„Die Dreharbeiten für 'Son of Saul' waren für mich eine sehr intensive Zeit“, sagt Björn Freiberg und blickt sinnend in seine Kaffeetasse. Rings um den 46-jährigen Schauspieler, dessen markante Gesichtszüge Autorität und Kraft ausstrahlen, sodass er oft als Polizist oder etwa Soldat besetzt wird, herrscht reges Treiben. Das Café gegenüber der István-Szabó-Bibliothek im VIII. Bezirk ist ein beliebter Treffpunkt für Studenten. Freiberg fühlt sich hier zu Hause, das Viertel erinnert ihn an seine Zeit als Hochschuldozent in Győr. Das war, bevor er 2014 seinen Uniposten zugunsten der Dreharbeiten an „Son of Saul“ aufgab.

„Begegnungen in der Gaskammer“

„Son of Saul“ – das ist das Erstlingswerk des ungarischen Regisseurs László Nemes, das seit über einem Jahr die Filmwelt in Atem hält, angefangen mit seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes, wo es den „Großen Preis der Jury“ abräumte bis hin zur Oscar-Auszeichnung vor wenigen Monaten. Der Holocaustfilm zeigt den ungarischen Juden Saul Ausländer, gespielt von Géza Röhrig, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Als Teil des Sonderkommandos treibt er Juden in die Gaskammern und wird so zum unfreiwilligen Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Auch Björn Freiberg spielt in „Son of Saul“ die Rolle eines Mitglieds des Sonderkommandos, das letztendlich von deutschen Aufsehern verbrannt wird.

#Björn Freiberg gemeinsam mit Todd Charmont, der in "Son of Saul" einen Rabbi spielt.

Dass Freiberg selbst Deutscher ist, habe am Set nie eine Rolle gespielt, auch wenn dem internationalen Stab neben ungarischen Schauspielern, auch polnische und israelische angehörten. „Dass das ein Thema ist, das uns alle historisch betrifft, hat uns sogar noch mehr verbunden“, erinnert er sich. „Gerade als Deutscher empfand ich es als etwas Besonderes in 'Son of Saul' mitwirken zu dürfen.“ Freiberg war einer von etwa fünf deutschen Schauspielern (darunter Christian Harting, Uwe Lauer und Urs Rechn), die in „Saul fia“ (so der ungarische Originaltitel) mitgespielt haben. Am Set habe teilweise eine seltsame Stimmung geherrscht, beschreibt Freiberg, „jeder war gespannt auf die Reaktionen des anderen. Ansonsten zeigte sich die Intensität der Thematik in der ungewöhnlich konzentrierten Arbeitsatmosphäre, die am Set herrschte.”

Doch nicht nur die Thematik machte „Son of Saul“ für Freiberg zu einer intensiven Erfahrung, sondern auch das realistische Setting des Films: „Wir haben nicht hinter Kulissen gedreht, sondern in einem tatsächlichen Gebäude, da ist man viel mehr in der Situation drin. Man steht morgens auf, zieht die Schuhe an und ist dann eben bis zum Abend Häftling.“ Für Freiberg war sein Mitwirken an dem Holocaust-Drama mehr als nur eine Rolle. Dabei war er zunächst gar nicht als Schauspieler ans Set geladen, sondern hatte sich als Statist gemeldet. „Es war für mich überraschend, dass mich der Regisseur am Set trotzdem als Schauspieler wahrgenommen hat und mir schnell eine entsprechende Rolle und sogar einige entscheidende Szenen gab“, erinnert sich Freiberg.

Plötzlich steht die Welt Kopf

Um sich in die schwierige Rolle eines Aufsehers des Sonderkommandos hineinversetzen zu können, nutzte Freiberg einige Kniffe. „Wenn wir zum Beispiel die Menschen in die Gaskammern treiben mussten, dann habe ich mich am Ende des Sets auf eine kleine Anhöhe gestellt. So konnte ich mit Schwung in die Szene hineingehen. Das hat mir geholfen, mich in den Zustand dieses Charakters zu versetzen, der das routinehaft betreibt. Das muss ja gleich auf den ersten Blick sichtbar sein, dass der das schon seit Wochen oder vielleicht Monaten macht.“ Doch auch das Kostüm spielt laut Freiberg eine große Rolle. „In dem Moment, in dem ich in das Kostüm schlüpfe, spüre ich meinen Charakter.“

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Seine Mitarbeit beim Dreh des Holocaust-Dramas „Son of Saul” war für Björn Freiberg eine sehr intensive Zeit.

