Bereits der Eingang zu Budapests neuester Kulturattraktion bezaubert durch authentische alte Plakate von Vorführungen des großen Entfesselungskünstlers. Neben der Eingangstür ist auch gleich das erste Ausstellungsobjekt platziert: Ein Nachbau der berühmten „Chinese Water Torture Cell“. Eine mit eisernen Beschlägen zusammengehaltene Glaskabine, die mit Wasser befüllt wurde. Aus einer solchen Zelle hat sich Harry Houdini in seinen von Tausenden besuchten Shows – kopfüber und mehrmals gefesselt – befreit. Heute stecken in der nachgebauten Zelle 52 langstielige Rosen. Eine für jedes Lebensjahr Harry Houdinis.

Der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten

Am 24. März 1874 erblickte in Budapest Erik Weisz das Licht der Welt. Er wuchs in Armut auf, genießt keine hohe Bildung und konnte auch nicht durch wichtige Kontakte glänzen und trotzdem – gut 30 Jahre später kennt seinen Namen jedes Kind. Seine Karriere als Zauberkünstler begann Houdini in den 1890ern in New York. Als er die Autobiografie Jean Eugène Robert-Houdins, einem der Pioniere der modernen Zauberei und Magie liest, entflammt in ihm die Leidenschaft für dieses Genre der Showkunst. Ihm zu Ehren nannte er sich auf der Bühne fortan Harry Houdini. Ab 1895 profilierte sich der Showman als der „König der Handschellen“. Medienwirksam befreite er sich aus ihnen – mitunter vor den wachsamen Augen von Polizisten.

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Lehrreich und unterhaltsam: Requisiten, Dokumente und Bilder von Houdini sind Teil der Ausstellung.

Die Entfesselung wurde zu seinem Markenzeichen. Immer größeren Herausforderungen stellte sich der bald auch in Europa bekannter werdende Houdini. Er rief in Wettbewerben dazu auf, denjenigen mit einem Preisgeld zu überschütten, der es schafft, eine Fessel zu erfinden, der er nicht entkommen kann. Zu richtiger Berühmtheit gelangte Houdini aber erst, als er seinen Entfesselungsnummern das Element der Gefahr hinzufügte, indem er sich beispielsweise unter Wasser entfesselte, etwa eingesperrt in der chinesischen Wasserfolterzelle oder in einer gigantischen Milchkanne. Letztere ist im Original im Budapester Houdini-Museum zu sehen. Sein berühmtester Trick war wohl das Verschwindenlassen eines Elefanten auf dem Times Square. Einem Schicksal konnte sich letztendlich auch der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten nicht entwinden: Am 31. Oktober 1926 verstarb Houdini an den Folgen eines Blinddarmrisses in Detroit, Michigan.

Ein Tribut an den Meister

52 Jahre später kommt David Merlini zur Welt. Ebenfalls ein Ungar und fasziniert von Schlössern und Handschellen. Er tritt in die Fußstapfen des großen Meisters und ist heute weltbekannt für seine waghalsigen Entfesselungsstunts, die gefährlicher und aufsehenerregender sind, als es sich Houdini zu Lebzeiten je hätte träumen lassen. Unter anderem schoss er sich mit einer Rakete in die Luft, lies sich in Beton einzementieren und in die Donau werfen oder in einen gigantischen Eisblock einschließen – immer entkommt er. 2007 wird er im Rahmen der World Magic Awards als „Bester Entfesselungskünstler der Welt“ ausgezeichnet. Sagen, dass er besser als Houdini sei, würde er jedoch nie: „Man kann uns nicht vergleichen, das waren andere Zeiten und die technischen Möglichkeiten waren noch nicht da. Ich denke, ich mache ähnliche Stunts, nur in einer moderneren Fassung. Heute ist es schwieriger die Aufmerksamkeit des Publikums zu erringen, da braucht es immer gefährlichere Stunts, zu Houdinis Zeiten konnte man leichter Aufsehen erregen.“ Und eines ist für den 37-jährigen Entfesselungskünstler sicher: „Houdini war von Anfang an meine größte Inspiration.“ Mit der Eröffnung des Houdini-Museums in Budapest, das Merlini allein aus privaten Mitteln finanziert, will er deshalb seinem großen Idol Tribut zahlen.

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Schlösser und Schlüssel waren die große Leidenschaft Houdinis.

