Gergő Sáling ist Gründer und Redakteur des Investigativblogs Direkt36 – und einer der Hauptideengeber der neuen Suchmaschine. Die Budapester Zeitung sprach mit ihm über vagyonkereso.hu und warum es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Wer hatte die Idee zu vagyonkereso.hu?

Die Idee stammt von Direkt36. Dazu kamen aber wichtige Einflüsse während der Entwicklung vom Blog 444.hu.

Seit wann wird an der Homepage gearbeitet?

Seit Mitte Januar sind wir damit beschäftigt, aber über die administrativen und öffentlich zugänglichen Oberflächen sprechen wir bereits seit einem Jahr mit 444.hu und der das Projekt finanzierenden US-amerikanischen Firma Internews Networks.

An wen richtet sich die Homepage? Auf einem Workshop in der vergangenen Woche hieß es dazu, dass eben nicht nur Journalisten diese Oberfläche nutzen können, sondern eben auch der Otto Normalverbraucher. Warum glauben Sie, dass die Menschen in den Vermögenserklärungen der Politiker stöbern wollen?

Das System läuft derzeit noch in einer Beta-Version, ist also bereits funktionsfähig, aber die endgültige Form hat diese Datenbank noch nicht erreicht. An der Perfektionierung arbeiten wir im Hintergrund fortlaufend weiter. Vermutlich im Herbst wird es dann soweit sein, dass die Datenbank funktionell und inhaltlich komplett funktionsfähig sein wird.

Die Datenbank erfüllt zwei Zwecke: Für Journalisten, Aktivisten und sich professionell mit Vermögenserklärungen befassende Fachleuten bietet sie die Möglichkeit, schnell und einfach an Informationen zu gelangen, mit deren Hilfe Analysen erstellt werden können, die bisher nicht möglich waren. Trotz aller Fehler der Vermögenserklärungen der Abgeordneten, können sie doch Hinweise auf Korruption oder sonstige Ungereimtheiten geben.

Aber auch für Bürger kann die Datenbank interessant sein, denke ich. Es gibt Abgeordnete, bei denen die Bürger des jeweiligen Wahlkreises ein ausgesprochen klares Bild darüber haben, aus welchen finanziellen Mitteln und auf welchem Niveau diese Menschen leben. Weiterhin sprechen wir hier über Beträge, die für jeden nachvollziehbar sind. Wenn eine Firmengruppe bei fragwürdigen Ausschreibungen sagen wir 100 Milliarden Forint abgreift, dann ist das eine schwer zu findende und vor allem nachvollziehbare Geschichte, weil es einfach komplizierter ist und es schlicht um solche Geldbeträge geht, die viele Leser nicht auf ihr eigenes Leben übertragen können, das sind einfach unfassbare Größenordnungen. Wenn aber jemand verheimlicht, dass er beispielsweise irgendwo eine schöne Villa hat, kann das jeder sofort verstehen, die Geschichte ist klar und vor allem nachvollziehbar. So eine Unterschlagung kann leichter Reaktionen in den Menschen hervorrufen, als wenn es um endlose Milliarden geht. Wir hoffen also, dass dieser Problemkreis die Leute anspricht, die sich dafür interessieren und dass diese dann auch aktiv werden. Bisher kamen diese Menschen nur sehr schwer an Informationen, mit unserer Datenbank können wir den Zugang erleichtern.

Derzeit kommen immer mehr Korruptionsfälle ans Licht. Es scheint aber, als ob diese keinerlei Konsequenzen für die Täter hätten. Wie kann die Datenbank vagyonkereso.hu hier etwas verändern oder ist dies gar nicht das Ziel?

Ich denke, „derzeit“ und „immer mehr“ beschreiben nicht genau, was wir heute sehen. Sicher ist aber, dass sich eine Situation etabliert hat, in der es scheint, als ob solche Vergehen einfach vertuscht werden können, als ob alles irgendwie erklärt werden könnte. Vagyonkereso.hu soll dabei helfen, dass man sich nicht mehr nur auf Gerüchte und anonyme Quellen berufen muss, wenn man sich mit dem Problem beschäftigt, sondern mit dokumentierten, abrufbaren Daten argumentieren kann. Gelöst wird das Problem dadurch nicht, aber wir bieten ein effizienteres Mittel als bisher verfügbar.

