Je emotionaler der Wahlkampf geführt wird, umso chancenreicher ist ein für die Initiatoren positiver Ausgang eines Referendums. Die Sympathien für die den Europäern einst so überragend sympathische Europäische Union sind im Schwinden begriffen. Dabei spielt es mit Blick auf zukünftige Referenden keinerlei Rolle, ob dies wirklich das Ergebnis einer schwachen Leistung der EU- Entscheidungsträger oder nur deren wenig überzeugender Kommunikation ist. Da die Chancen für siegreiche Exit-Referenden derzeit so günstig stehen, wie noch nie in der Geschichte der EU, werden auf der anderen Seite die Verteidiger der gegenwärtigen EU alles daran setzen, weitere Referenden zu verhindern. Diesem Ziel wird auch dienen, an den „abtrünnigen“ Briten jetzt ein hartes und möglichst abschreckendes Exempel zu statuieren. Erste Kommentare der Pro-Juncker- EU-Fraktion gehen ganz in diese Richtung.

Statt darüber nachzudenken, wie der EU ihre einstige Attraktivität wieder zurückgegeben werden kann, wollen Junckeraner die EU-27 offensichtlich lieber per Zwang und Abschreckung am Leben halten. Statt zuzugeben, dass an der gegenwärtigen EU etwas nicht stimmt und entsprechende Reparaturen einzuleiten, versuchen sie, mit ihren gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderungen nach noch mehr Integration von einer Reparatur der EU abzulenken. Geschickt vertauschen die Juncker-EU- Anhänger auch Ursache und Wirkung. Nicht ihre schwachen Leistungen oder deren Kommunikation sind das Problem, sondern freilich die bösen EU-Kritiker, die ohnehin nur alle „Rechtspopulisten“ sind, mit deren Argumenten man sich nicht auseinandersetzen muss. Ja, und natürlich das Volk, das einfach zu blöd ist, die Erfolge von Juncker & Co. zu erkennen und entsprechend zu würdigen.

Genau deshalb sollte man es auch bloß nicht befragen. Während sich die EU- Oberen sonst höchst pikiert zeigen, wenn man ihnen und ihrer Organisation Demokratiedefizite unterstellt, bekunden sie hier unverhüllt ihre Abscheu vor Volksbefragungen. „Wie konnte dieser Cameron nur!“ „Ohne seine Schnapsidee mit dem Referendum wäre alles so schön weitergegangen!“ Referenden dürfte es nach dem Dafürhalten der EU-Entscheidungsträger eigentlich nur dann geben, wenn ein für sie positives Ergebnis abzusehen ist. Oder zumindest, wenn diese solange wiederholt werden können, bis die verstockten Wähler endlich „richtig“ wählen. Oder wenn das Wahlergebnis – wie im Fall des letzten Griechenland-Referendums – einfach ignoriert werden kann. Nur dumm für Juncker & Co., dass immer mehr EU-Bürger eine etwas andere Vorstellung von Referenden und Demokratie haben.

Gerade als hätte die EU keine echten Probleme, werden wir also in der kommenden Zeit ein zähes Ringen von Juncker-EU- Vertretern und Referendumsbefürwortern erleben. Wieder einmal Wasser auf die Mühlen derer, die ein Interesse an einem schwachen Europa haben. Die Probleme, die zum immensen Popularitätsverlust der EU bei ihren Bürgern geführt haben, werden sich so sicher nicht lösen lassen, was wiederum Wasser auf die Mühlen der Referendums- beziehungsweise Exit-Liebäugler ist. Jederzeit kann es nun nach dem Startschuss der Briten zu weiteren Referenden kommen. Stabile Verhältnisse sehen anders aus. Die Worte: „Bis dass das Referendum uns scheidet“ werden immer deutlicher über immer mehr EU-Ländern schweben. Klar geht es bei Referenden nicht nur um reine Fakten, sondern auch um Emotionen und Halbwahrheiten. Aber vor zehn Jahren hätten selbst die am pfiffigsten konzipierten Anti-EU- Referenden keine Chance gehabt. Das ist heute anders. Etwas ist hier gehörig aus dem Ruder gelaufen.

Statt die Briten zu maßregeln und EU-Kritiker zu verhöhnen, sollten die EU- Entscheidungsträger jetzt lieber dafür sorgen, dass die Sympathiewerte der EU und ihre für jeden Bürger klar erkennbaren Leistungen wieder steigen. Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise oder der Euro-Krise könnte die EU zeigen, was sie auf dem Kasten hat. Ebenso bei der Abnabelung von den USA und einer Normalisierung der Beziehungen zu Russland. Wenn die EU- Entscheidungsträger bei diesen und weiteren Themen vorankommen, dann können sie sich gewiss auch bald ihre für den Kampf gegen Juncker-EU- Kritiker vergeudeten Kräfte sparen.

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