Herr Prof. Dr. Masát, wann genau begann Ihre Zeit als AUB-Rektor?

Ich bin seit Februar 2008 Rektor der Andrássy Universität Budapest. Die Universität wurde 2001 gegründet und hat 2002 den Lehrbetrieb aufgenommen, allerdings nicht in den heutigen Palasträumen. Hier zogen wir erst 2003 ein. Mit einer dritten Amtszeit, die im kommenden Frühjahr ausläuft, bin ich der dienstälteste Rektor.

Wie kamen Sie an die Spitze der Universität?

Ich bin Germanist, damit geht eine Affinität für deutsche Sprache und Kultur einher. Außerdem habe ich an der ELTE-Universität als Professor, Lehrstuhlleiter und Prorektor Erfahrungen gesammelt. Anschließend habe ich in Berlin an der Humboldt-Universität als Gastprofessor gearbeitet und war der Direktor des Collegium Hungaricum Berlin. Die Aufgabe, die AUB sowohl (hochschul)politisch als auch finanziell zu stabilisieren, war, als ich die Position übernahm, immens. Damals ging es fast um die Existenz der Universität. Nicht zuletzt, weil unsere Uni von den damals regierenden Sozialisten unausgesprochen, jedoch fühlbar als „Fidesz-gegründete Universität“ betrachtet wurde.

Wie haben Sie es geschafft, die Situation zu normalisieren?

Unter anderem, indem wir unseren Kritikern klarmachten, dass die Tatsache, dass wir unter einer Fidesz-Regierung gegründet wurden, keine Auswirkung auf unsere wissenschaftlichen Begegnungen, auf die Brückenfunktion hat, die unsere Universität bei dem dynamischen Wissenstransfer in unseren Tagen wahrnehmen möchte. Politik findet bei uns ausschließlich im wissenschaftlichen Kontext statt. Wir wollen Politik verstehen und die Wissenschaften, die im weiteren Sinne vom Staat handeln (neben der Politik- die Rechts-, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaft), in einen Dialog mit der praktischen Politik bringen – aber wir wollen keine explizite politische Botschaft vermitteln und befinden uns erst recht nicht im Fahrwasser irgendeiner Partei. Das wurde von uns übrigens auch nie gefordert oder erwartet.

Sie haben die Brückenfunktion Ihrer Universität erwähnt…

Am Anfang galt es natürlich, einem zukünftigen EU-Land mit einem konkreten Hochschulprojekt auch in der universitären Master- und Doktorausbildung eine „Brücke“ anzubieten. Diese Brückenfunktion fassen wir nach Ungarns EU-Beitritt als eine Verkehrsstraße mit zwei Fahrtrichtungen auf: Impulse sollen aus den „alten“ EU-Ländern ebenso kommen, wie aus den „neuen“ zum gegenseitigen Nutzen und Verständnis. Es geht also um eine Mittlerrolle, die wir in den nächsten Jahren auch in Richtung West-Balkan erweitern wollen.

Wie gestaltete sich die Situation mit den Lehrkräften?

Die deutschsprachigen Partnerländer (Bayern, Baden-Württemberg, Österreich, teilweise die Schweiz) entsenden Professoren, die Bundesrepublik Deutschland über den DAAD Langzeit-Dozenten und Ungarn, – nach wie vor unser größter finanzieller Unterstützer – ermöglicht „ungarische“ Stellenausschreibungen. Es ist übrigens nicht leicht, ungarische Professoren für Vollzeitstellen an die AUB zu holen. Wir mussten uns damals aber dringend ein sogenanntes wissenschaftliches Stammpersonal heranbilden – schon allein wegen der Akkreditierung, aber auch wegen der Nachhaltigkeit unserer Ausbildungsstruktur. Das bedeutet, dass ein Professor, der sich für die Andrássy-Universität entscheidet, nur mit einer zweiten Stelle an der Corvinus Universität oder der ELTE lehren kann und umgekehrt: Professoren, die an anderen Universitäten eine Vollzeitstelle haben, können bei uns nur als Lehrbeauftragte tätig sein.

Sie haben also Lehrkräfte aus Ungarn, Deutschland, Österreich und aus der Schweiz; die Studierenden kommen aus etwa 20 Ländern. Das ist für eine kleine europäische Hochschuleinrichtung in der Alltagspraxis eine bemerkenswerte Vielfalt. Wie können Sie die Vielfalt unter einen Hut bringen?

Meine jahrzehntelange Erfahrung im Hochschulwesen hat sicher viel geholfen, wobei es natürlich auch Spannungen auf dem Weg zu einer einheitlichen Universität gab und gibt. Die Professoren sind zum Teil an andere (nationale) Hochschulgesetze und Gewohnheiten gebunden; auch die Studierenden bringen aus ihrem Bachelorstudium sehr unterschiedliche Universitätserfahrungen mit. Das ist im allgemeinen vom Vorteil, wenn es sich um die Übernahme guter internationaler Hochschulpraxis handelt, aber die Leitung der Universität muss immer eine koordinierende Funktion wahrnehmen, indem sie einheitliche Vorstellungen kommuniziert und verwirklicht.

