Das Ganze ist wie ein Traum. Ich spaziere in Marseille und treffe alle Minuten auf glückliche Ungarn. Wir gehen nicht emotionslos aneinander vorbei, wie zu Hause, sondern grüßen uns gegenseitig: „Vorwärts, Ungarn!“ Es kommen sogar ganze Familien, Mütter und Väter mit ihren Kindern, alle kirschrot gekleidet und mit rot-weiß-grüner Gesichtsbemalung. Alle lächeln. Da auch ich im offiziellen Dress des Nationalteams unterwegs bin, grüßen mich auch wildfremde Sportsfreunde. In der Gaststätte erheben Unbekannte das Glas und sagen in gebrochenem Ungarisch: „Egészségedre!“ (dt.: Zum Wohl). Von der anderen Straßenseite rufen mir Jugendliche „Ry, ry, Hungary!“ zu. Es tut gut, einer von den zwanzigtausend Ungarn zu sein, die von Budapest in die tausendfünfhundert Kilometer weit entfernte Stadt an der Mittelmeerküste gereist sind. Ähnlich gut war es in Bordeaux, und mit größter Wahrscheinlichkeit erwartet uns auch in Lyon ein angenehmes Erlebnis.

Unvorstellbares Erlebnis

Meiner Generation ist es zum ersten Mal im Leben gegeben, an einem wirklich bedeutenden Fußball-Ereignis unter Beteiligung der eigenen Nation teilnehmen zu können. Auch bisher konnte man irgendwie Tickets kaufen und einer Lieblingsmannschaft zujubeln, diese konnte aber nie die ungarische Mannschaft sein; das jetzt ist allerdings etwas ganz anderes. An einer Europameisterschaft teilzunehmen, bei der uns unbekannter Weise gratuliert wird (das geschah nach dem Spiel Österreich-Ungarn) oder ich einen isländischen Fan trösten kann (dass sie sich auch über ihre bisher erreichten zwei Punkte freuen können), ist ein Erlebnis, das man sich vorher nie wirklich vorstellen konnte.

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„Wir hatten bei der EM noch keine Niederlage! Wir haben vier Punkte, genau doppelt so viel, wie Portugal mit seinem Superstar Cristiano Ronaldo.“

In der Früh wachte ich auf und realisierte, dass ich nicht geträumt hatte: Nach zwei Spielen sind wir immer noch Tabellenführer! Und was noch wichtiger ist: Wir hatten bei der EM noch keine Niederlage! Wir haben vier Punkte, genau doppelt so viel, wie Portugal mit seinem Superstar Cristiano Ronaldo. Entgegen den Erwartungen der Sportwelt sind nicht wir der Prügelknabe unserer Gruppe, dem schon das bloße Dabei-Sein eine großartige Sache ist, der aber mit drei Niederlagen nach Hause fahren darf. Wir sind nicht in einer untergeordneten Rolle, sozusagen als Touristen hier, die für eine gewisse Zeit nur deshalb unter den Titanen sein können, weil die Zahl der EM-Teilnehmer von 16 auf 24 angehoben worden ist.

„Unsere Hoffnungen liegen nicht in der Mathematik“

Wir sind dort angelangt, wo wir wieder herumkalkulieren können. Aber wie grundlegend anders ist dieses Herumkalkulieren jetzt: Unsere Hoffnungen liegen nicht in der Mathematik, dass sich das leidige Weiterkommen nur irgendwie ausgeht. Das kann man schon mit Sicherheit behaupten – die Kalkulation läuft darauf hinaus, dass es vielleicht besser wäre, als Gruppenzweiter abzuschneiden, denn dann bekämen wir einen einfacheren Gegner im Achtelfinale. Ist das so zu verstehen, dass man das letzte Spiel gegen Portugal nicht so ernst nehmen sollte? Das wäre ein Spiel mit dem Feuer, denn wenn Island Österreich schlägt, sind wir nur Gruppendritte. Wer hätte vor ein paar Wochen oder Monaten gedacht, dass wir nach zwei EM-Spielen überhaupt solche Probleme haben werden?

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Mit dieser Situation kann die Welt nicht viel anfangen: Ein Artikel jagt den anderen, dass Ungarn wieder zur Weltfußball-Elite zurückgekehrt sei, man spricht von einem neuen ungarischen Wunder. Fernsehleute ferner Länder kleiden sich mit der legendären grauen Trainingshose des großartigen Torhüters Gábor Király, Memes kursieren im Internet über den Zweikampf des László Kleinheisler mit dem isländischen Wikinger bei der Eckfahne. Es wird vielleicht jemand irgendwann die Artikel und Berichte, die in diesen Tagen in der internationalen Sport- und Polit-Presse in einem positiven Licht über Ungarn und den ungarischen Fußball erscheinen, sammeln und sich vielleicht auch ausrechnen, für welches Geld man so viele PR-Artikel hätte kaufen können.

Die bewegende Kraft des Fußballs

Sie ist schon teils in Vergessenheit geraten, doch jetzt hat sich die bewegende Kraft des Fußballs in einem brutalen Ausmaß unaufhaltsam wieder befreit. Ich bekomme nur aus den Nachrichten mit, wie zu Hause gefeiert wird: Der Verkehr auf der Ringstraße ist nach Ungarn-Spielen lahmgelegt, die Margareteninsel ist brechend voll und auch am Land ist die Feierlaune überall in einem großartigen Ausmaß präsent. Und selbstverständlich auch über Ungarns Landesgrenzen hinweg: Für die Auslandsungarn des Karpatenbeckens war es ein unbeschreiblich gutes Gefühl, als Kapitän Balázs Dzsudzsák nach dem Spiel am Samstag im Interview sagte, dass jetzt gegen Island fünfzehn Millionen aufs Spielfeld gegangen sind, dass man bei einem derartigen Publikum nicht verlieren kann.

Hier in Marseille sehe ich, wie viele wir sind und von wie vielen Punkten wir unseren Weg hierher gefunden haben: Junge Székler mit der Székler-Fahne schießen gemeinsame Fotos mit Auslandsungarn aus Toronto, und von den zahlreichen Fahnen im Stadion konnte ich die verschiedensten Ortsnamen noch gar nicht alle aufschreiben.

Mit fünfundvierzig Jahren war es ein großartiges Gefühl, weinende Erwachsene vor einem Fußballspiel beim Absingen der Nationalhymne zu sehen, einer von den vielen Tausend verrückten, einander umarmenden Fans gewesen zu sein, als der Ausgleich gegen Island erfolgte oder als Stieber das zweite Tor gegen Österreich schoss. Endlich habe ich eigene Erlebnisse, die ich weiter erzählen kann – ich muss mir nicht nur von anderen anhören, wie es damals, beim 6:3 von London oder bei einem anderen legendären Spiel der Goldenen Elf war, neben dem Radio mitzufiebern.

Nach einer Flaute von über vier Jahrzehnten ist Ungarn wieder in der Weltfußball-Elite angekommen. Unsere Mannschaft ist voller junger Spieler, deshalb ist es vielleicht kein Zweckoptimismus, wenn wir sagen: Das Schicksal sieht für uns nicht nur eine Gastrolle vor. Aber wenn doch, konnten wir zumindest Teil eines Wunders gewesen sein.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 20. Juni auf dem Online-Portal der konservativen Tageszeitung Magyar Nemzet.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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