hier davon ausgeht, dass es dazu letztlich vielleicht gar nicht kommt, sind doch zwei Kandidaten im Fokus der Überlegung: Die Kabinettsminister János Lázár und Mihály Varga. Die Nachfolger in spe könnten unterschiedlicher kaum sein.

Obwohl Meinungsumfragen den Fidesz stets mit einer satten Mehrheit messen, zeichnen die Nachwahlen der vergangenen Jahre doch ein anderes Bild. Der Fidesz ist nicht unbesiegbar, ja mehr noch, in den vergangenen zwei Jahren seit der Parlamentswahl hatte die Regierungspartei regelrecht Schwierigkeiten, bei kommunalen Nachwahlen ihre Kandidaten in Position zu bringen, ebenso zu siegen.

Zu Recht stellt sich also die Frage, wer den Fidesz in eine Koalitionsregierung führen könnte. Mögliche Koalitionspartner sind – und das nicht nur den Zahlen zufolge – die Jobbik und ein linker Zusammenschluss aus MSZP und der Gyurcsány-Partei DK. In einer repräsentativen Meinungsumfrage des Nézőpont Instituts vom Juni gaben 40 Prozent an, am ehesten für den Fidesz stimmen zu wollen. Demgegenüber stehen 24 Prozent wahrscheinlicher Jobbik-Wähler und elf beziehungsweise zehn Prozent jeweils für MSZP und DK. Mittels einer Koalition ließe sich gar fast wieder eine Zweidrittelmehrheit schaffen. Dies wäre, in Anbetracht der zahllosen an eben diese Mehrheit gebundenen Gesetze – ein Überbleibsel aus der Legislaturperiode 2010 bis 2014 –, durchaus von Vorteil für den Spielraum der Regierung. Für beide Koalitionen stehen die Chancen nicht schlecht, und auch gemeinsame Schnittmengen lassen sich finden. Nur eben unter wessen Führung?

Premieroption je nach Koalitionspartner

Rein zahlenmäßig wäre sogar eine Koalition aus MSZP, DK und Jobbik vorstellbar. Und wie die Heti Válasz schreibt, wäre selbst dies nicht komplett illusorisch. Zeigen doch die Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit, dass es unter dem machiavellistischen Credo „Alles, nur nicht der Fidesz” bei kommunalen Nachwahlen einen Trend zwischen Jobbik und linken Parteien gab, dem anderen nicht in die Quere zu kommen, sprich, stellte die Jobbik einen aussichtsreichen Kandidaten, schoss weder die MSZP noch die DK mit einem eigenen quer, um so die Nicht-Fidesz-Wählerstimmen nicht zu zersplittern. Dies, so ein hochrangiger oppositioneller Stratege gegenüber der Heti Válasz, sei jedoch keineswegs Ergebnis einer bewussten Strategie, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass es in einem Wahlbezirk, der relativ fest in linker Hand ist, sinnlos ist, einen rechten Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Doch was, wenn der Fidesz 2018 doch zu einer Koalition gezwungen ist? Sollte es zur Koalition mit der MSZP kommen, wäre der technokratische, EU-Befürworter Mihály Varga wohl der Mann der Wahl. Varga ist für seine ruhige, effiziente Art bekannt, ist selten in den Schlagzeilen und schießt verbal nicht mit schwerem Geschütz gegen seine politischen Gegner aus fremden und eigenen Reihen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler sprach in einem Interview mit der nationalkonservativen Tageszeitung Magyar Hírlap jüngst davon, dass Ungarn noch viel zu tun hätte, ehe es zum Ende des Jahrzehnts den Anschluss an die Eurozone wagen könnte. Gleichzeitig hält er diesen Anschluss jedoch für wichtig. Generell ist Varga wohl zweifelsohne einer der EU-freundlichsten Minister der derzeitigen Orbán-Regierung.

Lázár könnte einer Fidesz-Jobbik-Regierung vorstehen

Auf der anderen Seite steht János Lázár. Der junge Berufspolitiker ist dafür bekannt, seine Meinung offen zu vertreten. So polterte er bereits „Wer nichts hat, ist auch so viel wert”, ging aber auch schon offen in Opposition zum Regierungschef und der offiziellen Linie. Das Gerücht, dass er Viktor Orbán beerben könnte, hält sich seit Jahren hartnäckig. Im Gegensatz zu seinem Parteikollegen Varga ist Lázár jedoch offener Kritiker der EU. Erst vor wenigen Wochen sprach er bei der allwöchentlichen Regierungsinfo davon, dass, „wenn wir heute über den Verbleib in der EU abstimmen würden, könnte ich nicht mit ruhigem Gewissen dafür votieren”.

Diese Entscheidung, so Lázár, sei dem derzeitigen Zustand der EU geschuldet. Viel eher ist Lázár für eine Stärkung der nationalstaatlichen Verantwortung, da er die Europäische Union schlicht für unfähig hält, die europäischen Werte zu verteidigen. Weiterhin ist er ein offener Vertreter der Todesstrafe, die Schnittmengen zur Jobbik sind also unverkennbar. Lázár könnte also in einer Koalitionsregierung unter Beteiligung der Jobbik ein idealer Premierminister sein.

Lázár selbst wiegelt ab. Auf der vergangenen Regierungsinfo meinte er angesprochen auf den Heti Válasz-Artikel: „Gewiss sind die Nachrichten ausgegangen, es war sehr warm, der Autor war sicherlich einfach erschöpft, als sich ihm der Gedanke aufdrängte”, dass er, Lázár, Orbán beerben könnte. Dass sich diese Vermutung jedoch hartnäckig seit Jahren hält, ist ebenfalls unbestritten. Ebenso wie auch kolportiert wird, dass Jetzt-Premier Orbán bei einer Niederlage – und sei es nur der Verlust der absoluten Mehrheit – als Staatspräsident seine politische Laufbahn fortsetzen wird. Auch dies wird stetig von offizieller Seite dementiert, lässt sich aber schlicht nicht aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit tilgen.

Sicher scheint vorerst, wie in den vergangenen 26 Jahren wird der Fidesz auch jetzt wieder mit einem Spitzenkandidat namens Viktor Orbán in den Wahlkampf ziehen. Alles andere steht noch in den Sternen.

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