Frau Kiss, seit Anfang des Jahres tauchen Sie mit Ihrer Forschungsarbeit in die Welt von Harry Houdini ein. Auf welche Aspekte genau konzentrieren Sie sich dabei?

Ich konzentriere mich vor allem auf die Anfangsjahre Houdinis. Also die Zeit von seiner Geburt bis zur Emigration der Familie in die USA. Ebenso interessiert mich auch das weitere familiäre Umfeld seiner Familie, etwa das seiner Mutter Caecilia. Kurz: Alle Aspekte Houdinis, die mit Ungarn in Zusammenhang stehen. Da Houdini viel geflunkert hat, wenn es um bestimmte Aspekte seines Lebens geht, verlasse ich mich dabei nur auf offizielle Dokumente.

Welche Bedeutung hatte die ungarische Herkunft für den unter dem Namen Erik Weisz geborenen Houdini?

Was man wissen muss ist, dass er sein ganzes Leben lang geleugnet hat, Ungar zu sein. In einem von Houdini geschriebenen Exposee unter dem Titel „The right way to do wrong“, das 1906 erschien, behauptet er, 1873 in Appleton, einer Stadt im US-Bundestaat Wisconsin geboren zu sein.

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Barbara Kiss erforscht die frühen Jahre des großen Entfesselungskünstlers. (Foto: Lucas Kesselhut)

Doch bereits 1932 erschien im deutschen Journal „Magie“ ein Artikel, der Zweifel an Houdinis Aussagen anmeldete und ihn als Ungarn enttarnte. Doch es brauchte noch weitere 40 Jahre, bis Houdinis Herkunft von einer Kommission zweifelsfrei festgestellt werden konnte. 1972 erschien der „Houdini Research Report“, der auch in der Ausstellung zu sehen ist. Dank Houdinis Geburtsurkunde wissen wir, dass er am 24. März 1874 als Erik Weisz in Budapest geboren wurde. Seine Eltern Samu und Caecilia Weisz lebten damals in der Rákos-Árok utca 1 in der Budapester Teresienstadt. Erst 1878 siedelte die Familie in die Vereinigten Staaten nach Appleton über.

Wissen wir heute, warum Houdini über seinen Ursprung gelogen hat?

Wir denken, dass es ihm geholfen hat, eine erfolgreiche Karriere zu bauen. Damals gehörte es einfach dazu: Wer in den Vereinigten Staaten erfolgreich sein wollte, musste US-Amerikaner sein. Dabei hatte das Englisch von Houdini sogar einen starken ungarischen Akzent! Es gibt eine einzige authentische Aufnahme einer originalen Houdini-Rede, in der er zwar auf Englisch spricht, aber wirklich mit einem ganz furchtbaren ungarischen Akzent. Und warum auch nicht? Nicht nur, weil er bis zu seinem vierten Lebensjahr in Budapest aufgewachsen ist und dort die Sprache gelernt hat: Soweit wir wissen, hat seine Mutter Caecilia niemals Englisch gelernt, deshalb wurde daheim auch Ungarisch gesprochen.

Warum hat die Familie Weisz Ungarn verlassen?

Auf der Grundlage der Informationen, die ich über Houdinis Vater Samu oder auch Samuel herausgefunden habe, war die Familie sehr arm. In offiziellen Urkunden der Familie finden wir, dass Samuel immer wieder unterschiedliche Berufe angegeben hat. Bei seiner Hochzeit mit Caecilia behauptet er Seifenmacher zu sein, schon bei der Geburt des ersten Kindes steht da Advokatsgehilfe, beim nächsten Anwalt, beim wieder nächsten ist er Unternehmer. Er hat viele Dinge ausprobiert, war aber nie richtig erfolgreich. Schließlich kam der Tag, an dem der Druck so groß war, dass er mit seiner Familie emigrierte. Dort gab er sich schließlich mehr oder weniger erfolgreich als Rabbi aus. In Ungarn war er als solcher jedoch nie in offiziellen Registern verzeichnet. Er hat gelogen, dass sich die Balken biegen. Geholfen hat es nicht: Am Ende starb er genauso arm, wie er aus Budapest gekommen war.

Was war für Sie die bisher größte Entdeckung, die Sie bei Ihrer Forschung gemacht haben?

Ich habe Houdinis Geburtshaus in Budapest gefunden. Aus der Geburtsurkunde wusste man, dass er in der Rákos-Árok utca 1 geboren wurde. Diese Straße wurde jedoch später umbenannt in Csengery utca. Viele nahmen an, dass Rákos-Árok utca 1 gleichzusetzen ist mit Csengery utca 1 und man wollte bereits eine Plakette an diesem Haus anbringen. Ich hatte jedoch meine Zweifel. Ich habe in alten Stadtplänen gesucht und habe dabei herausgefunden, dass zurzeit von Houdinis Geburt die Häuser anders nummeriert waren. Csengery utca 1 war damals Hausnummer 7, während Hausnummer 1 ungefähr auf der Mitte des Straßenabschnitts und auf der gegenüberliegenden Seite lag.

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Auf einem alten Stadtplan ist der ursprüngliche Name der Straße zu erkennen, in der Houdinis Geburtshaus stand: Rákos Árok utca.

Gibt es da heute eine Houdini-Plakette?

Leider wurde das Gebäude abgerissen und an seiner Stelle ein modernes Gebäude errichtet. Aber warum sollten wir ein neues Haus mit einer Plakette versehen? Falls es in der Zukunft ein Denkmal zu Ehren Houdinis geben sollte, so denke ich, wäre der nahegelegene Almássy tér am besten geeignet. Man könnte das Denkmal mit einer Inschrift versehen, die erklärt, dass Houdini in der Nachbarschaft geboren wurde.

Gibt es noch andere Houdini-Forscher wie Sie?

Ja, aber in den USA. Es sind mindestens sechs oder sieben und sie sind sehr enthusiastisch, wenn es um ihre Arbeit geht. Aber sie sprechen kein Ungarisch und waren noch nie hier, deshalb ist es sehr wichtig, dass wir unsere eigene Forschung hier betreiben. Es ist eigentlich unglaublich, die Ungarn sind sonst stolz auf jede ungarische Erfolgsgeschichte, aber noch niemand in Ungarn hat bisher zu Houdini geforscht. Ich bin die erste. Deshalb wird es auch noch viele Jahre dauern, bis ich alle offiziellen Dokumente, die im Zusammenhang mit Houdini stehen, zusammengesammelt haben werde.

Dann bleibt es also auch in Zukunft spannend im Bereich der Houdini-Forschung.

Wer sich dafür interessiert, was Barbara Kiss bisher noch so alles herausgefunden hat, kann ihrem Houdini-Forschungsblog unter www.houseofhoudinibudapest.com/research_news/en folgen.



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