Wie können Firmen für noch mehr Innovationsaktivitäten in Ungarn sorgen?

Indem man etwa Veranstaltungen wie den Innovationsabend organisiert, um zu zeigen, was in Ungarn in Sachen Innovation so alles möglich ist. Und indem man das Thema immer ganz konkret angeht. So wie wir etwa mit den Inspektionsdrohnen, die bei uns in Ungarn, genauer gesagt bei der Photovoltaik-Anlage und den Kohletransportbändern des Mátra-Kraftwerks, getestet und auf ihre späteren Einsätze im kommerziellen Bereich vorbereitet werden.

Worum geht es bei dem Drohnenprojekt?

Vor allem um die präzise und zielorientierte Verarbeitung der gesammelten Daten. Ziel ist es, den Betreiber von Photovoltaik-Anlagen oder Gleisanlagen rechtzeitig auf eventuelle Schäden aufmerksam zu machen. Derzeit sind bei uns zwei Drohnen im Testeinsatz. Schon jetzt interessieren sich Kunden auch in Deutschland für diesen Service.

Drohnenfliegen und gewonnene Daten auswerten… Was ist daran so innovativ?

Innovativ ist daran nicht das Drohnenfliegen, sondern der Einsatz dieser Technik zu Inspektionsarbeiten, welche ansonsten mit anderen, wesentlich aufwändigeren Hilfsmitteln durchgeführt werden müssen.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ziel sowohl der ELMŰ/EMÁSZ-Gruppe als auch unserer Mutterfirma ist es, weitere, über das Kerngeschäft hinausgehende Dienstleistungen zu entwickeln. Wichtig ist dabei immer, einen konkreten operativen Nutzeffekt im Auge zu haben. Ich spreche als Executive Sponsor des Urban Solutions Teams übrigens nicht nur für Ungarn, sondern für die gesamte RWE-Gruppe, für die wir uns im Rahmen des Innovation Teams nach neuen geschäftlichen Möglichkeiten umsehen. Ich bin sehr froh, in einem Unternehmen zu arbeiten, das diese Möglichkeiten bietet. So kann ich lokal CEO der ELMŰ/ÉMÁSZ bleiben – denn mein Herz gehört Budapest – und gleichzeitig strategisch wichtige Aufgaben auf Konzernebene bearbeiten. Ost-Europa bietet viele Möglichkeiten, Innovationen zu realisieren. Das ist also eine Chance nicht nur für die ELMŰ/EMÁSZ-Gruppe, sondern auch für andere Beteiligungen in der Region.

Ohne diese zusätzlichen Aufgaben auf Konzernebene wäre Ihr Leben als ungarischer CEO sicher ruhiger!

Das stimmt. Es ist aber auch ein schönes Gefühl, an der Gestaltung neuer Geschäftsmöglichkeiten mitzuwirken.

Was genau wollen Sie entwickeln?

Wir wollen verstärkt neue Lösungen für Kunden entwickeln. Auch Lösungen, die über unser Kerngeschäft, also die Energie hinausgehen. Auch das Geschäft mit den Inspektionsdrohnen weist ja über das Energiegeschäft hinaus.

Es geht hier also um handfeste geschäftliche Entwicklungen.

Auf jeden Fall. Hinter unseren innovativen Anstrengungen verbergen sich handfeste Ziele. Eine unserer Herausforderungen ist zum Beispiel, dass die Netze weiterentwickelt werden müssen. Aber es gibt nicht nur diesen technologischen Aspekt. Wir müssen auch im sogenannten „War of Talents“, auf der Suche nach den besten Köpfen, ganz vorn mitspielen. Wir brauchen neue Mitarbeiter, die innovativ und kreativ sind, und die neue Ideen für das Business mitbringen. Und gleichzeitig müssen wir unsere Mitarbeiter auf die neuen Herausforderungen vorbereiten und ihnen die Möglichkeit geben, sich entsprechend weiterzuentwickeln. Das ist eine unglaublich spannende Aufgabe auch für mich.

Also geht es bei Ihren Innovationsanstrengungen auch um Personalmarketing.

Durchaus. Solche Projekte helfen uns natürlich, gute Leute auf unsere Firma aufmerksam zu machen. Sie helfen uns aber auch, unsere vorhandenen Führungskräfte zu motivieren. Daher waren bei dem Innovationsabend viele Führungskräfte von uns unter den Gästen. Wir müssen ihnen interessante Perspektiven innerhalb unserer Firma aufzeigen. Die Utilities der Zukunft müssen unter wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und Umweltaspekten nachhaltig sein. Unter diesen Aspekten gibt es noch viel zu tun. Von innovativen Projekten gehen aber auch positive Signalwirkungen aus, die weit über die jeweilige Firma hinausreichen.

