Am Dienstag bestätigte das Zentralamt für Statistik (KSH) weitgehend die Zahlen der ersten Schätzung, wonach die ungarische Wirtschaft im I. Quartal nur um 0,9 Prozent zu wachsen vermochte. Saisonal und um Kalendertage bereinigt wurde der zuerst mitgeteilte Wert noch leicht auf 0,4 Prozent nach unten korrigiert, aber im Wirtschaftsministerium schaut man schon längst nach vorne. Bevor wir das ebenso tun, sollten wir uns aber ein wenig in die detaillierten statistischen Angaben für das I. Quartal vertiefen, enthalten sie doch so manch interessante Anhaltspunkte.

Audi gegen komplette Industrie

Die Wertschöpfung der Industrie fiel in den Monaten Januar-März um 0,7 Prozent zurück. Das ist noch schlechter, als sich aus den monatlichen Daten der Industrieproduktion abschätzen ließ. Insbesondere das Flaggschiff, die Automobilindustrie, fiel markant zurück. Im Januar ließ sich diese Entwicklung noch auf längere Betriebsferien zum Jahreswechsel schieben, im März gab es zwei lange Wochenenden (Nationalfeiertag am 15. März und Ostern). Derweil zeigten die nach Komitaten gegliederten Daten, dass es um die Industrie im Komitat Győr-Moson-Sopron schlecht bestellt ist. Heute wissen wir, dass die Audi Hungaria Motor Kft. in den ersten drei Monaten sechzehntausend Autos und zweiunddreißigtausend Motoren weniger produzierte, als Anfang 2015.

Diese Produktionsdelle beim zweitgrößten Unternehmen Ungarns (die offiziell nur mit der Auffrischung der A3 Limousine erklärt wurde) stürzte nicht nur die Komitatsdaten in den Keller – weder die beiden anderen großen Automobilwerke von Mercedes-Benz in Kecskemét und Suzuki in Esztergom noch die komplette sonstige Industrie konnten diesen Ausrutscher wettmachen. Zumal auch Mercedes mit der Auffrischung seiner exklusiv aus Ungarn auf die Weltmärkte gelieferten Modelle CLA und CLA Shooting Brake beschäftigt war: Gerade erst flatterte die Meldung ins Haus, dass die Serienfertigung Anfang Juni wieder hochgefahren werden konnte.

Impulslos bis 2018

Im vergangenen Jahr hatten die drei Automobilwerke insgesamt 525.000 Automobile ausgeliefert: Audi Győr steuerte 160.000 bei, Mercedes Kecskemét 180.000 und Suzuki Esztergom 185.000 Autos. Die Deutschen sind damit an ihre Kapazitätsgrenzen in Ungarn gestoßen, einzig Suzuki kann für 2016 eine größere Ansage machen, die aktuell bei über 200.000 Autos liegt. Demnach könnte Esztergom den Ausfall aus Győr – so sich dieser tatsächlich auf das I. Quartal beschränkt – kompensieren, zumal der neue Kundenliebling bei den Japanern mit dem Vitara ein SUV-Modell ist, das also nicht mehr die Billigpreiskategorie repräsentiert.

Es ist dennoch leicht einzusehen, dass die beiden deutschen Premiummarken dem ungarischen Wirtschaftswachstum ohne Kapazitätserweiterungen nach dem Rekordjahr 2015 keine Impulse mehr verleihen können. Damit müssen wir uns 2016 und 2017 abfinden, für 2018 lassen jüngst getätigte Ankündigungen hoffen. So holt Audi die Produktion des SUV-Modells Q3 aus Spanien nach Győr, das ein Produktionsvolumen von 100.000 Einheiten verspricht. Wie die Kapazitäten mit den fünf Modellen (Audi TT Coupé und TT Roadster, A3 Limousine, A3 Cabriolet, Q3) ausgelastet werden und welche Investitionen man eventuell vornehmen wird, hat die Marke mit den vier Ringen noch nicht verraten. Umgekehrt kündigte Mercedes-Benz die Investition von 580 Mio. Euro in den Standort Kecskemét an, darunter 250 Mio. Euro für ein neues Karosseriewerk. Die Schwaben wollen mit dem Geld die nächste Kompaktwagen-Generation bauen; Modellnamen wurden aber vorerst nicht genannt. Ab 2018/19 dürften also erneut die Automobilhersteller der ungarischen Konjunktur auf die Sprünge helfen, bis dahin müssen aber andere den Motor am Laufen halten.

Handel und Gastgewerbe boomen

Noch in diesem Jahr dürfte der Wohnungsbaumarkt in Bewegung geraten. Das großzügige Wohnungsbauförderprogramm CSOK winkt kreditwürdigen Familien mit bis zu 25 Mio. Forint (80.000 Euro!) an staatlichen Zuwendungen. Wer die hohen Hürden für einen Neubau nicht meistern kann, fährt selbst mit den Millionenzuschüssen für eine Modernisierung des bestehenden Wohnraums gut. Der Baubranche tut die künstlich generierte Nachfrage not, ist sie doch im I. Quartal erneut um 28 Prozent abgestürzt. Wird der Wohnungsbau sukzessive um 5.000-10.000 Einheiten jährlich belebt, verleiht dies dem Hochbausegment Flügel. Im Tiefbau hilft die Regierung nach, wo im neuen Haushaltszyklus keine EU-Fördermittel für Verkehrsinfrastrukturprojekte mehr fließen können. Damit die Straßenbaufirmen nicht ohne Arbeit bleiben, werden sie nach und nach das Netz der untergeordneten Straßen im Lande überholen, wofür im Budget Hunderte Milliarden bereitgestellt werden.

