Auf 21 Jahre kann die Budapest Pride nun zurückblicken. Was hat sich in all den Jahren geändert?

Vergangenes Jahr nahmen doppelt so viele Leute bei der Pride teil als noch in 2014. Das waren etwa 20.000. Dieses Jahr haben wir uns dazu entschieden, noch politischer zu werden. Im Januar starteten wir eine große Umfrageaktion mit Fragebögen und wollen so herausfinden, was die LGBT-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgenderpersonen) am meisten an der Pride und an der gesamten Situation momentan ändern möchte. Bisher haben 2.000 Leute mitgemacht, wir möchten aber, dass 8.000 Leute daran teilnehmen.

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Und in Zukunft möchten wir uns mehr in die Richtung entwickeln, die die LGBT-Community sich wünscht. Es geht also darum, in den nächsten zwei bis drei Jahren eine neue Strategie zu finden. Und das wird der Wendepunkt der Budapest Pride sein.

Was wünschen sich denn die Leute in den Umfragen?

Aus den bisher 2.000 Umfragen geht hervor, dass die Community sehr unzufrieden damit ist, wie eng der Begriff „Familie“ hier in Ungarn ausgelegt wird. Ein anderes Thema ist, dass die Homophobie hier im Land immer noch recht groß ist. Und darüber ist die Community natürlich besorgt. Wir werden aber noch abwarten müssen, bis noch mehr Leute an der Umfrage teilgenommen haben. Momentan sind die zwei größten Probleme jedoch Familie und Homophobie.

Was passiert denn mit dem Ergebnis der Umfrage?

Nach der Auswertung haben wir vor allem ein großes Ziel: Wir möchten eine landesweite Umfrage starten, die über die LGBT-Community hinausgeht. Wir wollen wissen, was die breite Masse über die Probleme denkt, die die LGBT-Leute in den Umfragen angemerkt haben.

Probleme, wie zum Beispiel Homophobie, gibt es auch immer wieder während des großen Marsches im Rahmen der Budapest Pride. Gab es denn in den 21 Jahren mehr Hochs oder Tiefs?

In 2007 und 2008 gab es viele Gegenproteste, seitdem gibt es weitreichende Absperrungen. Dass so etwas überhaupt nötig ist, um Störenfriede abzuhalten, ist wirklich ein großer Tiefpunkt. 2014 gab es aber einen Wendepunkt. 10.000 haben damals bei dem Marsch mitgemacht und wir konnten die Teilnehmerzahl jetzt auf 20.000 verdoppeln. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Und jedes Jahr werden es mehr.

Wenn Sie rechte Parolen oder homophobische Angriffe mitbekommen, sind Sie denn darüber noch verärgert oder geht das mittlerweile nach all den Jahren an Ihnen vorbei?

Wir sind sehr verärgert darüber, dass die Politik uns nicht die gleichen Rechte zuspricht wie anderen. Es wird in Ungarn so viel diskriminiert, egal wo: in der Schule, zu Hause, im Gesundheitswesen und auch auf der Arbeit. Wir sind verärgert darüber, dass das nicht ernst genommen wird. Denn es hat Auswirkungen auf unseren normalen Alltag und auch auf unsere Zufriedenheit. Und Außenstehende bekommen das mit, hören die schlechten Dinge, die die Politik über uns sagt, und übernehmen das in ihr normales Denken. Das macht uns sauer.

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Anfang Juni marschierten rund 200 Schwule und Lesben in Kiew für mehr Gleichberechtigung – geschützt wurden sie von einem massiven Polizeiaufgebot. Zum ersten Mal setzte sich die Polizei also in gewisser Weise für die LGBT-Community ein. Ist das denn ein Zeichen dafür, dass die Prides in aller Welt endlich akzeptiert sind?

Das ist natürlich ein gutes Zeichen, aber es gibt eben auch unschöne Vorfälle wie erst kürzlich in der Türkei. Da nahm die Polizei einen Marsch der Schwulen und Lesben regelrecht auseinander. Ich hoffe, dass die LGBT-Community sich dadurch nicht unterkriegen lässt und stark bleibt. Was vor allem in Ungarn schön ist: Minderheiten halten hier fest zusammen, denn die Regierung hetzt ja regelrecht gegen alle kleineren Gruppen, die irgendwie anders sind. Aber wir bleiben stark und gruppieren uns. Bei unseren Märschen sind auch immer andere Gruppen dabei, so wie Feministen, Flüchtlinge und Roma.

Wie lange wird es denn dauern, bis Gay Prides weltweit frei von Problemen sind?

Das ist schwer zu beantworten. Ich kann nur hoffen, aber nichts vorhersagen.

István Tarlós, Bürgermeister von Budapest, sagte vergangenes Jahr, dass er den Marsch nicht gutheißen kann und den Sinn dahinter nicht wirklich verstehe. Haben Sie diese Aussage denn mittlerweile verdauen können?

Wir sind alle immer noch sehr enttäuscht darüber. Denn es ist traurig, dass Tarlós als Bürgermeister nicht weiß, was in seiner Stadt passiert. 20.000 Leute nehmen an dem Marsch teil und er wisse nicht warum? Es ist sehr schwierig, sich mit Leuten wie ihm zusammenzusetzen und darüber zu debattieren, wenn sie einfach strikt an ihrer Meinung festhalten und sich dem Ganzen nicht öffnen. Das ist einfach engstirniges Denken.

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Der Slogan zur Budapest Pride 2016 hieß „We complete it!“, also „Mit uns ist es komplett“. So richtig komplett ist die LGBT-Community aber leider noch nicht überall akzeptiert. Ist der Slogan vielleicht zu euphorisch?

Wir wollten damit sagen, dass die Gesellschaft nur vollständig sein kann, wenn jeder zusammenhält und sich füreinander einsetzt. Homophobie, Diskriminierung, Sexismus, Rassismus - es gibt noch so viele Probleme, die die Gesellschaft zu einer zerklüfteten machen. Und das wollen wir symbolisch mit dem Slogan ändern.

Und da sind Sie auf einem guten Weg?

Ich hoffe es und deswegen wollen wir besonders den Politikern mitteilen, dass wir nicht nur 20.000 Leute beim Marsch sind, sondern noch viele mehr zu uns gehören. Und das ist eine Zahl, mit der sich die Politik einfach beschäftigen muss!

Danke für das Gespräch.

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