Dass der Film einmal so ein großer Erfolg werden würde, damit konnte bei den Dreharbeiten laut Freiberg wirklich keiner rechnen. „Soweit denkt man als Schauspieler nicht. Ich war glücklich, dass ich bei dem Projekt mitmachen durfte und bin dankbar für die zwei intensiven Monate Dreh. Etwa ein Jahr später ging dann alles mit Cannes los und es war als ob die Welt kopfsteht. Die Oscarverleihung habe ich alleine in einer Hotelobby verfolgt und nachts im Hotel vor Freude rumgeschrien.“

„Ich erlebe Ungarn wie im Traum“

Obwohl „Son of Saul“ für Freiberg immer eine Herzensangelegenheit bleiben wird, stehen geblieben ist der klassisch ausgebildete Schauspieler seitdem nicht. Erst in diesem Jahr zog er für seine Berufung in die ungarische Hauptstadt. Dabei verbindet Freiberg mit Budapest besondere Erinnerungen. Es war hier, als er 1994 seine ersten Eindrücke von Ungarn sammelte. Eigentlich wollte er ja nach Venezuela fliegen, doch eine Vorahnung hielt den damals 24-Jährigen vom Besteigen der Maschine ab, stattdessen reiste er mit einem Freund nach Ungarn – von Budapest über Miskolc bis nach Debrecen, wo sich Freiberg 1995 bis 2000 niederließ.

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„Ich wusste bis dahin eigentlich nichts über Ungarn, aber es hat mir sehr gefallen. Es war wie eine Reise in eine innere Welt. Auch heute erlebe ich Ungarn immer noch wie im Traum. An Budapest hat mich das Gefühl von Freiheit gereizt. Ich bin nachts ohne T-Shirt auf der Straße rumgelaufen. Was mir auch gefallen hat, war, dass das Dunkle, das Skurrile, das Seltsame hier lebensfähig war und leben durfte“, erinnert sich Freiberg. In Debrecen begann der Mittzwanziger über die Fernuni Hagen ein Studium der Philosophie mit Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre im Nebenfach, das er mit dem Magister artium abschloss.

„Nach dem Studium wollte ich unbedingt eine Arbeit in Ungarn finden, auch weil ich mittlerweile eine Familie hier hatte, und bin schließlich auf eine Ausschreibung der Robert-Bosch-Stiftung für eine Dozentenstelle in Pécs oder Győr aufmerksam geworden.“ Am Ende entschied sich Freiberg, mit seiner Familie nach Győr zu ziehen. Hier setzte er 2004 seine akademische Laufbahn mit einem Doktorstudium fort. Die kommenden Jahre wurde für Freiberg der Hörsaal zur Bühne. „Um mein Theaterleben war es während dieser Jahre immer ruhiger geworden“, erzählt der ehemalige Unidozent, „aber trotzdem habe ich es nie ganz aufgegeben und wusste, dass es irgendwann wieder in mein Leben zurückkehren würde.“

Dieser Punkt war 2014 erreicht, als Freiberg vom ungarischen Fernsehsender TV2 eine kleine Rolle im Reality-TV-Format „Édes Élet“ angeboten wurde. „Obwohl das eigentlich ein ganz billiges Produkt war, hat es mich dennoch fasziniert, weil es wunderbar war, wieder zusammen mit kreativen Leuten etwas zu schaffen. Da wusste ich, dass ich wieder mehr in diese Richtung gehen wollte. Kurz darauf kam dann bereits die Mitarbeit an 'Son of Saul'“, so Freiberg.

Erste Hauptrolle in Ungarn

So richtig zufrieden ist Björn Freiberg nur, wenn er drehen kann. Ob nun als Statist oder Schauspieler, er ist ständig auf Filmsets unterwegs. Derzeit wirkt er unter anderem an der US-amerikanischen Fernsehserie „Tyrant“ mit. Ist er nicht am Filmset, arbeitet Freiberg daran, sich und die Produktionen, in denen er zu sehen ist, medial zu repräsentieren. Dazu besucht er Vorführungen und Publikumsgespräche oder teilt Inhalte in sozialen Netzwerken, beispielsweise den Trailer zum Film „The White King“ (nach dem gleichnamigen Roman von György Dragomán), der bald erscheint und in dem Freiberg einen Sicherheitsmann mimt oder Artikel und Videos zum Film „Tiszta Szívvel“ (deutsch „Mit reinem Herzen“) von Regisseur Attila Till, der erst im April in die Kinos kam. Hier ist Freiberg als deutscher Arzt zu sehen.

Doch ein persönliches Highlight ist für den Vollblutschauspieler sein Mitwirken im ungarischen Erster-Weltkriegsdrama „Szürke Senkik“ (deutsch „Graue Niemande“), das im Laufe des Jahres Fernsehpremiere feiern wird. Hier besetzt Freiberg zum ersten Mal eine Hauptrolle in einem ungarischen Film – nämlich die Rolle des österreichischen Soldaten Kramer. „Es war besonders wichtig für mich, da ich dadurch gemerkt habe, dass ich auch hier in Ungarn als Schauspieler bemerkt und gebraucht werde.“

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Björn Freiberg als SS-Arzt in „Son of Saul“.

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