Der Dienstleistungssektor profitiert von der steigenden Kaufkraft im Lande. Mit 4,3 Millionen Menschen stehen so viele wie seit der Wende nicht in Lohn und Brot; der Reallohn nimmt seit Jahren ungebrochen zu. Nachdem mehr und mehr der früheren Kredite abgezahlt sind, bahnt sich das private Geld seinen Weg in Anlageformen zur Altersvorsorge oder aber alternativ in den Einzelhandel. Indem die Regierung einen Teil der außertariflichen Leistungen künftig in bar auszahlen lassen will, erhält der Privatverbrauch einen weiteren starken Impuls. Neben dem Einzelhandel profitieren davon natürlich auch die übrigen Dienstleister, so das Gastgewerbe, dessen Wertschöpfung im I. Quartal um sechseinhalb Prozent zulegte.

Fragezeichen für die Konjunkturentwicklung ergeben sich momentan hinsichtlich der Investitionen, die zu Jahresbeginn um dramatische acht Prozent abstürzten, und der Nettoexporte, die reichlich ungewöhnlich für die letzten Jahre negativ ausfielen. Natürlich hängt das Exportvolumen sehr stark an der Automobilindustrie, außerdem könnte die höhere Importdynamik bereits mit dem intensiveren Konsumverhalten zusammenhängen.

Haushalt bietet Spielraum

Doch die Orbán-Regierung hat nicht die Absicht, sich die Stimmung durch Fragezeichen vermiesen zu lassen. Sie nutzt die ungewohnte Haushaltsstabilität, um die Prioritäten neu zu setzen. Neben dem bereits erwähnten Straßenbau gehen ´zig Milliarden in das Programm „Moderne Städte“, das sämtlichen Komitatsstädten einen Geldregen beschert. Noch mehr Geld als ohnehin vorgesehen fließt in außerplanmäßige Lohn- und Gehaltserhöhungen, die unter anderem dem öffentlichen Dienst zugutekommen. (Kanzleramtsminister János Lázár sprach unlängst von annähernd 800 Mrd. Forint, die 2017 zusätzlich an Einkommen im öffentlichen Dienst verteilt werden sollen. Das ist so viel Geld, dass er sogleich einräumte, das Wirtschaftswachstum werde die Deckung hierfür nicht vollständig bieten können, doch seien diese Lohnkorrekturen notwendig.) Schließlich wird die Mehrwertsteuer gesenkt, was die Bürger animieren soll, mehr Grundnahrungsmittel zu kaufen, sich ein schnelleres Internet zu leisten und öfter in Restaurants essen zu gehen.

All diese Maßnahmen führen laut Ungarischer Nationalbank (MNB) zu einer „beträchtlichen Lockerung“ der Haushaltsdisziplin, aber wir sprechen immer noch von einem Defizitziel für 2017, das nur 2,4 Prozent am BIP erreicht. Zumal es sich um einen einmaligen Ausrutscher handeln soll, denn 2018 sind 1,7 Prozent und 2020 nur noch 1,2 Prozent an Neuschulden vorgesehen. Den Haushalt stärker beanspruchen werden auch die abzurufenden EU-Gelder, für den Konjunkturmotor aber erweisen sich die Fördermittel als überaus vitalisierend. Nicht von ungefähr machten Experten die schlechte Wachstumszahl des I. Quartals an Industrie, Baugewerbe und den ausbleibenden EU-Geldern fest. Werden die Ladehemmungen der neuen Operativprogramme behoben, sollen bis Jahresende noch 1.400 Mrd. Forint fließen, für 2017 rechnet die MNB etwas optimistischer mit 1.700 Mrd. Forint aus Brüssel.

Erste Lebenszeichen von der Industrie

Wie sehr das Budget in Ordnung ist, zeigte sich in den am Dienstag präsentierten Zahlen des Wirtschaftsministeriums für den Monat Mai: Nach einem spektakulären Monatsüberschuss von 132 Mrd. Forint ist das Defizit seit Jahresanfang bei 13 Mrd., in Worten dreizehn Milliarden Forint, angelangt – ein Extremfall in der ungarischen Haushaltsgeschichte. Die Position ist um nahezu 500 Mrd. Forint besser als vor einem Jahr um diese Zeit. Für dieses Jahr ist ein Defizit von 2 Prozent am BIP vorgesehen; nach jetzigem Stand verfügt die Regierung also über weiteren Spielraum, der etwas lahmenden Konjunktur wieder auf die Sprünge zu helfen.

Überstürzen muss sie aber nichts, hat doch die Industrie im Monat April erste Lebenszeichen von sich gegeben. Das Plus von 5,3 Prozent steht im heftigen Kontrast zum Absturz vom März, seit Jahresbeginn liegt die Wachstumslokomotive nun wieder 1,5 Prozent über Nullniveau. Schon sprechen Analysten von einem „technischen Stillstand“ im I. Quartal, den die folgenden Monate vergessen lassen sollen. Dann könnte das Wachstum wieder auf 2-3 Prozent hochschnellen und im Gesamtjahr noch ein BIP-Zuwachs von etwas mehr als 2 Prozent zustande kommen.

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