Die Ausstellungsstücke stammen zu großen Teilen aus Merlinis privater Sammlung, aber auch von den Dreharbeiten zum 2014 erschienenen zweiteiligen Fernsehfilm „Houdini“ mit Adrien Brody, bei dem Merlini als Berater tätig war. Viele Exponate kommen auch aus Auktionen, auf denen Merlini nun schon mehr als 17 Jahre regelmäßig nach Houdini-Memorabilien jagt. Dabei kommt ihm, wie er der Budapester Zeitung bei einem Besuch in seinem Museum erzählt, vor allem ein Vertrauensbruch zwischen Brüdern zugute: „Houdini bat eigentlich seinen Bruder, alle seine Requisiten und Entfesselungsobjekte nach seinem Tode zu verbrennen, um so seine Geheimnisse vor der Welt zu schützen. Dieser zerstörte sie aber nicht. Stattdessen begann er, die Objekte zu verkaufen.“ Ein speziell angefertigtes Paar schwerer Eisenhandschellen kann Merlini sogar unmittelbar zum Besitz dieses Bruders zurückverfolgen. Heute ruhen sie am Dísz tér 11 hinter einer kugelsicheren Scheibe und sind laut dem enthusiastischen Sammler das Herzstück seiner Ausstellung. Ein weiteres besonderes Stück, das den Weg in seinen Besitz gefunden hat, ist ein Schlüssel, der einst Houdini gehört habe: „Dieser Schlüssel befand sich im größten Houdini-Museum Kanadas, welches 1994 bei einem Brand zerstört wurde. Er hat als einziges Objekt die Flammen überstanden. Für mich hat er etwas Magisches“, erklärt Merlini.

Neben dem Geld, das der ungarische Showman über die letzten zwei Jahrzehnte in die Anschaffung von originären Houdini-Memorabilien steckte, investierte er vor allem in die Renovierung des Gebäudes am Dísz tér in dem heute das „House of Houdini“ untergebracht ist. Mit dem prestigeträchtigen Standort im Burgviertel hofft er, eine Immobilie gefunden zu haben, die würdig ist, den Namen Houdinis zu tragen.

Magische Museumserfahrung

Eines der Highlights begegnet einem schon zu Beginn der Ausstellung: Denn betreten darf dieses Reich der magischen Geschichte nur, wer in der Lage ist, eine geheime Botschaft, die jede Eintrittskarte schmückt, zu entziffern – erst dann öffnet sich die Geheimtür. Wer scheitert, dem wird der Eintrittspreis zurückerstattet. Zum Glück sind jedoch die zauberhaften Assistenten am Einlass des Museums willens, mit hilfreichen Tipps zur Seite zu stehen.

Im Inneren wartet auf den Besucher schließlich eine unterhaltsame Mischung aus Handschellen, Schlüsseln und Schlössern, Requisiten aus Auftritten Houdinis, aber auch Dokumente und Urkunden, die das Leben und Wirken des Entfesslungskünstlers belegen, sowie zahlreiche Fotografien.

Das Budapester „House of Houdini“ bietet nicht nur die größte permanente Ausstellung von Houdini-Artefakten in ganz Europa, sondern ist gar das erste und einzige seiner Art auf unserem Kontinent. Doch Merlini verrät, dass es bereits davor in den USA und Kanada Museen gab, die dem Gedenken an den großen Entfesselungskünstler gewidmet sind: „Das größte Houdini-Museum ist in Scranton, doch auch in New York und an Houdinis ehemaligem Wohnort Appleton gibt es Houdini-Museen.“

Laut Merlini ist es wichtig, mit Museen wie diesen und dem „House of Houdini“ zur Erhaltung der Erinnerungen und der teils meisterhaft angefertigten Handschellen und Showelemente für künftige Generationen beizutragen: „Wenn wir diese Objekte nicht sammeln und bewahren, werden sie im Sturm der Geschichte verloren gehen.“

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Lassen Sie sich von einem der drei Hausmagier verzaubern: Hier führt „Rolando“ seine Tricks vor.

Ein weiteres Highlight des „House of Houdini“: Im Mini-Theater des Museums, dem Orpheum, beginnen fortlaufend kurze Zaubershows, bei denen man sich von einem der drei Hausmagier live mit Zaubertricks aller Art verblüffen lassen kann. Die überwiegend jungen Schausteller, befinden sich meist in der Anfangsphase ihrer Karriere. „Hier können wir ihnen eine Plattform geben, um sich einem Publikum zu präsentieren“, erklärt Merlini.

Was man bei einem Besuch im Museum auch nicht verpassen darf, ist, einen Schnappschuss mit Houdinis Schatten zu machen. Unter Umständen könnte man dabei zauberhaft überrascht werden. Wer Glück hat, begegnet sogar David Merlini persönlich. Beinahe täglich schaut der berühmte Entfesselungskünstler in seinem Museum vorbei, um nach dem Rechten zu schauen und sich von den Rückmeldungen seiner Besucher inspirieren zu lassen. Weit hat er es dabei nicht, denn wie er der Budapester Zeitung verrät, lebt er in der direkten Nachbarschaft.

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Der Kanonenballtresor der Marke Faber gehörte zwar nicht Houdini, war aber zu seiner Zeit das technische Nonplusultra.

The House of Houdini

Budapest, I. Bezirk, Dísz tér 11

Öffnungszeiten: täglich 9.30 bis 19 Uhr

Tickets: 6,50 Euro / ermäßigt 4,50 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter www.houseofhoudinibudapest.com/



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