Es wurde gesungen, gelacht, getanzt, geweint. Die Schienen der Budapester Straßenbahnlinien 4 und 6 wurden in eine einzigartige Fanmeile und ganz Ungarn in ein rot-weiß-grünes Fahnenmeer verwandelt. Die ungarische Nationalmannschaft hat das Land während der EM-Vorrunde in einen Ausnahmezustand versetzt und uns an einem kurzen, aber unvergesslichen Sommermärchen teilhaben lassen. Doch am Sonntagabend war Schluss: Die Ungarn schieden im Achtelfinale gegen Belgien mit 0:4 aus. Bereits einen Tag später kehrte die Nationalelf aus Frankreich zurück und wurde jubelnd am Heldenplatz in Budapest begrüßt. Von Enttäuschung zeigten die rund zehntausend Fans keine Spur. Gemeinsam mit den Spielern sangen sie die ungarische Nationalhymne sowie den Fußballsong der ungarischen Popband Soho Party’s.

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Publikumsliebling Balázs Dzsudzsák gab fleißig Autogramme...

Schon bevor der Bus mit den Spielern eintraf, war die Stimmung heiter und ausgelassen. Als Teamkapitän Balázs Dzsudzsák und Trainer Bernd Storck auf die Bühne traten, folgte frenetischer Beifall. Die beiden richteten sich in ihrer Ansprache an die treuen Fans der ungarischen Nationalmannschaft: „Ohne euch wäre all das nicht möglich gewesen. Wir sind so stolz und dankbar. Wir sind glücklich, dass der ungarische Fußball die Nation zusammengeschweißt hat. Die Vorbereitungen liefen super, wir wollten alle Spiele gewinnen, natürlich auch das Spiel gegen Belgien. Doch wir können immer noch nicht glauben, was in den letzten Wochen passiert ist und hoffen, dass diese positive Energie das gesamte Land erreicht“, sagte der 30-jährige Stürmer Dzsudzsák.

Das Wunder von Bernd

Vor allem ein deutscher Trainer war es, der seine Mannschaft als erfolgreichen Gruppensieger ins Achtelfinale brachte. Und damit ist nicht Joachim Löw gemeint, sondern Bernd Storck, der dem Trauern um die „Goldene Mannschaft“ um Ferenc Puskás wohl ein für alle Mal ein Ende gesetzt hat. So fügte der Trainer vor der Menge am Heldenplatz hinzu: „Danke, dass ihr alle gekommen seid. Mit eurer Unterstützung bilden wir ein starkes Team für die Zukunft, welches den Erfolg der letzten Wochen verdient hat. Es war der Wahnsinn, wir wurden immer besser. Nun stehen wir vor neuen Aufgaben und hoffen, dass wir dieselbe Unterstützung bei den WM-Qualifikationen erleben dürfen. Ich kann natürlich nichts versprechen, aber wir werden alles geben“, so Storck. Torhüter Gábor Király, der mit 40 Jahren der älteste Spieler des Turniers war, scherzte: „Ich brauche erstmal ein paar Jahre, um mich zu erholen.“

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...ebenso wie Nationaltrainer Bernd Storck.

Ursprünglich wurde das ungarische Team im Vorfeld von Experten als schlechteste Mannschaft der 24 EM-Teilnehmer gehandelt. Doch den Kritikern zum Trotz haben die Ungarn die wohl stärkste Leistung aller Außenseiter gezeigt. Jene Zweifler sind verstummt und sich nun einig, dass Ungarn während der EM unter den Außenseitern den aktivsten und offensivsten Fußball gespielt hat. Storck selbst sagt über sich und seine Art zu trainieren: „Ich gehe volles Risiko, habe keine Angst zu versagen. So gebe ich auch meinen Spielern die Möglichkeit, sich selbstbewusst zu zeigen“. Er setzt auf junge Spieler, wie beispielsweise László Kleinheisler, der prompt den ersten EM-Treffer der Ungarn gegen Österreich erzielte. Die französische Sportzeitung L’Équipe nahm den 22-jährigen Stürmer sogar in ihre Liste der „Elf der Vorrunde“ auf. Das gleiche Medium wählte auch Storck zum zweitbeliebtesten Trainer des Spiels, wohingegen er in einer Pressekonferenz bescheiden reagierte: „Es geht nicht um mich, es geht um meine Spieler, die den ungarischen Fußball nach vorne bringen sollen.“

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Storcks Devise hat sich während der letzten Wochen auch in der entschlossenen und energischen Spielweise der Ungarn widergespiegelt. Ein ganz besonderes Highlight war das spannende Spiel gegen Portugal, was letztlich 3:3 ausging und Ungarn den Gruppensieg einbrachte. Storck, der 2008 noch nach Zentralasien gezogen war, weil er, wie er selbst bestätigt, nach dreizehn Jahren als Bundesliga-Assistent in Deutschland nicht einmal eine Chance auf einen Job in der dritten Liga angeboten bekam, ist mit der ungarischen Mannschaft nun ein gelobter, hochgeschätzter Trainer in der Welt des Fußballs und wird Ungarn als solcher hoffentlich noch viele Jahre erhalten bleiben.

Nach der EM ist vor der WM

Vor der diesjährigen Europameisterschaft hatte sich Ungarn 30 Jahre nicht mehr für eine Europa- geschweige denn Weltmeisterschaft qualifiziert. Dank Bernd Storcks großer Vision hat die ungarische Mannschaft das ganze Land emotional in Trab gehalten. Dabei geht es nicht um eine besondere Platzierung im Turnier, sondern vielmehr um einen langfristigen Mentalitätswandel, sowohl innerhalb des Teams, als auch gegenüber dem ungarischen Fußball an sich. Eine besonders positive Nachricht: Bernd Storck will weitermachen. Und das, obwohl er sich mit seinem Engagement für die ungarische Mannschaft sicherlich auch für größere Aufgaben interessant gemacht hat. Er hat mit einfachen Mitteln Unerwartetes erreicht und mit einer Gruppe international beinahe unbekannter und in der deutschen Bundesliga vermeintlich uninteressanter Spieler Ungarn zur EM und schließlich ins Achtelfinale geführt. Auch wenn es noch kein perfektes Fußballmärchen ist – für viele ist es die wohl schönste Erfolgsgeschichte der EM 2016. Wir dürfen uns also getrost auf ein neues Kapitel in der Fußballgeschichte der Magyaren freuen. Was Xavier Naidoo einst im Jahre 2006 für die deutsche Nationalelf verfasst hat, gilt nun für die ungarische Mannschaft: „Uns bleibt nichts zu tun, außer Danke zu sagen, denn ihr habt Großes geleistet in diesen Tagen.“

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