Die Webpage bietet über den „Bejelentés“-Button die Möglichkeit, selbst Hinweise zu geben. Wie sicher ist der rechtliche Hintergrund zu solch einer Meldung, beispielsweise wenn jemand einen wichtigen Hinweis zu einer Story gibt. Wie schwierig ist heute der Quellenschutz für Journalisten?

Das „Hinweis“-System ist eine einfache E-Mail-Funktion, die geeignet ist, um uns auf einfache Widersprüche aufmerksam zu machen. Wer dies aber für zu riskant hält, dem werden wir auch anderweitig die Möglichkeit bieten, mit uns über gesicherte Kanäle in Verbindung zu treten. Der Quellenschutz ist eine elementare Frage, Journalisten haben eine besondere Verantwortung, aber auch die Quellen selbst müssen sich im Klaren darüber sein, was sie tun. Ohne dieses Bewusstsein kann man sie nicht schützen.

Wie sieht es aus mit einer Verknüpfung von verschiedenen Datenbanken dieser Art? Ist das in Planung?

Ja, so lange, wie solche Datenbanken zur Verfügung stehen. Dies ist momentan auf jeden Fall gegeben. Auch unsere Plattform sehen wir so, dass darauf aufgebaut werden kann. Sobald wir mit dem Aufbau unserer Seite komplett fertig sind, alle Daten eingepflegt sind und alle Einzelheiten fertig gestellt, werden wir in diese Richtung weitergehen.

Es ist schwer sich dem Eindruck zu erwehren, dass die Toleranzschwelle der Bürger in Sachen Korruption stetig höher geschoben wird. Ist dies tatsächlich so und wenn ja, warum? Und ist dann vagyonkereso.hu nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Es ist nur insoweit ein Kampf gegen Windmühlen, wie Journalismus generell oder jede andere kontrollierende und Fehler aufzeigende zivile Initiative. Und ich denke nicht, dass es gut ist, das Problem von der Seite der Toleranzschwelle zu betrachten. Sicherlich gibt es das Gefühl der Hilflosigkeit und eine daraus resultierende Lethargie. Denn es scheint, als ob heute gewisse gesellschaftliche Schichten vollkommen offen, schamlos und ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, in Ungarn stehlen können. Beziehungsweise sind die mittlerweile an die Öffentlichkeit gelangenden Beträge einfach so irreal hoch, dass die Menschen diese nicht mehr begreifen können und deswegen löst das Ganze keine Reaktionen mehr aus.

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Gergô Sáling ist einer der Köpfe hinter der Plattform.

Aber wir müssen auch sehen – und dies ist mein persönlicher Eindruck –, dass das, was wir heute als Korruption in Ungarn bezeichnen ein viel breiteres gesellschaftliches Problem und keineswegs nur eine Krankheit der politischen Elite ist. Insofern war die Toleranzschwelle immer hoch, das Suchen nach Lösungen in der Grauzone und das Fischen im Trüben sind in der gesamten Gesellschaft verbreitet, auch wenn es Ausnahmen gibt. Die politische Korruption ist nur ein Symptom, aber mein Eindruck ist, dass nicht die Toleranzschwelle angestiegen ist, sondern dass die in die Korruption verwickelten gesellschaftlichen Schichten breiter und die Beträge größer geworden sind, sodass diese an sich hohe Toleranzschwelle doch überschritten wird.

Dies entbindet aber keinesfalls die Politiker aus ihrer Pflicht, denn sie hätten die Möglichkeit und die Macht, um daran etwas zu ändern. Es macht mich wütend und bitter zu sehen, dass natürlich die Ausnahmen ausgenommen, aber im Großteil der Fälle, eben das Gegenteil das Ziel zu sein scheint. Als Journalisten ist es unsere Aufgabe, dies nicht zuzulassen. Der Vagyonkereső bietet dazu ein Werkzeug, das es bisher nicht gab. Aber nur, wenn man lernt, dieses Werkzeug zu nutzen, bringt es auch etwas.

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