Sehen wir einmal davon ab, was Viktor Orbán wohl dazu sagen würde, wenn eine andere ausländische Regierung vor einem Referendum ihre Meinung so kundtun würde. Und auch abgesehen davon, wie viele Briten tatsächlich daran interessiert sind, was Ungarns Regierungsoberhaupt zu der ihnen bevorstehenden Wahl denkt! Dies ist ein geschichtsträchtiger Moment, wir sind Augenzeugen einer bühnenreifen Pirouette. Diese Wendung ist mindestens ebenso überraschend, wie die Tatsache, dass die ungarische Fußballnationalmannschaft Gruppenerster bei der EM ist.

Ungarn ist voll mit Plakaten widersprüchlichen Inhalts, in britischen Zeitungen hingegen teilen wir mit, dass wir Brüssel mögen und stolz sind auf unsere Mitgliedschaft in der Union. Die ungarische Regierung behauptet also zwei Dinge über ein und dieselbe Sache: einmal eben daheim und dann dessen Gegenteil im Ausland. Für den Herbst ist gar ein Referendum geplant, nur, um den Widerstand gegen die Union zu legitimieren und die erhofften politischen Lorbeeren dafür einzuheimsen. Der unendliche Zynismus verlangt nach Regierungssprecher Kovács, damit endlich erklärt wird, wie sie, die Regierung, das nun eigentlich alles meint. Welches genau sind jene Grundwerte der Union, auf welche die ungarische Regierung so stolz ist?

Die parlamentarische Demokratie, die Achtung der Andersdenkenden, die Menschenrechte, die zivilen Organisationen, die Vielfalt und Freiheit der Presse, die Solidarität unter den Staaten oder gar die das staatliche Eingreifen auf ein Minimum reduzierende, geregelte, aber wettkampfneutrale Marktwirtschaft?

Es sieht so aus, als ob Orbán sich selbst als bedeutende Größe innerhalb Europas sieht, auf dessen Wort die Massen hören. Auf der anderen Seite will er entgegen aller bisherigen Vermutungen aber nicht, dass die Europäische Union an Stärke einbüßt. Vielleicht hat ihn auch die Möglichkeit der versiegenden Unionsgelder bei einem eventuellen Austritt aufgeschreckt oder dass mehrere Hunderttausend in Großbritannien arbeitende und lebende (und zu großen Teilen vermutlich nicht Regierungswähler) wieder nach Ungarn heimkehren könnten.

Natürlich kann es aber auch sein, dass ihn ein ganz anderer Gedanke leitet, denn lange könnte er seinen Widerstand gegen Deutschlands Vorstellungen ohne das britische Gegengewicht nicht aufrechterhalten. Es ist immer noch besser an David Camerons Seite gegen die Brüssel-Berlin-Achse ins Gefecht zu ziehen, als allein oder im besten Falle gemeinsam mit den Polen. Antal Rogán hat am Freitag (statt vor einem ungarischen Gericht zu erscheinen) seine deutschen Partner über den ungarischen Standpunkt informiert. Heute wird Péter Szíjjártó die fantasielosen EU-Außenminister mit eben diesen Neuigkeiten überraschen, denen es bisher nicht in den Sinn gekommen ist, die Briten mit einer bezahlten Kampagne beeinflussen zu wollen.

Aber Obacht, nicht dass die beiden Anzeigen vertauscht werden, weil das sähe wirklich dumm aus.

Der Kommentar erschien am 20. Juni auf dem Onlineportal der linksliberalen Tageszeitung Népszabadság.

Aus dem Ungarischen von Elisabeth Katalin Grabow

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
Fotoausstellung jüdischer Grabstätten in der Kunsthalle Budapest

Was Friedhöfe über das Leben erzählen

Geschrieben von Emely Schalles

Als „Haus der Ewigkeit“ werden Gräber im Judentum bezeichnet. Anders als christliche Totenstätten…

Zum 119. Geburtstag von Sándor Márai

Späte Heimkehr nach Kaschau

Geschrieben von Katalin Győry

Am 11. April 1900 wurde Sándor Márai in Kaschau geboren. Sein Alter spiegelt die Eckdaten des…

37. Ungarische Pressefotoausstellung

2018 in Bildern

Geschrieben von Vanessa Polodnia

Wer sich vergegenwärtigen möchte, wie schnell die Zeit vergeht, sollte sich derzeit in das…