Inwiefern?

Es ist eine Tatsache, dass Ungarn zunehmend unter einem Fachkräftemangel leidet. Dagegen muss etwas getan werden. Lohnerhöhungen sind wichtige, aber allein nicht ausreichende Maßnahmen. Wenn die jungen Absolventen mitbekommen, dass auch bei ihnen im Land in Sachen Forschung & Entwicklung, aber auch Innovation die Musik spielt, dass sie also nicht unbedingt ins Ausland gehen müssen, um an vorderster Entwicklungsfront mit dabei sein zu können, dann werden sie sicher viel weniger geneigt sein, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Das Gesamtpaket muss stimmen. Aber ich bin mir sicher, dass die Regierung dies schon erkannt hat und unterstützt.

Was könnte die Regierung noch intensiver tun, um das Thema voranzubringen?

Ich werde der Regierung nicht sagen, was sie tun sollte. Ich kann ihnen jedoch sagen, was uns Unternehmen wichtig ist und mit welchen Maßnahmen wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Zunächst einmal sollten wir alle bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich machen, wie wichtig das Thema Innovationen ist. Spezielle Förderprogramme können sinnvoll sein, genauso wie Kooperationen mit internationalen Unternehmen hier vor Ort. Außerdem sollten wir immer möglichst konkret sein: Wir brauchen ganz greifbare Projekte mit klarer Terminierung. So wie wir es beim Innovationsabend illustriert haben. Ungarn ist ein toller Innovationsstandort. Ich bin jetzt zwölf Jahre in Ungarn. Hier tut sich etwas. Ungarn hat das Potenzial, bei Forschung und Innovationen ohne weiteres zum Front Runner der CEE-Region zu werden.

Bei Ihnen hat das Thema Innovation schon jetzt eine große Leidenschaft geweckt!

Ich sehe darin eine tolle Möglichkeit. Ich bin jetzt 57 Jahre und könnte bequem auf die Rente zusteuern. Das ist aber nicht mein Ding. Ich brauche neue und interessante Herausforderungen. Klar muss ich auf meinen Kerngebieten genauso wie zuvor Ergebnisse bringen, Mittelfristplanungen erarbeiten und so weiter. Dennoch macht es daneben aber viel Spaß, die Zukunft zu gestalten, und zu überlegen, was noch zu tun sein könnte. Das gibt mir persönlich viel Energie, die mir wiederum hilft, mich meinen Hauptaufgaben noch motivierter zu widmen.

Im Frühjahr war ich im kalifornischen Palo Alto und habe dort sehr viel gelernt, was ich nach Ungarn zurückbringen konnte. Bei Zukunftsthemen kann ich von Budapest aus mit dabei sein und etwas bewegen.

Sie selbst sind aber auch in Deutschland beruflich tätig.

Ich bin Mitglied im Executive Commity Grid der RWE. Daneben leite ich in Deutschland als Executive Sponsor ein Innovation Team mit zehn Innovatoren. Meine Aufgabe ist es, Innovation aus dem operativen Geschäft in unseren Innovationsbereich zu bringen und von dort wieder zurück in den operativen Bereich.

Wieviel Ihrer Arbeitszeit widmen Sie dem Innovationsthema?

Viel! Einiges lässt sich aber gut mit meinen Führungsaufgaben in Ungarn kombinieren. So etwa die Ausrichtung des Innovationsabends.

Was können die ausländischen Firmen und deren CEOs tun?

Ihren Spielraum auch in Sachen Innovation voll ausnutzen. Konkret mit jungen Leuten zusammenarbeiten. Es geht darum, Arbeitskräfte zu halten und ihr Engagement für den Standort Ungarn zu zeigen. Darüber hinaus sorgen Innovationsprojekte auch für einen persönlichen Motivationsschub, was im fortgeschrittenen Berufsleben ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist. Das kann einem auch persönlich viel geben.
Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
PICK Deli und Gourmet im V. Bezirk

Die Gourmetkantine der Wurstfabrik

Geschrieben von Katrin Holtz

Die Salamis und Wurstspezialitäten aus dem Hause Pick lassen nicht nur in Ungarn, sondern in ganz…

Shell Beach

„In Budapest killen sie die Clubs“

Geschrieben von Andrea Ungvari

Post-Hardcore ist grundsätzlich ein Außenseiter, das will es auch sein. Die Musikrichtung, die einst…

Die Oppositionsseite / Kommentar zur Causa CEU

Uns stehen große Veränderungen bevor

Geschrieben von Zoltán Lakner

Schon vor vier Jahren war klar, dass sich die Regierung eher früher als später einmal der CEU…