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„Wir versuchen von unserer Seite intensiv, auf die Wirtschaft zuzugehen, und würden uns freuen, wenn unsere Angebote dort noch stärker angenommen würden.“

Der Stellenwert der Andrássy-Uni als ein europäisches Hochschulprojekt ist mittlerweile auch in der regionalen Hochschullandschaft größer geworden, auch in Deutschland und in Österreich werden wir immer bekannter. Wir sind aber eine kleine und junge Universität – wir sind gerade mal 15 Jahre alt – und müssen noch viel für unser Marketing tun. Ein wichtiger Faktor ist, dass wir keine Bachelorstudiengänge anbieten und somit unsere Masterstudenten von außen auf uns aufmerksam werden müssen. Das ist natürlich wesentlich schwieriger, als für eine gestandene Universität, die selbstverständlich auch versucht, ihre besten Bachelorabsolventen zu behalten. Wenn jemand deutschsprachig studieren will, studiert er vielleicht gleich in Deutschland oder in Österreich, wir haben also Konkurrenz in allen Bereichen.

Welche Argumente sprechen für ein Studium an der AUB?

Wir sind die einzige völlig deutschsprachige Universität außerhalb des deutschsprachigen Raums. Im Gegensatz zu den meisten Universitäten in Deutschland können wir eine intensive Betreuung durch Lehrkräfte bieten. 30 bis 40 Dozenten kümmern sich bei uns um etwa 200 Studierende. Wir sind also alles andere als eine Massenuni. Unsere überschaubare Anzahl an Studenten gibt uns zudem die Freiheit, den Praxisbezug stärker in den Vordergrund zu stellen. Im Studienfach Internationale Beziehungen haben wir etwa immer zwei Diplomaten vom diplomatischen Dienst, einen aus Österreich und einen aus Deutschland, die hier unterrichten und den Studierenden konkrete Fragen beantworten können. Neben Knowhow aus erster Hand eröffnet sich ihnen damit auch ein gewisses Netzwerk. Ein Plus ist auch unsere große Interdisziplinarität unter den Unterrichtsfächern. Ein weiterer, nicht unwesentlicher genereller Pluspunkt ist Budapest selbst, unser Standort, nicht nur dieser prachtvolle Palast, sondern auch diese attraktive Weltstadt an sich, mit deutlich niedrigeren Lebenserhaltungskosten als in einer deutschen oder österreichischen Großstadt.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Wirtschaft aus?

Der weitere Ausbau der Kontakte zu den hiesigen deutschen Unternehmen ist ein wesentlicher Punkt im Zukunftsbild der Universität. Auch deshalb bieten wir schon im Herbst einen neuen Kurs mit dem Titel „Management and Leadership“. Grundsätzlich richtet sich das Angebot an Interessierte mit High Potential-Eigenschaften. Es ist zu betonen, dass eine Spezialisierung „Management Consulting“ als gezielte Entwicklung von (Inhouse-) Beratungskompetenz durch Interdisziplinarität aufgebaut wird. Wirtschaft wurde ohnehin schon immer unterrichtet, aber nun wollen wir diesen Schwerpunkt vertiefen. Dabei geht es auch um den intensiven Kontakt mit deutschsprachigen Unternehmen. Unsere Absolventen haben Fach- und Landeskenntnisse, sind also perfekt für Mittel- und Osteuropa ausgebildet. Management wird immer allgemein und global betrachtet, aber ich bin mir sicher, dass man auch länderbezogen arbeiten muss. Das verschafft einem auch einen Vorteil bei geschäftlichen Kontakten und mit einer solchen Ausbildung kann höhere Kompetenz erreicht werden.

Wie sehen die Perspektiven Ihrer Uni aus?

Derzeit haben wir knapp 200 Studierende. Bis zum Jahr 2020 soll diese Zahl auf 250 steigen. Wir suchen immer neue Nischen mit neuen Angeboten, wie zum Beispiel dem neuen Studiengang Kulturdiplomatie oder dem geplanten Studiengang „Management and Leadership“. Wir wollen besonders mit dem letzten auch einen Schritt in Richtung duale Ausbildung gehen. Die Akkreditierung für den Master in „Management and Leadership“ läuft und wir hoffen, dass es dann im September mit diesem neuen Studienangebot losgehen kann. Ob wir Erfolg haben, wird sich erst nach dem ersten Jahr zeigen. Dieser Studiengang ist unsere Antwort auf den Bedarf hiesiger Unternehmen nach Führungskräften, die Eigeninitiative zeigen, die eine gewisse Sprach- und Kulturkompetenz mitbringen und Projektarbeit beherrschen.

Wie gestalten sich die Finanzen Ihrer Universität?

Die Universität wird von fünf Partnerländern getragen – neben Ungarn sind dies das Land Baden-Württemberg, der Freistaat Bayern, die Republik Österreich und die Bundesrepublik Deutschland –, die sich alle an der Finanzierung der Universität beteiligen. Mit der neuen Finanzierungsvereinbarung wurde festgelegt, dass zusätzlich zum ungarischen Beitrag jedes Partnerland sich mit (mindestens) 500.000 Euro im Jahr beteiligen muss, damit die Universität solide finanziert ist. Ungarn finanziert die operativen Kosten, die etwa ein Drittel unseres Gesamtbudgets ausmachen. Zudem werden wir auf Projektbasis von der Region Trentino-Südtirol und von der Schweiz gefördert.

Gibt es noch andere Einnahmequellen?

Dank der Grundfinanzierung ist es der AUB möglich, in erheblichem Maß Drittmittel einzuwerben. So finanziert etwa eine private schweizerische Stiftung eine der Professuren für Politikwissenschaft. Außerdem werden in erheblichem Umfang Forschungsgelder eingeworben. Hinzu kommen die Einnahmen aus Studiengebühren und auch aus der Vermietung der Räumlichkeiten für private Veranstaltungen oder Konzerte. Insgesamt haben diese Einnahmen je nach Jahr einen Anteil zwischen 20 und 30 Prozent am Gesamthaushalt der Universität.

Wie sieht es mit der Unterstützung seitens des ungarischen Staats aus?

Die Existenz der Andrássy Universität Budapest wird zu einem großen Teil vom ungarischen Staat gesichert. Die Wichtigkeit der Brückenfunktion wurde verstanden, doch die Alleinstellungsmerkmale harmonisierten nicht immer mit den Vorschriften des ungarischen Hochschulgesetzes. Aber das gehört auch zu den Übergangsproblemen, die in den letzten Jahren mit Hilfe der ungarischen Seite immer gelöst werden konnten. Wir selbst betrachten uns als ungarische und europäische Universität eingebettet in die ungarische Hochschullandschaft, vor allem unterstützt durch diese. Vom Staat werden wir auch als Exzellenz-Universität angesehen und entsprechend unterstützt. Der ungarische Staat hat seinen Beitrag inzwischen verdoppelt, was einem klaren Bekenntnis zu unserer Universität gleichkommt.

Wird Ihr gegenwärtiges Gebäude für die Verwirklichung der Wachstumsziele der Uni ausreichen?

Unser Gebäude hat eine Kapazität von bis zu 250 Studenten. Allerdings denken wir daran, in Uni-Nähe ein Wohnheim einzurichten.

Welche Veränderungen wird es bei Ihren Lehrangeboten geben?

Wir wollen weitere Nischen erschließen, die andere Universitäten nicht bieten können. In den Bereichen, in denen wir zu wenig Studierende haben, müssen wir flexibel sein und diese gegebenenfalls umgestalten. Deutsch ist als Wissenschaftssprache nicht uninteressant. Immerhin investieren immer mehr deutschsprachige Investoren in Ungarn. Zudem sind wir auf der Suche nach weiteren Partnern, die Potential in Ungarn, Mitteleuropa und seinen jungen Akademikern und Wissenschaftlern sehen und freuen uns auf gemeinsame Projekte.

Bekommen Sie von anderen ungarischen Unis Konkurrenz in Sachen deutschsprachigen Angeboten?

Die meisten ungarischen Universitäten bieten deutschsprachige Kurse an, was die Wichtigkeit der deutschen Sprache unterstreicht. Aber komplett deutsch sind nur wir. Vorteilhaft ist der direkte Kontakt zur deutschen Wissenschaft, die gemeinsame Sprache erleichtert auch die Kommunikation. Wir sind eine separate Institution ohne Sprachbarrieren. Trotzdem haben wir Studierende aus über zwanzig Ländern, diese Zahl spricht für sich. Unser internationaler Charakter macht einen weiteren Vorteil von uns aus. So entsteht ein interessantes, Ländergrenzen übergreifendes Netzwerk, auf das unsere Studenten noch lange nach ihrem Abschluss zurückgreifen können. Für die Vernetzung mit Unternehmen bereits während des Studiums ist übrigens das Karrierezentrum der AUB zuständig. Ein weiteres Zentrum hierfür ist das „Zentrum für Recht und Wirtschaft“, welches wissenschaftliche Kompetenz mit Blick auf Herausforderungen in Unternehmen verbinden soll. Wir versuchen von unserer Seite intensiv, auf die Wirtschaft zuzugehen und würden uns freuen, wenn unsere Angebote dort noch stärker angenommen würden.

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Prof. Dr. András Masát wurde 1947 in Pöcking (Bayern) geboren. Zwischen 1965 und 1970 studierte er Germanistik und Hungarologie an der Attila-József-Universität (JATE) in Szeged. Zwischen 1980 und 1999 war Masát an der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest zuerst als Universitätsdozent, dann als Universitätsprofessor für Germanistik und Skandinavistik tätig. Von 1991 und 1994 hatte er das Amt des Prorektors der ELTE inne. Zwischen 1999 und 2007 war er Direktor des Collegium Hungaricum in Berlin. Im Jahre 2008 wurde Masát zum Rektor der Andrássy Universität Budapest gewählt und zeitgleich zum Professor für Angewandte Kulturwissenschaft berufen. Masát ist unter anderem Träger des ungarischen Verdienstordens der Republik (Offizierskreuz) und des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Er ist Präsident der Gesellschaft ungarischer Germanisten und Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

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